1.285 ungerahmte und 121 gerahmte Bilder, darunter Werke von Liebermann, Beckmann, Dix, Kokoschka, Toulouse-Lautrec, Macke, Marc, Nolde, Kirchner, Picasso, Spitzweg, Chagall, Renoir, Courbet, Matisse und Dürer: Mit neuen Details zu dem spektakulären Kunstfund in München sind die Behörden erstmals an die Öffentlichkeit getreten. Dabei warten sie auch mit einer weiteren Sensation auf: Nach Angaben der Kunsthistorikerin Meike Hoffmann von der Forschungsstelle "Entartete Kunst" der Freien Universität Berlin – sie erforscht seit 2012 die Herkunft der Bilder – befinden sich unter den gefundenen Werken auch bislang völlig unbekannte Meisterwerke.

Hoffmann zufolge handelt es sich dabei zum einen um ein Selbstporträt von Otto Dix und zum anderen um ein bisher unbekanntes Werk von Marc Chagall, das von einem "ganz besonders hohen kunsthistorischen Wert" sei und so wie das Dix-Bildnis bislang nicht in Werkverzeichnissen erfasst wird. Gezeigt werde eine allegorische Szene, deren Herkunft noch nicht eindeutig bestimmt ist. Das Bild datiere wohl auf Mitte der 1920er Jahre, so die Expertin.

Ihr zufolge sei die gefundene Sammlung von außerordentlicher ästhetischer Qualität und großem wissenschaftlichem Wert. In der Wohnung befanden sich nicht nur Werke der klassischen Moderne, sondern auch deutlich ältere Bilder. Das älteste stammt laut Hoffmann aus dem 16. Jahrhundert, auch Bilder des 19. Jahrhunderts seien dabei gewesen. "Es geht also nicht nur um NS-Raubkunst", sagte sie vor der Presse und fügte hinzu: Alle Bilder seien ihrem Eindruck nach echt. "Es gibt überhaupt keine Anhaltspunkte, dass es sich um Fälschungen handelt."

Beutekunst - Die Werke des Münchner Kunstfundes Bei dem Kunstfund sind auch bisher völlig unbekannte Meisterwerke entdeckt worden. Mehrere Bilder von Dix und Chagall waren bisher nicht in Werkverzeichnissen erfasst. Die Fotos der Werke haben wir zusammengestellt.

Laut Siegfried Klöble, Leiter des Zollfahndungsamts München, sind alle Gemälde – darunter außer Ölgemälden auch Lithographien, Zeichnungen oder Aquarelle – in einem "sehr guten Zustand" und all die Jahre "fachgerecht" gelagert worden. Hoffmann ergänzte, die Bilder seien zum Teil verschmutzt gewesen, aber nicht beschädigt. Zum geschätzten Wert der Sammlung machte beide keine Angaben.

Ein entscheidendes Detail brachte der Augsburger Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz vor: Demnach wurde das Schwabinger Appartement nicht im Frühjahr 2011, sondern erst im Februar 2012 durchsucht worden. Damit beendet er Spekulationen über weitere Kunstverstecke des inzwischen 80-jährigen Wohnungsbesitzers, der im September 2011 das Gemälde Der Löwenbändiger von Max Beckmann verkauft hatte. Dies geschah also noch vor der Razzia und nicht danach. Der Zoll, so Nemetz, hält es deshalb für unwahrscheinlich, dass noch weitere Bilder irgendwo gelagert werden.

Kunstwerke im Wert von mehr als einer Milliarde Euro

In der Kunstszene gilt der Münchener Überraschungsfund bereits jetzt als die größte Entdeckung verschollener Kunstwerke seit dem Ende der Nazi-Zeit. Wie das Magazin Focus berichtet hatte, entdeckten Zollfahnder in der Wohnung von Cornelius Gurlitt eine Kunstsammlung im geschätzten Wert von mehr als einer Milliarde Euro. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft benötigten die Fahnder drei Tage, um die Wohnung zu räumen und die Werke fachgerecht abzutransportieren.

Die Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken stammen offenbar aus dem Nachlass des Dresdner Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, der die von den Nazis als entartet stigmatisierte Kunst im Auftrag der NS-Führung zu Geld machen sollte. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs hatte dessen Witwe behauptet, die von ihrem Mann verwahrten Bilder seien zerstört worden – eine Falschaussage, die aber erst dann aufflog, als der Sohn Cornelius dem Zoll 2011 wegen einer auffälligen Bargeldsumme aufgefallen war und weitere Nachforschungen zu der Schwabinger Wohnung führten.

Bislang hatten die Ermittler ihre Entdeckung vor der Öffentlichkeit geheim gehalten. Neben dem Verdacht der Unterschlagung ermitteln sie auch wegen eines Steuerdelikts gegen Cornelius Gurlitt – die Staatsanwaltschaft obliegt nach eigenen Angaben wegen des Steuergeheimnisses deshalb der Schweigepflicht.

Kritik von Erben jüdischer Kunstsammler

Dies stößt auf Widerspruch seitens der Vertreter der Erben jüdischer Kunstsammler: Schon die Geheimhaltung des Fundes verstoße gegen die Grundsätze der Washingtoner Konferenz, bei der sich 44 Staaten über den Umgang mit NS-Beutekunst verständigt hätten, sagte der von Erben des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim beauftragte Rechtsanwalt Markus Stötzel dem Handelsblatt. Wie der New Yorker Anwalt David Rowland und die Berliner Juristin Imke Gielen macht sich Stötzel dafür stark, den Inhalt der Sammlung komplett offenzulegen.

Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland forderte eine minutiöse Aufklärung der Hintergründe. "Die Reise, die diese Gemälde hinter sich haben", müsse genau rekonstruiert werden, "um die rechtmäßigen Besitzer oder deren Nachkommen ausfindig zu machen", sagte der Ratsvorsitzende Dieter Graumann der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Er verwies ebenfalls auf die Washingtoner Erklärung, wonach eine Rückgabe von Raubkunst auch in juristisch verjährten Fällen angezeigt ist. "Späte Gerechtigkeit ist besser als keine", sagte Graumann.