Ausstellung "Glam"Materialschlacht aus Diskokugeln

Die Ausstellung "Glam" in Frankfurt geht den Ursprüngen der Siebziger-Jahre-Bewegung auf den Grund. Und droht sich dabei selbst im Bombast zu verlieren. von Grete Götze

Ist das brillant oder billig?, fragt sich der Besucher der Ausstellung Glam. The Performance of Style gleich beim ersten Blick. Drei lebensgroße Fotos: Links thront Brian Eno mit buntem Lidschatten und Glitzer-Schlaghosen. In der Mitte posiert Bryan Ferry mit Elvis-Haartolle und Plateauschuhen. Und rechts steht David Bowie in einem wie aus einer anderen Welt geformten Ganzkörperanzug, der auch das erste Ausstellungsstück der in London laufenden David-Bowie-Ausstellung ist. 

Sie alle, an denen man nicht vorbeizukommen scheint, sind Wegbereiter des Glam, einer Haltung, der die Schirn Kunsthalle Frankfurt jetzt eine große Ausstellung widmet. Über 100 Werke sind auf schwarzem Hintergrund in den verwinkelten Räumen des Museums ausgestellt. Der reizüberflutete Zuschauer wird in neun Abschnitten Zeuge einer Materialschlacht aus Diskokugeln, Glitzervorhängen und Fotografien.

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Entstanden ist die Schau in der Tate Liverpool. Das ist insofern stimmig, als auch die Glam-Bewegung Anfang der siebziger Jahre von der britischen Kunsthochschulszene ausging und dann binnen kurzer Zeit auf andere Länder übergriff.

Die absolute Künstlichkeit wurde erstrebenswert

Während in den Sechzigern die Durchsetzung politischer Ziele, wie etwa der Widerstand gegen den Vietnamkrieg, entscheidend war und die Menschen sich natürlich zeigten, wurde zehn Jahre später mit der Glam-Bewegung plötzlich das Persönliche politisch und die absolute Künstlichkeit erstrebenswert. Wenn schon die Gesellschaft nicht verändert werden konnte, dann wenigstens das Private.

Das Authentische wich der ästhetischen Übertreibung, aus langen Mähnen wurden raspelkurze Kunstfrisuren. Ausgehend von der These des Pop-Art-Künstlers Richard Hamilton, dass alle Kunst gleichberechtigt sei und Andy Warhols Ausspruch, dass jeder für 15 Minuten berühmt sein werde, gründete Hamilton-Schüler Bryan Ferry zusammen mit Brian Eno die Band Roxy Music.

Die Musik war ebenso wichtig wie das Kostüm, das Cover oder die Performance der Band. Plötzlich konnte sich jeder selbst neu erfinden, Männer- oder Frauenkleidung tragen und seinen Auftritt ironisch zelebrieren. So gründete etwa Bruce McLean die Band Nice Style – The World’s First Pose Band.

Glam Rock rekurrierte auf kommerzielle Musik, durchschaute und ironisierte sie. Die Bewegung ließ alle von einer anderen, schöneren Gegenwart träumen: Bürgerliche wie Arbeiterkinder. Glam bildete keine elitären Zirkel, sondern stand allen offen: In der Ausstellung wird das belegt von den Fotos Nancy Hellebrands. Sie zeigen Glam-Fans in ihren Einraum-Wohnungen. Etwa eine auf ihrem Bett sitzende Frau mit David-Bowie-Vokuhila.

Leserkommentare
  1. Nicht, dass ich diese Zeiten stylistisch besonders wertvoll fand, aber der Unterschied zu heute ist, das war noch klassische Handarbeit. Heute reicht etwas Photoshop und im Zweifel plastische Chirugie, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen. Wobei man bei Amanda Lear ja nie ganz sicher war, ob da nicht auch plastische Chirugie im Spiel war.

    Der Wunsch nach Verkleidung und besonders ausgefallenen Outfits ist bei Künstlern heute nicht weniger ausgeprägt als in den 70ern (Lady Gaga, Madonna, Michael Jackson, Prince, um nur mal die prominentesten Beispiele zu nennen).

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  • Schlagworte Ausstellung | Andy Warhol | David Bowie | Brian Eno | Bryan Ferry | Roxy Music
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