Es gab eine Zeit in New York City, da konnte man an den Fassaden ablesen, wem die Stadt gehörte. Es war die Zeit nach der US-Finanzkrise Mitte der 1970er Jahre, als der damalige Präsident Gerald Ford das bankrotte New York offiziell sich selbst überließ, Aids, Drogen und Gewalt der Stadt das Leben nahmen und Vermieter in der Bronx reihenweise ihre Häuser in Brand setzten, um die Versicherungssumme zu kassieren und sich davonzumachen. Aber genau hier, zwischen den apokalyptischen Ruinen der Bronx, bereiteten die größten Verlierer der Krise kurz vor dem finanziellen und sozialen Ende ihre Wiedergeburt vor: Die Jugend kreierte eines der heute machtvollsten kulturellen Phänomene, die Hip-Hop-Kultur. Graffiti war eine ihrer Ausdrucksformen, und mit der Sprühdose zogen sie aus, sich ihren Platz in der Gesellschaft zurückzuerobern.

Besonders der Untergrund war fest in der Hand der Sprayer. Wenn die Subway streckenweise auf dem Hochgleis fuhr, herrschte in den Waggons durch die besprühten Fenster ein Licht wie in einer Kathedrale und eine Stimmung irgendwo zwischen Museum und Müllhalde. Die Metropolitan Transportation Authority kam – wenn sie sich überhaupt noch die Mühe machte – nicht so schnell mit dem Übermalen voran wie die Writer sprühten, und auch die Polizei resignierte. Die Stadt gehörte den Sprayern, überall standen ihre Namen drauf.

Bis Rudolph Giuliani kam. Als Bürgermeister säuberte er New York ab 1994 von allem, was einen unwirtlichen Eindruck machte. Sprayer, die erwischt wurden, bekamen keine verhältnismäßigen Strafen mehr, sie kamen in den Knast. Mit Giulianis Null-Toleranz-Strategie wurde New York von Taxi Driver zu einem Disneyfilm, und Graffiti verschwand aus dem Stadtbild.

Mit einer Ausnahme: In einer verlassenen Wasserzähler-Fabrik in Long Island City im New Yorker Stadtteil Queens finden Sprayer seit mehr als zehn Jahren Raum für ihre Kunst. Weltstars der Szene reißen sich darum, hier zwischen Müll und Rattengift sprayen zu dürfen – Künstler wie Tracy 168 oder Cope2, deren Werke es auch in etablierte Kunstmuseen und Christies Auktionshäuser geschafft haben. Die desolaten Wände der alten Lagerhäuser haben sich mittlerweile in eine international hoch geschätzte Kunstgalerie mit ständig wechselnder Ausstellung verwandelt – das 5Pointz Aerosol Arts Center wird als das Graffiti-Mekka der Welt bezeichnet.

Doch nun werden die Werke einiger der besten Writer der Welt höchstwahrscheinlich bald auf einem Trümmerhaufen landen: 5Pointz ist von der Abrissbirne bedroht. Nachdem der Besitzer des Areals den Künstlern jahrelang erlaubt hat, seine Wände zu besprühen, möchte er jetzt seine eigenen Ideen verwirklichen: zwei Glastürme mit Luxus-Appartments.

Die Verdrängung der Pioniere

Sprayer protestieren vor 5Pointz. Die beiden in der Mitte sind Gabriel "Awez" Corti (links, lange Haare) und Anthony "Gore" Capobian (Kapuze, rechts). © Yvonne Vavra

"Ich werde bis zum Ende kämpfen", sagt Jonathan Cohen (40), besser bekannt unter seinem Signature Tag "Meres One", der 5Pointz seit 2002 als ehrenamtlicher Kurator im Kapuzenpulli betreut: "Ich bedaure, dass die Leute, die mir erlaubt haben, hier ein solches kulturelles Juwel zu erschaffen, dieses nun nicht auf dieselbe Weise sehen können wie ich." Mit seiner Wut über den Verlust des kulturellen Wahrzeichens ist Cohen nicht allein, das ganze Viertel ist wegen der Baupläne in Aufruhr. Es wird protestiert, mobilisiert und die Gentrifizierungsgier beklagt, und das alles erinnert an den Berliner Streit um die East Side Gallery. In beiden Städten geht es gleichermaßen um die Frage, wie viel das kulturelle und historische Gedächtnis einer Stadt wert sind. Um den Konflikt zwischen Investoren und Bürgern, Zukunft und Erbe, Geld und Kunst. "Wenn sie das Gebäude abreißen, wird das New York nicht gut tun", sagt Gabriel "Awez" Corti (22), der seit fünf Jahren jedes Wochenende in 5Pointz sprüht. "Alles wird wieder mit hässlichen Tags zugepflastert werden – mit der Polizei im Nacken ist ja keine Zeit für schöne Gemälde. Dann wird Kunst wieder zu Vandalismus. Nach und nach nehmen sie uns jeden Raum, wo sollen wir denn hin?"

Am Ende jeder geglückten Gentrifizierung steht die Verdrängung derer, die eine Gegend begehrenswert gemacht haben. Im Fall von Long Island City haben die jungen Kreativen angezogen von niedrigen Mieten ein extrem gefährliches und von Crack-Dealern regiertes Viertel in eine attraktive Kunstszene verwandelt. "Ich will nicht sagen, dass die Sprayer allein für die verbesserte Lebensqualität in Long Island City verantwortlich sind, aber sie haben ohne Frage eine wichtige Rolle gespielt", sagt Rob MacKay von der Queens Economic Development Corporation (QEDC), einem Zusammenschluss von Bewohnern und Wirtschaftsvertretern des Bezirks. Profitieren werden davon nun jene, die sich das neue Apartment-Haus mit Indoor-Kletterwand, Dampfbädern und künstlichem Golfplatz leisten können. "Was hat die alteingesessene Gemeinde davon?", fragt Anthony "Gore" Capobian (31), Stammsprüher in 5Pointz. "Die Bauherren nehmen uns das Viertel und New York ein Stück Kunstgeschichte!"