Pro und Contra"Das Mysterium der Fotografie hat sich vollkommen erledigt"

Sind Smartphones eine Gefahr für anspruchsvolle Fotografie? Ostkreuz-Fotograf Maurice Weiss und Fabian Mohr von ZEIT ONLINE diskutieren im Pro und Contra.

Jeden Tag generieren digitale Fotokameras Milliarden neuer Bilder. Eine Entwicklung, die sich durch die globale Verbreitung von Smartphones beschleunigt hat. Sofort landen die Fotos bei Instagram oder Flickr und werden über soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook weiterverbreitet.

Das ist Fotografie

Die Fotografie hat einen unglaublichen Wandel erlebt. Angefangen mit einem exklusiven Medium Anfang des 20. Jahrhunderts, ist sie spätestens mit der Erfindung der Smartphones zu einem Werkzeug für jedermann geworden. Die Herstellung der Bilder ist heute einfacher und schneller als jemals zuvor, ebenso ihre Verbreitung.

Die Fotografie hat dadurch große Macht gewonnen – eine Macht, die auch verunsichert. Was darf wo veröffentlicht werden? Wo liegen die Grenzen der Privatheit? Wie werden wir der großen Flut der Bilder Herr? In der Themenwoche "Das ist Fotografie" widmen wir uns diesen Fragen.

Die Beiträge der Themenwoche

Editorial: Wie finden wir uns zurecht in dem Meer von Bildern?

Video-Interview mit Richard Koci Hernandez: Das iPhone wird zur Reportage-Kamera

Profi-Fotografen und Laien kommen sich immer näher

Video Bildbearbeitung: Die Dunkelkammer schlägt jede App

Zu Tode fotografiert: Nie gab es so wenig Privatheit

Interview mit Martina Weinhart: Privatheit spaltet die Fotografen

Fotografie wird zum Live-Medium: Große Ereignisse erreichen uns zuerst als Bild

Das Profilbild ist die zeitgenössische Inkarnation des Porträtfotos

Video: Sind Smartphones eine Gefahr für anspruchsvolle Fotografie? Ein Pro und Contra

Leserartikel

Was bedeutet Ihnen Fotografie? Was ist für Sie ein gutes Bild? Wie fotografieren Sie und welche Plattformen und Bearbeitungsmittel nutzen Sie? Wir würden uns freuen, wenn Sie davon in einem Leserartikel berichten.

Ihren fertigen Text können Sie hier einreichen. Beispiele für aktuelle Leserartikel, an denen Sie sich orientieren können, finden Sie hier. In unseren FAQ können Sie nachlesen, was Sie beim Verfassen Ihres Beitrags beachten sollten. Falls Sie Fragen haben, erreichen Sie uns per Mail an leserartikel@zeit.de.

Sinkt damit unsere Wertschätzung für engagierte, reflektierte Fotografie? Ja, sagt Maurice Weiss von der Fotoagentur Ostkreuz: Das "Mysterium der Fotografie" habe sich durch das Smartphone "vollkommen erledigt". Welche Bedeutung ein Bild noch habe, sei schwerer einzuordnen als früher. Fotografie als Teil des kollektiven Gedächtnisses drohe in der Masse von Bildern unterzugehen.

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ZEIT ONLINE-Redakteur Fabian Mohr glaubt das nicht. Im Gegenteil: Fotofestivals und Ausstellungen hätten enormen Zulauf. Die Verbreitung von bezahlbaren Digitalkameras und Smartphones habe zu einer nie da gewesenen Öffnung der Fotografie geführt. Jeder habe die Chance, sein Talent für Bilder zu entdecken, ohne den professionellen Fotografen gefährlich zu werden. Zur Nostalgie bestehe kein Anlass, Fotografie sei früher  nicht besser gewesen: "Jeder, der einmal einen Dia-Abend erlebt hat, weiß, wovon ich spreche."


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Leserkommentare
  1. Vielleicht ist ja nicht die Akzeptanz oder Wertschätzung für gute Fotos gesunken, sondern nur die Akzeptanz für professionelle Fotografen?

    Wenn auf einmal jeder Laie mit Talent gute Bilder produzieren kann, dann sinkt halt bei der breiten Bevölkerung die Akzeptanz viel Geld für ein Bild zu zahlen, oder speziell Bilder von professionellen zu bevorzugen.

    "Das Mysterium der Fotografie hat sich vollkommen erledigt" - Das ist auch gut so, denn wenn etwas nur deshalb populär oder notwenig ist, weil ein "Mysterium" darum existiert, dann ist das Ding an sich wenig wert.

    4 Leserempfehlungen
  2. Auf der einen Seite hatte Karl Valentin schon recht, als er sagte, dass alles schon mal fotografiert wurde - nur noch nicht von jedem.

    Auf der anderen Seite leben wir in einer Zeit des rasenden Stillstands, in der das geduldige Warten auf den einen richtigen Moment, in dem der Auslöser gedrückt wird, das einem Ritual gleichende händische Entwickeln eines Fotos oder das Vertiefen in ein aussagestarkes Bild keine Bedeutung mehr zu haben und wie ein Relikt aus alten Zeiten zu sein scheint.

    Was geht dabei - neben der Selbstbesinnung - verloren? Da war doch dieses Entstehen eines besonderen Moments, dieser Augenblick, in dem man innerlich bereichert wurde. Fotos können wie Gemälde oder Musik in Menschen etwas auslösen, sie inspirieren oder neue Aspekte und Perspektiven für ihr Leben schaffen.

    Das wird uns fehlen, wenn es uns nicht gelingt, der gnadenlosen akkustischen und optischen Dauerbeschallung und Zurschaustellung unserer selbst zu entkommen.

    Zurück zum Dia-Abend? Muss nicht sein.
    Zurück zum Wesentlichen? Schon eher.

    Wie meinte doch einst Angelius Silesius?

    Mensch, werde wesentlich.
    Denn wenn die Welt vergeht,
    So fällt der Zufall weg.
    Das Wesen, das besteht.

    2 Leserempfehlungen
  3. Denn zur Fotografie gehört einfach viel mehr als bei einer guten Kamera oder gar einem simplen Handy den Auslöser zu betätigen. Für richtig gute Fotos benötigt man nach wie vor jemanden der dafür Talent besitzt und im Idealfall dieses Handwerk gelernt hat.

    Die meisten Leute können darüber hinaus nicht mit den Profieinstellungen der Kameras umgehen. Die Fotos auf Sozialen-Netzwerken kann man größtenteils (~95%+) nicht als professionelle Fotografien bezeichnen, das sind simple Schnappschüsse. Vielleicht ist eher die Akzeptanz für völlig belanglose Schnappschüsse in gewissen Kreisen gestiegen, die waren in der Tat früher eher nicht vorzeigbar und lediglich privat in der Fotosammlung vorhanden (nicht veröffentlicht).

    Eine Leserempfehlung
  4. Gerade die Flut von Bildern im Net via Smartphones etc. dokumentiert durch die oft bescheidene Qualität , daß eben was dazu gehört wirklich gute Bilder
    zu schießen .

    Ebenso trennen die Möglichkeiten der digitalen Photographie die Spreu vom Weizen , nachbearbeiten kann jeder , die echte Kunst zeigt sich aber im unbearbeitetem Bild .

    Durch die heutige Vielfalt werde ich persönlich auch angespornt , man ist befähigt ein Motiv problemlos mehrfach abzulichten , gerade bei Nahaufnahmen oder Landschaftsbildern mit wechselnden Lichtverhältnissen ein Genuß mehrere Bilder schießen zu können und hinterher bequem auszusuchen oder nur die Effekte zu vergleichen .

    Das fordert geradezu heraus , sich mit dem Hobby intensiver zu befassen und hat meine Bewunderung für wirklich gute Profis eher gesteigert , weil man erfasst , was dahinter steckt .

    Eine Leserempfehlung
  5. Verfügbarkeit von Werkzeug ist nicht entscheidend für die Kunst. Das zeigt sich sehr schön an den Beispielen Schreiben und Kochen. Viele Menschen können lesen und schreiben, trotzdem hat Literatur nichts von ihrem Zauber eingebüßt. Milliarden von Leuten kochen täglich, dennoch gibt es herausragende Leistungen auf diesem Gebiet.

    Das Mysterium erwächst aus der Begabung. Quantität sagt nichts über Qualität.

  6. Wie wär's mit dem Scanner als "Fotoapparat"? Ist quasi der Gegenpart zum schnellen Klick mit dem Smartphone à la "Klick, klack, Kodak". Der Scanner öffnet, weil er abtastet statt focussiert, neue Welten. Probieren Sie's mal z.B. mit Blüten. Quasi der Bienenblick in die Blume. Das Besondere. Klasse statt Masse. Und dann haben wir wieder ein Mysterium. Zumindest etwas zum Staunen.
    Gibt's tatsächlich. Nennt sich Scanografie. Machen teilweise auch Profis. Eignet sich auch als Therapie gegen das Hamsterrad. Hinschauen, staunen. Grundlagenwerk dazu: "Scanografie - Klappen Sie doch mal auf" v. Werner Abel.

  7. Man könnte es auf die Formel bringen: Je einfacher das Fotografieren wird, desto weniger kann es über das Leben etwas aussagen. Mit der steigenden Bequemlichkeit des "Knipsens" sinken Konzentration, Imagination, und Ausdauer. Von Einzelfällen, wo auch mit einem IPhone erstaunliches fotografiert wurde, einmal abgesehen.
    Ich kann Herrn Weiss nur zustimmen, obwohl auch seine Ostkreuzschule dazu tendiert Fotografen auszubilden, denen gleichförmig ein industrieller Blick antrainiert wird, jenseits der individuellen Kreativität eines Cartier-Bressons oder eines August Sanders. Dabei scheint die kommerzielle Ausrichtung auf Werbe-und Modefotografie besonders prägend zu sein. Ähnlich wie in der Geschichte der Musik verschwinden auch in bildgebenden Künsten Fähigkeiten das Leben in seiner Komplexität zu beschreiben. Der Mensch entwickelt sich eben nicht immer vorwärts sondern erleidet auch Verluste. Unwiederbringlich. Ausnahmen bestätigen hier die Regel.

    2 Leserempfehlungen
  8. Mit der Mobilisierung der Handys zu Fotogeräten sowie der monatlichen Flut von neuen Kameras und Kameratypen sowie immer neue Bildbearbeitungs- und filtersoftware hat eine Art "Uniformierung" in der Fotografie stattgefunden.
    Eine "Uniformierung" in Form von sich ständig wiederholenden Themen (Beispiel : Aktfotografie, inzwischen fast schon die neue Waffe der Voyeure) und als "Rettung via Photoshop".

    Dabei ist Fotografie "nur" und "einfach" eine emotionelle und besondere Momentaufnahme, die beim Betrachenden etwas ganz spezielles auslöst. Um das zu verstehen/ umzusetzen bedarf es wichtiger Grundkenntnisse (einfach mal an analogen Fotogeräten ausprobieren) und ein besonderes Sichtfenster.

    Mein Leitsatz lautet "Nicht die Kamera ist das Werkzeug - sondern der Fotograf/ die Fotografen". Und ich kenne einige Fotoakteure die genauso denken und arbeiten.

    Vielleicht erlebt gerade darum mein Business eine Renaissance.

    Übrigens : Als Ergänzung zu meinem Leitsatz. Ich habe schon einige phantastische Schnappschüsse von Amateurfotografen/ -fotografinnen sehen dürfen.
    Sehr wahrscheinlich ist Fotografie (im Gegensatz zum Video) doch etwas das von innen heraus kommt. Eine Emotion vielleicht ?

    Und dann wäre es weiterhin etwas spannendes.
    So spannende wie alte Bilder von MM, Albert Einstein, Audrey Hepburn ... und und ...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Fotografie | Ausstellung | Digitalkamera | Flickr | Smartphone | Twitter
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