In Zeiten des fortlaufenden Prism-Skandals erregt man sich über die Verletzung der Privatsphäre. Politisch ist das richtig, aber – Hand aufs Herz – was bedeutet die Bespitzelung des Privatlebens schon im Alltag? Unsere elektronische Kommunikation ist meist vollkommen trivial. Am Ende bleiben die Adresse des Dealers, öde Seitensprünge, Zugangsdaten zu verschuldeten Konten und todlangweiliger Pornokonsum als Dinge, die man nicht unbedingt mit Dritten teilen möchte. Also kaum der Aufregung wert.

Oder geht es beim E-Mail-Verkehr doch um Fundamentaleres? Um Intimität und Persönlichkeit?

Die Performance- und Objektkünstlerin, Drehbuchautorin, Regisseurin, Schriftstellerin und Schauspielerin Miranda July gehört zu den gesegneten Künstlerinnen, die dem Zeitgeist schon mal um etwas voraus sind. Im Fall der Prism-Affäre hat sie entweder wahnsinnig fix reagiert, oder – da es für gewöhnlich ein wenig Zeit braucht, um solche Dinge auf den Weg zu bringen – sie war sogar ein paar Monate schneller als die Wirklichkeit. Jedenfalls ist ihr seit Juli weitgehend im Internet existierendes Performancekunst-Projekt We think alone für die Stockholmer Konsthall so aktuell wie ein Kommentar in den Tagesnachrichten.

Das Prinzip ist denkbar einfach. July hat einige Künstler, Schriftsteller, Sportler darum gebeten, private, von ihnen an jemand Nahestehenden versendete Mails an sie weiterzuleiten. Diese privaten Mails leitet die Initiatorin wiederum seit Anfang Juli jeden Montag an jeden weiter, der sich für den Newsletter We think alone anmeldet. Wöchentlich kuratiert July die Mails unter einem anderen Thema wie "Mails an die Mutter", "Mails über Dinge, die ich gerne haben möchte" und "Mails, in denen Träume vorkommen" oder – ganz dem Zeitgeist entsprechend – gruppiert Mails, in denen der Name des amerikanischen Präsidenten Barack Obama auftaucht.

So erfahren wir dann eben, was die Schauspielerin Kirsten Dunst so träumt, nachdem sie den Tag auf einem Fotoshooting für die Schmuckmarke Bulgari verbracht hat: davon, in einem Second-Hand-Laden in Montreal einzukaufen. Oder, eine weitere Trivialität, dass die kanadische Schriftstellerin Sheila Heti Selbstporträts mit dem Smartphone aus Bekleidungsgeschäften verschickt, bevor sie modisch zugreift. Das Projekt folgt dem Stil der New Sincerity, der "neuen Aufrichtigkeit".  Es geht um Entblößung, um einen möglichst ungeschminkten, authentischen Zugang zur Persönlichkeit, der durchaus langweilig sein kann und dies oft auch ist.