ZEIT ONLINE: Herr Roth, Dresden kämpfte zuletzt mit dem schlimmsten Elbhochwasser seit 2002. Damals waren Sie Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen, Ihr schnelles Handeln hat ihnen viel Lob eingebracht. Wie haben Sie die Situation vor elf Jahren erlebt?

Martin Roth: Als absolut bedrohlich. Es gab überhaupt keinen Hochwasserschutz und eine wahnsinnig schlechte Koordination. Jeder hat für sich selbst gekämpft. Wenn mich die Journalisten nicht mit Informationen aus dem Hubschrauber versorgt hätten, wäre ich arm dran gewesen. Ich habe mir viele Feinde gemacht, weil ich mich vor laufenden Kameras mit dem damaligen sächsischen Finanzminister gestritten habe. Er sagte, das Hochwasser sei eine Katastrophe, die sich nur alle tausend Jahre wiederholen würde, und man solle sich deshalb nicht allzu große Sorgen machen. Das konnte ich nicht ertragen und habe das auch ziemlich deutlich gemacht. Ich bin eher ein schüchterner Typ, das glaubt mir bloß heute kein Mensch mehr außer meiner Familie und Freunden. Aber wenn Sie dazu gezwungen werden, Gemälde von Raffael, Tizian, Caspar David Friedrich oder Gerhard Richter zu verteidigen, springen Sie über Ihren Schatten.

ZEIT ONLINE: Was ist seitdem in Dresden geschehen, um die Bestände zu schützen?

Roth: Unser Team um Michael John hat ein sehr gutes Präventionsprogramm entwickelt. Er ist zuständig für Bau und Sicherheit innerhalb der Dresdner Kunstsammlungen und hat uns 2002 gerettet. Im renovierten Albertinum haben wir das Depot ins Dach gehängt. Generell ist die Stadt heute besser auf Hochwasser eingestellt.

ZEIT ONLINE: Im Jahr 2011 sind Sie als Direktor ans Victoria and Albert Museum geholt worden, eine urbritische Institution. Sie nannten es einen "symbolischen Akt", von Dresden nach London zu gehen. War das Koketterie?

Roth: Bis heute bin ich überrascht und halte die Ernennung noch immer für eine unglaubliche Geste. Ich glaube nicht, dass es irgendwann selbstverständlich wird, als Deutscher Direktor eines Museums wie dem V&A zu sein. Mich freut das Interesse der Briten an Deutschland und daran, was wir in unseren Museen machen.

ZEIT ONLINE: Laut einer BBC-Umfrage ist Deutschland die Nation mit dem positivsten Einfluss auf der Welt. Spüren Sie ein neues, besseres Bild der Deutschen im Königreich?

Roth: Ich sehe da keinen plötzlichen Sprung, keine neue Sympathiewelle. Allerdings war ich überrascht, als ich in der englischen Zeitschrift Monocle als Prototyp des "neuen Deutschen" bezeichnet wurde. Mit meinen 58 Jahren ist das ganz schön witzig. Es gibt vom deutschen Botschafter in London, Georg Boomgaarden, den Satz: "Briten und Deutsche haben sich von jeher bewundert – nur nie zur selben Zeit." Das trifft die Sache, es gibt eine extreme Nähe. Man ist sich nicht fremd, selbst im Gegensätzlichen und im Abstoßen hat man eine Meinung über den anderen.

ZEIT ONLINE: Was war der Auslöser für das zunehmende Interesse aneinander?

Roth: Ich glaube nicht, dass es einzelne Anlässe gibt, die Veränderungen herbeiführen, wie etwa die Fußballweltmeisterschaft 2006. Bloß weil die Sonne scheint, man ein großes nationales Gartenfest macht und sich Schwarz-Rot-Gold aufs Gesicht malt, vollzieht sich noch lange kein Wandel. Im Gegenteil, diese "Wir sind wieder wer"-Haltung fand ich in Anbetracht unserer Geschichte immer unangebracht. Vielmehr merken die Menschen in Europa, dass sie wieder mehr zusammenrücken und voneinander lernen müssen. Wir wissen viel über China, über Brasilien und die USA sowieso, aber in Europa haben wir die Neugierde füreinander verloren. Die Politiker in Brüssel konnten bisher offensichtlich nicht zu einem europäischen Wir-Gefühl beitragen. Das können Kunst und Kultur deutlich besser.

ZEIT ONLINE: Wie bewerten Sie den Umgang der Politik mit Kunst und Kultur – in Deutschland und in Großbritannien?

Roth: Ich habe den Eindruck, dass es in Deutschland ganz oben in der politischen Spitze ein deutlicheres Bekenntnis zur Kunst und Kultur gibt als in Großbritannien. Das war bei Gerhard Schröder so und das ist auch bei Angela Merkel der Fall. Auch bei den meisten Bundespräsidenten. Dafür gibt es in Großbritannien eine Elite, die sich massiv für die Kultur einsetzt. Das gilt auch für den Household der Queen. Aber in beiden Ländern gibt es Politiker, von denen ich weiß, dass sie großes Interesse an Kunst haben, die aber zu mir sagen: "In meinem Wahlkampf darf Kultur keine Rolle spielen, denn damit lassen sich keine Wählerstimmen gewinnen." Das tut weh. Es verdummt den Wähler. Das ist so, als wäre man absichtlich derb, um ja nicht den Eindruck zu erwecken, man sei ein Schöngeist.

ZEIT ONLINE: In welchen Punkten kann Deutschland von Großbritannien lernen?