Der Saal leuchtet. Die Bilder wirken wie Verstärker. Ihre blauen und rosa Farbflächen befeuern sich gegenseitig und tauchen den Raum in ein unwirkliches Licht. Auf den Malgründen tummeln sich Kreise, Spiralen, Ovale und blättrige Formen, die konkret wie abstrakt gelesen werden können. Kein Wunder, dass Hilma af Klint ihr Werk wegsperrte und erst zwanzig Jahre nach ihrem Tod 1944 einen Blick darauf erlaubte. Die Zeit sei noch nicht reif, beschied die schwedische Malerin zu einer Zeit, als Frauen eben erst eine offizielle Künstlerkarriere zugestanden wurde. Als es möglich war, ihre Malerei in Augenschein zu nehmen, wollte sie zunächst niemand sehen.

Umso lauter ist nun der Widerhall. Anfang des Jahres fand Hilma af Klints erste Retrospektive im Stockholmer Moderna Museet statt. Inzwischen sind die rund 200 Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde nach Berlin gereist und schreiben hier die Geschichte eines versprengten Talents der Moderne fort. In der Hauptausstellung der Biennale di Venezia bildet sie ein Zentralgestirn. Als der Nachlass 2008 in Stockholm erstmals nach einer halben Ewigkeit wieder aus seinen Kisten kam, überschlugen sich einige Kritiker. Die Kunstgeschichte müsse neu geschrieben werden, hieß es. Nicht Kandinsky habe – wie von ihm selbst apostrophiert – 1911 das erste abstrakte Bild gemalt, sondern Hilma, die in ihrem Leben auf mancherlei Art privilegiert war. Tatsächlich datiert ihr Bekenntnis zur Welt des Ungegenständlichen ein paar Jahre früher. Die Eros-Serie stammt von 1907.

"Hilma af Klint: Eine Pionierin der Abstraktion?" heißt denn die große Ausstellung über zwei Stockwerke im Hamburger Bahnhof, die im Erdgeschoss von Joseph Beuys’ monumentaler Installation Das Ende des 20. Jahrhunderts unterbrochen wird. Sie ist mehr als eine kuratorische Fußangel. Der schwere Stein erdet Af Klints schwebendes Formvokabular, indem es auf jenen geistigen Frontmann verweist, der beiden Künstlern Vorbild war: Rudolf Steiner.

Sein anthroposophischer Universalismus zog die Malerin an, nachdem sie ihre erste Neugier auf Metaphysik mit spiritistischen Séancen gestillt hatte. 1896 gründete die Mittdreißigerin sogar eine Gruppe namens "De Fem", als deren Medium Af Klint auftrat. Ihre Erfahrungen übertrug sie anschließend in die Malerei: "Die Bilder wurden direkt durch mich gemalt, ohne vorausgehende Zeichnung und mit großer Kraft." Die Künstlerin war überzeugt, dabei Botschaften höherer Wesen zu übermitteln.

Der Hamburger Bahnhof selbst wirkt dazu wie ein Kommentar. Ausgerechnet im ersten Saal, der ein imposantes Porträt der zeitlebens unverheirateten und kinderlosen Künstlerin zeigt, prallen die Widersprüche unversöhnlich aufeinander. Hier das gleißend helle Kunstlicht der gerasterten Glasdecken, das Schachbrettmuster der Steinfußböden und die verkleideten Türen mit ihren schnurgeraden Schnitten durch die Wand. Dort Hilma af Klints verletzliche Zeichnungen mit zarten Schneckenhäusern, verblassenden Muschelformen und farbigen Ranken, die man ebenso als Buchstaben lesen kann. Eindrücklicher lassen sich die konkurrierenden Prinzipien, die nüchterne Vermessung des Realen und das Vage kaum inszenieren. Fast möchte man die Künstlerin in Schutz nehmen, wie sie es selbst mit ihrem Werk tat. Doch schon im zweiten Saal ändert sich die Atmosphäre. Der Raum ist angenehm diffus beleuchtet, um nicht die frühen Pflanzenstudien mit ihren sensiblen Aquarelltönen durch zu hohe Lux-Zahlen auszubleichen – jene Blätter, für die sie zu Lebzeiten geschätzt wurde.