Am 20. März 1939 brannte es im Hof der "Alten Feuerwache" in der Lindenstraße 42 in Berlin. 1.004 Ölgemälde, 3.825 Aquarelle, Zeichnungen und graphische Blätter hatten die Nationalsozialisten auf einen Haufen werfen lassen und angezündet. Alles Werke "entarteter Kunst", die sie in den Jahren zuvor aus über hundert Museen in ganz Deutschland zusammengerafft hatten, um die deutsche Kunst zu säubern.

Es gibt zwei Begründungen, wieso Kunst an diesem Montag im März 1939 dem Feuer zu Opfer fiel. Die eine lautet, dass es sich um den "unverwertbaren Rest" des noch viel größeren Lagers in Berlin-Kreuzberg handelte. Die andere, dass die Nationalsozialisten mit dieser Propagandamaßnahme die Preise für die von ihr diffamierten Werke auf dem Kunstmarkt in die Höhe treiben wollten.

Denn die Sache mit der "entarteten Kunst" hatte einen Haken: Wer sollte bereit sein, viel für Werke zu bezahlen, die der Propagandaminister Joseph Goebbels kurz zuvor während eines Besuchs des Zentrallagers für "entartete Kunst" im Viktoria-Speicher der Berliner Hafen- und Lagerhaus A.G. in der Köpenicker Straße 24a in Kreuzberg als einen solchen "Dreck" bezeichnet hatte, "daß einem bei einer dreistündigen Besichtigung direkt übel wird".

Ob tatsächlich eine Bilderverbrennung stattgefunden hat, ist nicht zweifelsfrei belegbar. In den Kriegswirren sind die Unterlagen der Feuerwache vernichtet worden. Offiziell ist von einer "Löschübung" die Rede. Möglich ist also, dass nur Rahmen und Pappe verbrannt wurden. Der Abschlussbericht Goebbels’ ist seit 1949 verschollen. Erhalten ist lediglich der Entwurf eines "Schlussberichtes über die Abwicklung der Entarteten Kunst", der allerdings sehr vage gehalten ist.

Eindeutig belegt ist indes die Vorgeschichte des Ereignisses. Und Hildebrand Gurlitt, der Vater von Cornelius Gurlitt, in dessen Schwabinger Wohnung jetzt 1.406 Kunstwerke gefunden wurden, spielt darin eine entscheidende Rolle.

Am 30. Juni 1937 beauftragte Goebbels den Präsidenten der Reichskammer der Bildenden Künste, Adolf Ziegler, alle Museen auf "deutsche Verfallskunst" zu durchforsten, die Werke zu inventarisieren und für eine Ausstellung aufzubereiten. Ziegler stellte eine Kommission zusammen, die im Juli 1937 in einer Eilaktion mehrere Hundert Werke beschlagnahmte und zur Ausstellung Entartete Kunst zusammenstellte.

Ebenfalls im Juli 1937 stattete Hitler Ziegler mit einer Generalvollmacht aus, mit der er alle in den Museen noch vorhandenen "Machwerke der Verfallszeit" konfiszieren sollte. Der Raubzug wurde durch das "Gesetz über die Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst" begründet, das das entschädigungslose Beschlagnahmen legitimieren sollte.

Hildebrand Gurlitt, Kunsthändler und Vater des jetzt beschuldigten Cornelius Gurlitt, auf einer Fotografie um 1925 © Fritz Alter sen. / Kunstsammlungen Zwickau

Fast 20.000 Werke wurden eingesammelt. Ihr Ziel war Berlin. Im September 1937 wurde sie an zwei Standorte in Berlin gebracht: in den Viktoria-Speicher in Kreuzberg und auf Schloss Niederschönhausen, in dem ausgesuchte Werke für den Verkauf auf dem internationalen Kunstmarkt aufbewahrt wurden. Vier vom Propagandaministerium ausgewählte Kunsthändler, Karl Buchholz, Ferdinand Möller, Bernhard Böhmer und eben Hildebrand Gurlitt, sollten mit den Werken handeln. Sie erhielten exklusive Rechte. Hermann Göring schwebte der devisenbringende Verkauf der Werke ins Ausland vor. Die Nazis nutzten also die Expertise der Kunstkenner und deren Verbindungen auf dem internationalen Markt für moderne Kunst, um sich hartes Geld für den Krieg zu beschaffen.