Die Fotografin Nan Goldin war eine der ersten, die ihr Privatleben exzessiv der Außenwelt zugänglich machte. © Sean Gallup/Getty Images

Und dann treffen einen diese Bilder doch. Aus der Unzahl von Blogs und Facebook-Seiten sticht Angelo Merendinos My wife’s fight with breast cancer  heraus. Der Fotograf hat seiner größten Liebe und seinem größten Schmerz ein fotografisches Andenken geschaffen. In vielen Schwarz-Weiß-Bildern erzählt er die Liebesgeschichte zu seiner Frau Jennifer, von ihrem gemeinsamen Kampf gegen den Krebs bis zu ihrem Tod.

Merendino ist professioneller Fotograf, mit seinen Bildern hat er sein Innerstes öffentlich gemacht. Die Bilder seiner Frau nahm er auf "when I felt something hit my gut, when it felt like an emotional moment".

Sein Blog macht im Grunde nichts anderes als das, was die künstlerische Fotografie seit Ende der sechziger Jahre tut: Privates öffentlich machen. Hätte es Ende der siebziger Jahre schon Blogs gegeben, hätte Nan Goldin ihre Bilder womöglich so veröffentlicht. Doch die amerikanische Fotografin musste 1979 mit einer Diashow vorlieb nehmen, um ihren Bilderzyklus Die Ballade der sexuellen Abhängigkeit einem größeren Publikum zu zeigen.

Auf mehr als 700 Bildern dokumentierte Goldin ihren Alltag, ihre Affären, die Partys und die Morgen danach. Sie fotografierte ihre Freunde beim Sex, auf Drogen, rauchend, lachend, heulend, kotzend. Eines ihrer berühmtesten Fotos ist ein Selbstporträt mit blauem Auge: ihr Liebhaber hatte sie verprügelt. Goldin öffnete die Türen zu ihrem Schlafzimmer, zu ihrem Privatleben. Sie befriedigte damit ein Bedürfnis oder, negativ gesagt, einen Voyeurismus, der bisher in der künstlerischen Fotografie keine Entsprechung gefunden hatte.

Natürlich haben Künstler seit jeher ihr Innerstes zum Gegenstand ihrer Kunst gemacht. Doch die Fotografie konnte wie kein anderes Medium den Anspruch des Dokumentarischen erheben. Authentisch zu sein war noch kein Reizwort. Nan Goldin oder Larry Clark, der das Leben und die Drogensucht der Jugendlichen in seiner Heimatstadt Tulsa wie beiläufig porträtierte, waren ja tatsächlich eins mit dem, was sie abbildeten: Sie feierten mit, sie konsumierten mit, sie hatten Sex mit den Menschen, die auf den Bildern zu sehen waren.

Kunst oder Exhibitionismus?

Selbstentblößungen und Familienabgründe wurden seitdem oft auf Fotopapier verewigt, meist ging es um Sex, Gewalt oder Krankheit. Selbst der eigene Tod wurde Thema: Mark Morrisroe fotografierte sich im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode. 1989 starb der homosexuelle Künstler an Aids. In seinen Selbstporträts dokumentiert er sein Sterben bis zum letzten Moment.

All diese Arbeiten rechtfertigten sich dadurch, dass sie über ein persönliches Schicksal auf einen sozialen Missstand, ein gesellschaftliches Problem hinwiesen. Doch je mehr Künstler die Elendskarte zogen, desto schwieriger wurde es irgendwann zu unterscheiden, was Kunst war, und was Exhibitionismus. Das Private war nicht mehr politisch, es war einfach nur öffentlich.