In der Arbeit von Ali Kazma geht es um Körper in Extremsituationen. In der Videoinstallation des türkischen Künstlers lassen Bodybuilder ihre Muskeln zucken, Medizinstudenten sezieren eine Leiche, ein Paar praktiziert Bondage-Rituale. Der Titel seiner Arbeit – Resistance – hat jedoch über Nacht an politischer Aktualität gewonnen. 

Während in Venedig am Wochenende die Pavillons der Biennale eröffneten, demonstrierten in Istanbul Zehntausende gegen die Regierung von Recep Tayyip Erdoğan.

Die türkischen Künstler auf der Biennale schlossen sich dem Protest an. Der Kurator des Pavillons, Emre Baykal, Kazma und weitere Künstler, Kuratoren und Journalisten zogen mit Bannern auf den Markusplatz, um Solidarität mit den Aktivisten in der Heimat zu bekunden.   

"Die türkische Kunstwelt steht geschlossen gegen die Regierung"

Die Heftigkeit der Proteste in Istanbul erstaunt in Venedig niemanden. In der Türkei brodele es schon lange, sagen die Kuratorinnen Isin Önol und Övül Durmuşoğlu, die den Protest auf der Biennale mitorganisiert haben. Da die türkische Regierung Medienvertreter immer wieder bedrohe, sickere aber wenig von dieser Stimmung durch.

Auch bei Ali Kazma hat sich Wut aufgestaut. Seit Jahren setze die Regierung hartnäckig ihre neoliberale Politik durch, sagt er. Die Opposition werde klein gehalten, Aktivisten als Terroristen diffamiert und Andersdenkende marginalisiert. Die türkische Kunstwelt stehe geschlossen gegen die Regierung, sagt Kazma.

Unter Erdoğans konservativer Regierung werden Künstler und Kuratoren in der Türkei schon seit Langem kurz gehalten. Sie müssten ohne staatliche Unterstützung auskommen, eine freie Szene gebe es praktisch nicht, sagt die Kuratorin Durmuşoğlu. Alle seien auf Mäzene angewiesen, Räumlichkeiten stünden kaum zur Verfügung. Selbst Großprojekte wie die Biennalen in Venedig oder Istanbul hingen von privaten Geldgebern ab.  


Als sie jetzt die Bilder von demonstrierenden Menschenmassen in Istanbul und anderen Städten gesehen habe, habe sie an Revolution gedacht, sagt Durmuşoğlu. "Hoffentlich hält diese Stimmung an."

Die Vertreter der türkischen Kunstszene reisten am Sonntagabend fast alle wieder ab, viele verwarfen ihre Pläne und besorgten sich spontan ein Flugticket nach Istanbul, um die Proteste zu unterstützen.

Ali Kazma weiß nicht, was ihn zu Hause erwartet: "Das Viertel, in dem ich wohne, soll völlig in Aufruhr sein", sagt er. "Freunde haben mir erzählt, dass ganze Straßenzüge nicht mehr passierbar sind."

In Venedig hängt jetzt ein Banner mit der Aufschrift Resist Istanbul am Eingang des türkischen Pavillons.