Wieder werden Kairos Straßen zum Ort der öffentlichen Kundgebung. Während die einen feiern, dass sie den Muslimbruder Mursi verjagt haben, machen sich die anderen bereit, für ihren geputschten Präsidenten zu kämpfen. Auch vor dem Präsidentenpalast im Kairoer Stadtteil Heliopolis versammeln sich in diesen Tagen Tausende Ägypter. Eine Band spielt auf, Demonstranten diskutieren, ein Oppositioneller ruft seine Forderungen ins Mikrofon. Inmitten dieses Treibens ist der Künstler Omar Fathy konzentriert bei der Arbeit.  

Er gibt einem Wandgemälde den letzten Schliff, das sich über eine der Mauern am Platz erstreckt. Es zeigt ein Porträt von Husni Mubarak, das mit dem Gesicht des ehemaligen Armeechefs Mohamed Hussein Tantawi verschmilzt. Daneben blickt Mohammed Mursi ernst von der Wand. Das nächste Bild zeigt nur die Umrisse eines Gesichtes, ganz in schwarz, lediglich ein weißes Fragezeichen prangt in der Mitte. Wer wird der nächste Präsident Ägyptens, wer führt das Land in eine demokratische Zukunft? Auch Omar Fathy hat keine Antwort auf diese Fragen. Er gibt nur einen Hinweis: Auf dem Kopf des Gesichtslosen sind die Umrisse eines Baretts zu sehen. Die Macht des Militärs unterschätzt auch der Künstler nicht.  


Basma Hamdy hat diese Szene gefilmt. Seit zwei Jahren beobachtet und dokumentiert die Ägypterin die Street-Art-Szene des Landes. "Bei den ägyptischen Revolutionsgraffiti handelt es sich nicht nur um bunte Bilder", sagt sie. "Kunst kann eine sehr effektive Waffe im Kampf gegen Ungerechtigkeit sein, gerade wenn sie jedem zugänglich ist – und das sind die Graffiti." Ganze Straßenzüge in der Hauptstadt Kairo gleichen seit der Revolution überdimensionalen Leinwänden für die Botschaften von Straßenkünstlern, Sprayern und Aktivisten. So wie die Mohamed-Mahmoud-Straße, die direkt vom Tahrir-Platz abgeht: An einer hohen Betonmauer prangt eine Karikatur von Mohammed Mursi. Das Gesicht angestrengt verzerrt, reißt der mittlerweile abgesetzte Präsident sein Hemd noch in Superman-Manier auf. Doch statt des Helden-Emblems prangt dort das Symbol der Muslimbrüder. Auf Arabisch ist darunter zu lesen: "Er lügt, sobald er spricht."  

Vergängliche Botschaften

Die Kritik der Straßenkünstler ist respektlos und humorvoll – und war genau deshalb der islamistischen Regierung ein Ärgernis, erklärt Basma Hamdy, die als Dozentin für Grafik-Design an der Universität von Sharjah in den Vereinigten Arabischen Emiraten arbeitet. Nicht nur die Politik inspiriert die Graffiti-Künstler, sagt sie. "Auch Themen wie sexuelle Belästigung werden immer wieder aufgegriffen. Die Bedeutung der Graffiti für die ägyptische Gesellschaft ist enorm."   

Doch die Botschaften an den Wänden sind vergänglich. Immer wieder werden die Malereien übermalt, entfernt oder verfremdet. Wichtige Zeugnisse der noch immer andauernden ägyptischen Revolution gehen so verloren. "Ich sehe diese Graffiti als historische Dokumente", erklärt Hamdy. Dokumente, die sie bewahren möchte. Gemeinsam mit dem Berliner Autor Don Karl hat die Ägypterin Hamdy deshalb das Buch Walls of Freedom zusammengestellt. Hunderte Aufnahmen, die mehr als 50 Fotografen in den vergangenen zwei Jahren von den Kunstwerken in Ägyptens Straßen machten, tragen die beiden in dem Band zusammen.

Auch während der Massendemonstrationen in den vergangenen Tagen wurde eifrig gesprüht und gepinselt. Am Rande der Proteste kommentierten die ägyptischen Straßenkünstler die aktuelle Lage: Die Mauern der Straßen sind übersät mit Wandbildern, die inmitten der Demonstrationen entstanden. Solche Szenen sind auch im Film Art War des Berliners Marco Wilms zu sehen: Der Dokumentarfilmer begleitete ägyptische Künstler und Aktivisten während ihrer Aktionen in Kairo und Luxor – statt eines Drehplans oder eines Presseausweises gehörten dabei stets Gasmaske und Schutzhelm zu seiner Ausrüstung, erzählt Wilms. Zuletzt drehte er in diesem Frühjahr während der Proteste gegen die islamistische Regierung in Kairo: "Ich rannte um mein Leben, Molotow-Cocktails flogen über unsere Köpfe hinweg." Ende des Jahres soll Wilms' Dokumentarfilm im deutschen Kino und im Fernsehen laufen.