ZEIT ONLINE: Herr Karmakar, Ihre Filme zeigen Sie sonst im Kino oder bei Festivals. Was ist hier anders, im deutschen Pavillon auf der Biennale?

Romuald Karmakar: Hier wurde für fast alle Filmarbeiten eine dunkle Box gebaut. Das ist wie schlechtes Kino. Mir war wichtig, dass mein Raum hell bleibt und man alle Arbeiten im Blick hat. Die Kuratorin Susanne Gaensheimer wollte von Anfang an die Hamburger Lektionen zeigen, meine Dokumentation über einen islamistischen Prediger in Hamburg. Der Film hat schon eine Karriere im Kino hinter sich. Ich dachte, der 8. Mai, Filmdokumente einer öffentlichen NPD-Versammlung aus dem Jahr 2005, würde gut dazu passen. Zusammen mit Anticipation, Aufnahmen des nahenden Hurrikans Sandy, entsteht ein Dreieck der Sichtachsen. Und durch den offenen Eingang sieht man die Installation von Ai Weiwei. So entsteht eine ganz neue Erzählung, die sich deutlich von der im Kino unterscheidet.

ZEIT ONLINE: Ihre Arbeit 8. Mai präsentieren Sie in Venedig zum ersten Mal, zu einer Zeit, in der sich Deutschland wegen der NSU-Morde intensiv mit der rechtsradikalen Szene auseinandersetzt. Haben sie die Bilder demonstrierender Neonazis bewusst ausgestellt, um diese Seite Deutschlands zu zeigen und zu irritieren?

Karmakar: Ich lebe in Deutschland und beschäftige mich einfach mit dem, was hier los ist. Am 8. Mai 2005 haben alle 60 Jahre Kriegsende und die Befreiung von den Nationalsozialisten gefeiert. Die NPD hat am Alexanderplatz diese Gegenveranstaltung organisiert. Ich wollte wissen, was dort passiert und was dort gesagt wird. Ob deutsche Zuschauer davon irritiert waren, weiß ich nicht. Die französische Kulturministerin soll jedenfalls ziemlich schockiert gewesen sein, als sie die Aufnahmen gesehen hat.

ZEIT ONLINE: Wie war das, inmitten einer Gruppe Neonazis zu filmen?

Karmakar: Ein paar Jahre zuvor wollte ich schon mal einen Nazi-Aufmarsch filmen, da hatte man mir aber ziemlich schnell zu verstehen gegeben, dass ich die Kamera ausmachen soll. Am 8. Mai war das anders. Es war ja eine öffentliche Versammlung. Ziel der Veranstalter war es explizit, ein diszipliniertes Bild von sich zu vermitteln. Das war die Nische, in die ich schlüpfen konnte. Ich als Teil der Weltöffentlichkeit – so haben sie das auch genannt – durfte "anständige Bilder" von Neonazis machen. Als ich sie nach der Kundgebung im S-Bahnhof gefilmt habe, ging das nur noch hinter der Polizei.