ZEIT ONLINE: Mister Petropoulos, Sie sind Experte für Kunstraub während des Nationalsozialismus. Im Dritten Reich halfen auch Museumsleiter, Kritiker, Sammler und Händler dabei. Wie wichtig waren Menschen wie Hildebrand Gurlitt in diesem System?

Jonathan Petropoulos: Sie spielten eine essenzielle Rolle. Die Zahl der Kunstexperten, die an diesem System beteiligt waren, ist enorm. Sie waren zum Teil enthusiastische Unterstützer. Denn der Kunstraub war für alle Involvierten äußerst profitabel. Nicht nur für die Nazi-Elite, sondern für alle Kunstexperten und Händler – auch nach 1945.

ZEIT ONLINE: Gurlitts Kunst wurde in München entdeckt. Ist das ein Zufall?

Petropoulos: Nein, ganz sicher nicht. München war während des Dritten Reichs eines der Zentren für Kunsthandel. Dort existierte nach 1945 ein Netzwerk von Altnazis, das weiter mit Raubkunst Geschäfte machte.

ZEIT ONLINE: Wer waren diese Männer?

Petropoulos: Bruno Lohse, Karl Haberstock, Andreas Hofer, Kajetan Mühlmann oder eben auch Hildebrand Gurlitt waren dort aktiv. Mit Lohse, dem Kunstbeschaffer Hermann Görings und stellvertretenden Direktor der nationalsozialistischen Kunstrauborganisation Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR), habe ich über Jahre hinweg Interviews geführt. Lohse konnte mir tiefe Einblicke in die Funktionsweisen dieser Nazi-Verbindungen geben.

ZEIT ONLINE: Wie sind die Geschäfte dieses Netzwerks belegt?

Petropoulos: Kajetan Mühlmann hat nach 1945 sein Leben dadurch finanziert, das ist belegt. Auch Lohse hatte Raubkunst in einem Schließfach in der Schweiz versteckt. Zwei Monate nach seinem Tod stellte die Zürcher Staatsanwaltschaft Werke von Monet, Renoir, Pissarro und Meerhoud sicher. Das Schließfach in der Schweiz gehörte seit fast dreißig Jahren der Liechtensteiner Anstalt Schönart. Niemand wusste, wer dahinter steckte. Im Mai 2007 war dann klar: Schönart gehörte Lohse.

ZEIT ONLINE: War es nach 1945 wirklich so einfach, Raubkunst zu verstecken und zu verkaufen?

Petropoulos: Die US-Amerikaner und auch Westdeutschland waren nach 1945 mit anderen Dingen beschäftigt, als sich um Kunsträuber zu kümmern. Bis 1950 war das alles jedoch bei Weitem noch nicht aufgearbeitet, es gab keinen politischen Willen dazu. Raubkunst wurde direkt aus Schweizer Schließfächern gekauft. In den 1950er bis 1970er Jahren haben Museumsdirektoren und Kuratoren aus Europa und den USA dabei kaum Fragen gestellt.

ZEIT ONLINE: Können Sie Beispiele nennen?

Petropoulos: Es gibt die Geschichte von Ante Topić Mimara, einem jugoslawischen Kunstexperten, der Raubkunst an das Metropolitan Museum verkauft hat. 1947 kam Mimara nach München, wo das zentrale Kunstlager der Amerikaner untergebracht war. Dort stellte er sich als Abgesandter der jugoslawischen Regierung vor und präsentierte eine Liste mit Namen von Kunstwerken, welche die Deutschen angeblich aus Jugoslawien gestohlen hatten. Die Namen hatte er von einer deutschen Kunsthistorikerin erfahren, mit der er zuvor eine Affäre gehabt hatte. Mimara fuhr schließlich mit einem Lastwagen vor, lud etliche Kunstwerke ein und fuhr damit nach Zagreb.

ZEIT ONLINE: Und die kamen gleich auf den Markt?

Petropoulos: Eines der Stücke, das Bury St. Edmunds Cross aus dem 12. Jahrhundert, tauchte 1963 wieder auf. Und zwar im Metropolitan Museum in New York. Der spätere Chef des Museums, Thomas Hoving, hatte es direkt aus dem Schließfach von Mimara gekauft. Auch das British Museum versuchte das zu diesem Zeitpunkt, obwohl völlig klar war, woher Mimara seine Werke hatte. Bei diesem florierenden Handel sind die Beteiligten auch in Kontakt mit dem Münchner Netzwerk gekommen. Bruno Lohse hat das in unseren Interviews bestätigt.

Beutekunst - Die Werke des Münchner Kunstfundes Bei dem Kunstfund sind auch bisher völlig unbekannte Meisterwerke entdeckt worden. Mehrere Bilder von Dix und Chagall waren bisher nicht in Werkverzeichnissen erfasst. Die Fotos der Werke haben wir zusammengestellt.

ZEIT ONLINE: Auch Gurlitt geriet ins Visier der Steuerfahnder, als er aus der Schweiz kam.

Petropoulos: Dass Cornelius Gurlitt 9.000 Euro in der Tasche hatte, als er aus der Schweiz kam, passt genau in dieses Bild. Aber es gibt weitere Hinweise: Es ist bekannt, dass Gurlitt mit Eberhard W. Kornfeld Kunsthandel betrieben hat, der mit dem Münchner Netzwerk offenbar in Verbindung stand. Kornfeld ist in weitere Fälle verstrickt, in denen es um Raubkunst ging. So hat er zum Beispiel mit der Sammlung des Kabarettisten Fritz Grünbaum zu tun, einem österreichischen Juden, der 1941 im Konzentrationslager Dachau verstarb. Seine Sammlung tauchte 1956 in Kornfelds Auktionshaus in Bern wieder auf.