PrivatsphäreWir fotografieren uns zu Tode

Die Fotografie macht das Private heute gnadenlos öffentlich und ruft Voyeurismus ebenso hervor wie Empathie. Ist das noch politisch? von 

Die Fotografin Nan Goldin war eine der ersten, die ihr Privatleben exzessiv der Außenwelt zugänglich machte.

Die Fotografin Nan Goldin war eine der ersten, die ihr Privatleben exzessiv der Außenwelt zugänglich machte.   |  © Sean Gallup/Getty Images

Und dann treffen einen diese Bilder doch. Aus der Unzahl von Blogs und Facebook-Seiten sticht Angelo Merendinos My wife’s fight with breast cancer  heraus. Der Fotograf hat seiner größten Liebe und seinem größten Schmerz ein fotografisches Andenken geschaffen. In vielen Schwarz-Weiß-Bildern erzählt er die Liebesgeschichte zu seiner Frau Jennifer, von ihrem gemeinsamen Kampf gegen den Krebs bis zu ihrem Tod.

Das ist Fotografie

Die Fotografie hat einen unglaublichen Wandel erlebt. Angefangen mit einem exklusiven Medium Anfang des 20. Jahrhunderts, ist sie spätestens mit der Erfindung der Smartphones zu einem Werkzeug für jedermann geworden. Die Herstellung der Bilder ist heute einfacher und schneller als jemals zuvor, ebenso ihre Verbreitung.

Die Fotografie hat dadurch große Macht gewonnen – eine Macht, die auch verunsichert. Was darf wo veröffentlicht werden? Wo liegen die Grenzen der Privatheit? Wie werden wir der großen Flut der Bilder Herr? In der Themenwoche "Das ist Fotografie" widmen wir uns diesen Fragen.

Die Beiträge der Themenwoche

Editorial: Wie finden wir uns zurecht in dem Meer von Bildern?

Video-Interview mit Richard Koci Hernandez: Das iPhone wird zur Reportage-Kamera

Profi-Fotografen und Laien kommen sich immer näher

Video Bildbearbeitung: Die Dunkelkammer schlägt jede App

Zu Tode fotografiert: Nie gab es so wenig Privatheit

Interview mit Martina Weinhart: Privatheit spaltet die Fotografen

Fotografie wird zum Live-Medium: Große Ereignisse erreichen uns zuerst als Bild

Das Profilbild ist die zeitgenössische Inkarnation des Porträtfotos

Video: Sind Smartphones eine Gefahr für anspruchsvolle Fotografie? Ein Pro und Contra

Leserartikel

Was bedeutet Ihnen Fotografie? Was ist für Sie ein gutes Bild? Wie fotografieren Sie und welche Plattformen und Bearbeitungsmittel nutzen Sie? Wir würden uns freuen, wenn Sie davon in einem Leserartikel berichten.

Ihren fertigen Text können Sie hier einreichen. Beispiele für aktuelle Leserartikel, an denen Sie sich orientieren können, finden Sie hier. In unseren FAQ können Sie nachlesen, was Sie beim Verfassen Ihres Beitrags beachten sollten. Falls Sie Fragen haben, erreichen Sie uns per Mail an leserartikel@zeit.de.

Merendino ist professioneller Fotograf, mit seinen Bildern hat er sein Innerstes öffentlich gemacht. Die Bilder seiner Frau nahm er auf "when I felt something hit my gut, when it felt like an emotional moment".

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Sein Blog macht im Grunde nichts anderes als das, was die künstlerische Fotografie seit Ende der sechziger Jahre tut: Privates öffentlich machen. Hätte es Ende der siebziger Jahre schon Blogs gegeben, hätte Nan Goldin ihre Bilder womöglich so veröffentlicht. Doch die amerikanische Fotografin musste 1979 mit einer Diashow vorlieb nehmen, um ihren Bilderzyklus Die Ballade der sexuellen Abhängigkeit einem größeren Publikum zu zeigen.

Carolin Ströbele
Carolin Ströbele

Carolin Ströbele leitet die Ressorts Kultur, Lebensart und Reise bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier

Auf mehr als 700 Bildern dokumentierte Goldin ihren Alltag, ihre Affären, die Partys und die Morgen danach. Sie fotografierte ihre Freunde beim Sex, auf Drogen, rauchend, lachend, heulend, kotzend. Eines ihrer berühmtesten Fotos ist ein Selbstporträt mit blauem Auge: ihr Liebhaber hatte sie verprügelt. Goldin öffnete die Türen zu ihrem Schlafzimmer, zu ihrem Privatleben. Sie befriedigte damit ein Bedürfnis oder, negativ gesagt, einen Voyeurismus, der bisher in der künstlerischen Fotografie keine Entsprechung gefunden hatte.

Natürlich haben Künstler seit jeher ihr Innerstes zum Gegenstand ihrer Kunst gemacht. Doch die Fotografie konnte wie kein anderes Medium den Anspruch des Dokumentarischen erheben. Authentisch zu sein war noch kein Reizwort. Nan Goldin oder Larry Clark, der das Leben und die Drogensucht der Jugendlichen in seiner Heimatstadt Tulsa wie beiläufig porträtierte, waren ja tatsächlich eins mit dem, was sie abbildeten: Sie feierten mit, sie konsumierten mit, sie hatten Sex mit den Menschen, die auf den Bildern zu sehen waren.

Kunst oder Exhibitionismus?

Selbstentblößungen und Familienabgründe wurden seitdem oft auf Fotopapier verewigt, meist ging es um Sex, Gewalt oder Krankheit. Selbst der eigene Tod wurde Thema: Mark Morrisroe fotografierte sich im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode. 1989 starb der homosexuelle Künstler an Aids. In seinen Selbstporträts dokumentiert er sein Sterben bis zum letzten Moment.

All diese Arbeiten rechtfertigten sich dadurch, dass sie über ein persönliches Schicksal auf einen sozialen Missstand, ein gesellschaftliches Problem hinwiesen. Doch je mehr Künstler die Elendskarte zogen, desto schwieriger wurde es irgendwann zu unterscheiden, was Kunst war, und was Exhibitionismus. Das Private war nicht mehr politisch, es war einfach nur öffentlich.

Leserkommentare
    • Gwerke
    • 08. Mai 2013 17:00 Uhr

    Ich wage ernste Zweifel am so genannten "echten Mitgefühl" für Merendino. Wie soll das gehen, ohne ihn oder seine Frau zu kennen? Aber Berufsfotografen haben gelernt, in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Deswegen ist ihre Hemmschwelle, auch den Tod der Frau öffentlich zu präsentieren, vermutlich geringer als bei unsereinem.

    Mein Sterben und Tod wird in jedem Fall ganz klein und bescheiden ausfallen. Und das ist auch gut so.

    Eine Leserempfehlung
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    "Ich wage ernste Zweifel am so genannten "echten Mitgefühl" für Merendino. Wie soll das gehen, ohne ihn oder seine Frau zu kennen?"

    Also ich weiß ja nicht, mit was für Fähigkeiten sie gesegnet sind, aber ich kann - und hab bislang gedacht, dass es eine Eigenschaft von fast jedem Menschen ist - mich empathisch in die Lage eines anderen Menschen zu versetzen, auch wenn ich ihn persönlich nicht kenne.

    Warum dann ein Bild?
    Klar würde in einer perfekten Welt der Verweis "100 Menschen gestorben" ausreichen, um tiefes Mitgefühl für die Angehörigen der Opfer zu entfachen, aber der Mensch ist halt nun mal von der Biologie her so eingestellt, dass uns Ereignisse aus unserem Umfeld, die wir sehen können wichtiger sind, als Menschen, die nicht in unserer Nähe leben. Bilder zu zeigen ist somit ein "Trick" um die Biologie zu umgehen und auch wichtig.

    "Mein Sterben und Tod wird in jedem Fall ganz klein und bescheiden ausfallen. Und das ist auch gut so."

    Das wünsche ich ihnen, aber auch sie können irgendwann von Krankheiten heimgesucht werden, die Krankenhausaufenthalte etc. nötig machen könnten und ein Ableben "zum Martyrium" werden lassen. Wie gesagt: Hoffentlich leben sie 100 Jahre und sterben friedlich in ihrem Bett.

  1. "Ich wage ernste Zweifel am so genannten "echten Mitgefühl" für Merendino. Wie soll das gehen, ohne ihn oder seine Frau zu kennen?"

    Also ich weiß ja nicht, mit was für Fähigkeiten sie gesegnet sind, aber ich kann - und hab bislang gedacht, dass es eine Eigenschaft von fast jedem Menschen ist - mich empathisch in die Lage eines anderen Menschen zu versetzen, auch wenn ich ihn persönlich nicht kenne.

    Warum dann ein Bild?
    Klar würde in einer perfekten Welt der Verweis "100 Menschen gestorben" ausreichen, um tiefes Mitgefühl für die Angehörigen der Opfer zu entfachen, aber der Mensch ist halt nun mal von der Biologie her so eingestellt, dass uns Ereignisse aus unserem Umfeld, die wir sehen können wichtiger sind, als Menschen, die nicht in unserer Nähe leben. Bilder zu zeigen ist somit ein "Trick" um die Biologie zu umgehen und auch wichtig.

    "Mein Sterben und Tod wird in jedem Fall ganz klein und bescheiden ausfallen. Und das ist auch gut so."

    Das wünsche ich ihnen, aber auch sie können irgendwann von Krankheiten heimgesucht werden, die Krankenhausaufenthalte etc. nötig machen könnten und ein Ableben "zum Martyrium" werden lassen. Wie gesagt: Hoffentlich leben sie 100 Jahre und sterben friedlich in ihrem Bett.

    Antwort auf "Echtes Mitgefühl?"
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    • Gwerke
    • 08. Mai 2013 17:47 Uhr

    Ich schrieb:
    "Mein Sterben und Tod wird in jedem Fall ganz klein und bescheiden ausfallen. Und das ist auch gut so."

    Darauf Sie:
    "Das wünsche ich ihnen, aber auch sie können irgendwann von Krankheiten heimgesucht werden, die Krankenhausaufenthalte etc. nötig machen könnten und ein Ableben "zum Martyrium" werden lassen. Wie gesagt: Hoffentlich leben sie 100 Jahre und sterben friedlich in ihrem Bett."

    Zumal ich als Krebspatient mit z.Zt. etwas mehr als 50 Lenzen alle Zeit habe, mein Sterben entsprechend einzurichten, wie ich das wünsche. Es wird also entsprechend klein und bescheiden sein.

  2. 3. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Danke, die Redaktion/se

    • Gwerke
    • 08. Mai 2013 17:47 Uhr

    Ich schrieb:
    "Mein Sterben und Tod wird in jedem Fall ganz klein und bescheiden ausfallen. Und das ist auch gut so."

    Darauf Sie:
    "Das wünsche ich ihnen, aber auch sie können irgendwann von Krankheiten heimgesucht werden, die Krankenhausaufenthalte etc. nötig machen könnten und ein Ableben "zum Martyrium" werden lassen. Wie gesagt: Hoffentlich leben sie 100 Jahre und sterben friedlich in ihrem Bett."

    Zumal ich als Krebspatient mit z.Zt. etwas mehr als 50 Lenzen alle Zeit habe, mein Sterben entsprechend einzurichten, wie ich das wünsche. Es wird also entsprechend klein und bescheiden sein.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Wie geht das?"
    • Hagmar
    • 08. Mai 2013 18:02 Uhr

    ...in der Fondation Beyeler zu sehen. Unter anderem malte und zeichnete Hodler seine sterbende und dann tote Geliebte; es gibt zig Blätter davon. Könnte es sein, dass Menschen, deren Ausdrucksmittel das Bild ist, sei es gemalt oder fotografiert, eben dieses benützen, um mit Krankheit und Sterben eines geliebten Menschen (oder sich selbst) umzugehen? Es gab auch einmal eine sehr berührende Reportage eines bayerischen Journalisten über die Reise, die er und seine Schwester mit ihrem krebskranken Bruder zu Dignitas in die Schweiz machten, um dem Bruder assistierten Suizid zu ermöglichen. Sein Mittel war das Wort, also schrieb er eine Reportage.

    2 Leserempfehlungen
    • Mari o
    • 09. Mai 2013 1:45 Uhr

    Warhol kopieren.
    Seit 50 Jahren "einfacher Realismus" .
    Es gibt kein Problem,
    nur ein gutes Tonband,ein gutes Foto,einen guten Film.so Warhol sinngemäß
    Wobei man zugeben muss,daß Warhol wenigstens verstand sich kurz zu fassen.

  3. Wenn die Zurschaustellung des Privaten in der Fotografie laut Autorin seit den 70ern nicht mehr politisch ist, warum dann die Frage stellen ob Blogs das Ende des politischen sind?
    Zwei Beispiele werden genannt, in denen das Sterben eines Menschen fotografisch begleitet wird, mehrere Beispiele über Drogensucht, aber was hat das mit einem "Wir" zu tun. Der Gedanke des "zu Tode fotografierens" , der nach Erfindung der Digicam ja seine Berechtigung hat (man denke an Fälle, in denen lieber das brennende Haus fotografiert wird, statt dieses möglichst schnell zu verlassen), sollte vielleicht nicht nur historisch betrachtet werden, wenn schon das "wir" in der Überschrift steht.

    Der Wunsch im Bild das Antlitz Sterbender oder Verstorbener zu bewahren ist ja uralt, findet sich auf ägyptischen Sarkophagen, in der Frührenaissance bei Botticelli, der auch nach dem Tod seiner Muse ihr Bildnis für nahezu sämtliche Frauenfiguren verwendete, anscheinend bei Hodler... Das mit der Fotografie und dem Film, (Jonas Mekas aus Warhols New Yorker Kreis begleitete beispielsweise filmisch den Krebstod seines Freundes George Maciunas, Ende der 70er) das prozesshafte stärker thematisiert wird, ist doch eine logische Folge. Wo sieht die Autorin den Zusammenhang zur Hobbyfotografie die Zwecken der Selbstdarstellung dient?

    Und beim "heroin chic" von Authentizität zu sprechen... Es ist nur ein anderes Extrem, nicht authentisch, es sind ja trotzdem noch Models und keine wirklichen Heroinsüchtigen.

  4. ist ein gewisser Trend zur Nachahmung und Zitierung, um mithilfe der Wiederkennung Aufmerksamkeit zu erzielen (und letzten Endes: Kasse zu machen). Das triffft sowohl für die Bildkunst, als auch für die Musik oder die Literatur zu und ist schlicht eine Folge der überbordenden Menge. Die Wahrnehmung eines Bildes erfordert nun mal Beschäftigung damit, das braucht Zeit, und die nehmen wir uns nicht mehr, weil an der nächsten Ecke schon der nächste Hype lockt.

    Das Betrachten im Netz stumpft ab und ich gehe davon aus, daß man dessen bald überdrüssig wird. Wertvoll werden reale Räume, in denen man diesen Dingen tatsächlich begegnen kann, d.h. Galerien mit Erlebnischarakter, besondere Orte etc. und besondere Menschen, denen man dort persönlich begegnen kann.

    Für denjenigen, der daran aus verschiedenen Gründen nicht teilnehmen kann, wird die Dokumentation davon zum stellvertretenden Ereignis, der 'Wahrheitsgehalt' tritt in den Hintergrund, das Fake blüht. Ein wenig schimmert schon die 'Matrix' durch.. nun, bedauern muß man das nicht. Sieben Milliarden Menschen wolllen unterhalten sein und Spiele haben, wenn es schon immer weniger und künstlicheres Brot gibt.

    Also besser: Leise leben. Nicht alles ansehen. Die eigene Wahrnehmung nicht überlasten. Unfug als solchen erkennen und nicht mitmachen. Seelisches Cocooning fördern. Menschliche Wärme entwickeln im persönlichen Umfeld. Keine Bilder von Frauen mit Brustkrebs anschauen zum Beispiel. Warum denn auch, eigentlich??

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