Der Andreas Mühe genannte Fotograf bei der Eröffnung der Ausstellung "A.M. - Eine Deutschlandreise" © Maurizio Gambarini/dpa

Da die aktuellen Plakate zur Bundestagswahl bisher eher in die Abteilung "Gesundheit und Wohlfühlen" fallen, staunten wir nicht schlecht über eine Einladungskarte, die neulich mit der Post kam. A.M., eine Deutschlandreise fotografiert von Andreas Mühe, stand drauf und die Rückseite der Karte bot uns eine Ansicht, die selbst wir selten sehen. Der Kanzlerinnenrücken, verhüllt von einem senfgelben Blazer, davor die Zugspitze, wenn uns nicht alles täuschte. Das Matterhorn oder der Mount Everest kamen ja wegen Deutschlandreise nicht infrage, das haben wir schnell bei Googlemaps nachgeschlagen. 

Und da wir als recht erfolgreiche Internetjournalisten aus Berlin ungern Gelegenheiten zum soignierten Sekttrinken auslassen, dachten wir: nichts wie hin. Die Kunstzeitschrift Monopol würde den Abend ausrichten, 15 Bilder von A.M., ausgestellt in einer Mädchenschule und, das muss man sich mal vorstellen – wir hoffen, Sie sitzen – Mühe, Merkel, Mädchenschule. Ein Hammer.

Wir bestaunten die Fotos und waren schon in bester Laune, kunstkritisch loszuorgeln. Etwa: "Die Fotoserie zeigt stets nur den Rücken und den glattgekämmten Hinterkopf der Kanzlerin. Sie sitzt hinten rechts im Wagen, Mühes Kamera, und damit der Betrachter, links neben ihr. Innen ein mintgrüner, ein weinroter, ein goldener Blazer, draußen der Rhein, die Oder, die Villa Hügel, der riesige Kopf von Karl Marx, das Ortsschild des ostdeutschen Dorfes Golzow. Es sind Begegnungen von Landmark zu Landmark, wurde Merkel doch über die vergangenen acht Jahre ihrer Kanzlerschaft selbst zu einem Wahrzeichen Deutschlands."

Wir hatten sogar einige relativ kluge Einlassungen zur Metaphysik parat, bis wir darob noch ganz trunken vor Freude die Bild-Zeitung am Morgen aufschlugen und lasen: "Das Geheimnis der Märchen-Merkel-Fotos". Da erfuhren wir, dass die Kanzlerin auf den Bildern eigentlich eine Angestellte aus Brandenburg sei, was im Wesentlichen völlig okay ist. Aber so ein bisschen geleimt kamen wir uns schon vor, zumal wir gegen Mittag erfuhren, dass Andreas Mühe in Wahrheit gar nicht Andreas Mühe ist, sondern Gerhard Richter, der eigentlich Martin Mosebach ist und Siegelringprosa für Oberstudienratspaare schreibt.

Und als uns dann beim Kaffeeholen erzählte wurde, dass das Kanzleramt, in dem ja nun eine Brandenburgische Angestellte sitzt, eigentlich nur ein Fertighausnachbau der Elbphilharmonie sei und in Remagen stünde, da hatten wir bis zum späteren Nachmittag große Probleme, nicht loszuweinen und wussten nur, dass wir so eine Deutschlandreise nicht mehr vorbehaltlos mitmachen werden. Erst recht nicht, wenn sie Mühe macht.