Befriedigen kann das nicht. Gewiss, bislang war die Kunst weitaus unverdächtiger als die Musik, wo zum martialischen Auftritt von Heavy-Metal-Bands seit jeher das Eiserne Kreuz und die Frakturschrift gehören. Bei Slayer, Laibach, den Böhsen Onkelz ließ sich eine gefährliche Liebelei mit der braunen Vergangenheit erkennen; damit verbindet sich nicht zuletzt eine Form des Aufbegehrens gegen das Establishment, Jugendkult. Missverständnisse sind gezielt programmiert, die Kollision wird mit der Staatsanwaltschaft bewusst herbeigeführt, um sich in der Opferrolle zu gefallen und Öffentlichkeit zu erlangen. In den wenigsten Fällen ist es ein Kampf um die künstlerische Freiheit, wie ihn jetzt Meese lautstark führt, sondern ein genüssliches Sägen an den Festen der Demokratie.

Wurde der Schutzraum der Kunst verlassen?

Der fünfte Artikel im Grundgesetz, der die Freiheit der Kunst garantiert, dient auch dem Schutz des Einzelnen, der sich verunglimpft fühlt. Christoph Schlingensief tönte 1997 in einer Performance Tötet Helmut Kohl, Martin Walser spielte 2002 in einem Roman recht unverhohlen mit dem Tod eines Kritikers, in dem man Marcel Reich-Ranicki erkennen konnte, und jetzt gerade: Bushido. Während weder Kohl noch Reich-Ranicki die Gerichte alarmierten, hat Klaus Wowereit Strafantrag gegen Bushido gestellt. Eine heikle Angelegenheit, bei der die Erträglichkeit öffentlicher Beschimpfung verhandelt wird. Die Bemäntelung durch einen Roman, ein Lied, ein Theaterstück reicht eben nicht allen aus.

Wie gefährlich diese Gratwanderung sein kann, bekommt nun auch Meese selbst zu spüren, der sich im Internet zunehmend Verhetzungen ausgesetzt sieht. "Ich bitte die Polizei, meinen Freund und Helfer, sich diese Leute vorzuknöpfen," erklärte er im Spiegel-Interview. Das postmoderne Zeichenspiel richtet sich plötzlich gegen seine vermeintlich arglosen Akteure.

Es mag als positives Zeichen gewertet werden, dass eine jüngere Generation naiver, gleichgültiger mit den verbotenen Insignien der Vergangenheit umgeht, der Hitler-Vergleich immer weniger als verbale Entgleisung geahndet wird. Wohl kann dabei niemandem sein, denn die Faszination für Nazi-Themen ist weiterhin latent. Ob in der Mode, im Film, in den Medien, Hitler verkauft sich. Die ikonische Bedeutung der Symbole gibt es noch immer, dafür besitzen nicht nur Künstler wie Jonathan Meese, sondern auch Staatsanwälte ein sehr feines Gespür. Nun gilt es zu klären, ob der Künstler den Schutzraum der Kunst wissentlich verlassen hat und tatsächlich böse agitierte.

Für heute hat er seinen Auftritt im Gerichtssaal angekündigt. Mit Provo-Gesten ist dort kaum zu rechnen. Aber auch sonst könnte sich der Künstler etwas Neues einfallen lassen. Vielleicht ahnt er es schon: Die größte Gefahr für ihn als Künstler besteht darin, dass er das Publikum langweilt.

Erschienen im Tagesspiegel