Werke von Picasso, Matisse und Chagall, Bilder von Klee, Beckmann, Nolde, Corinth oder Kokoschka: All dies findet man in Museen – oder in einer zugemüllten Wohnung in München-Schwabing. 1.500 Kunstwerke der Klassischen Moderne im geschätzten Wert von einer Milliarde Euro soll ein inzwischen 80-Jähriger dort seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehortet haben. Nach Informationen des Magazin Focus gehört ein Großteil der Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken zu den verschollenen Exponaten der "entarteten Kunst". Angehörige oder Nachkommen der einst von den Nazis beraubten, zumeist jüdischen Vorbesitzer warten seit Jahrzehnten auf Rückgabe – und könnten auch in diesem Fall enttäuscht werden.

So stehen die Fahnder der bayerischen Behörden und deren Experten – derzeit untersucht eine Kunstforscherin der FU Berlin die Kunstwerke in einem Zolllager in Garching – vor einer großen Aufgabe: Sie müssen die Herkunft der Bilder zweifelsfrei feststellen und damit ihrem bisherigen heimlichen Hüter die Eigentumsrechte verwehren. Gut möglich aber, dass die Bilder wieder an den mysteriösen Kunstsammler zurückgegeben werden könnten. In seinen Besitz gelangten sie durch seinen Vater, den renommierten Kunsthändler Hildebrand Gurlitt.

Allerdings, so berichtet es der Focus, glauben die Behörden in München und Berlin, ein rechtliches Druckmittel entdeckt zu haben. Dabei handelt es sich um ein Schreiben der "Wiedergutmachungsämter" Berlin aus den 1960er Jahren. Damals wendeten sie sich an die Witwe von Kunsthändler Hildebrand Gurlitt. Von ihr wollten sie wissen, ob sie etwas über den Verbleib mehrerer Bilder aus dem Besitz des jüdischen Sammlers Henri Hinrichsen wisse – Bilder wie eine Zeichnung von Spitzweg, die ihr Mann einst als Händler im Auftrag von Propagandaminister Joseph Goebbels von jüdischen Sammlern aufkaufte. Die Witwe verneinte, alle Unterlagen, sämtliche Bestände seien bei einem Bombardement in der damaligen Familienwohnung in Dresden verbrannt.

Bundesregierung wusste Bescheid

Damit könnten die Behörden die Familie Gurlitt der Lüge überführen, denn so wie die Kunstwerke – darunter auch die Spitzweg-Zeichnung – befanden sich auch die Unterlagen in der Schwabinger Wohnung des Nachkommen. Damit könnten auch seine Eigentumsrechte an Picasso, Klee, Beckmann und Corinth verwirkt sein, der Staat würde die Rechtsnachfolge antreten und die internationalen Verträge erfüllen und die Bilder an die Familien der früheren Besitzer zurückgeben. Die Staatsanwaltschaft Augsburg soll nach Informationen des Focus genau entlang einer solchen Argumentation eine wirkliche Enteignung des 80-Jährigen anstreben.

Die Bundesregierung jedenfalls weiß bereits seit Längerem über den Fall Bescheid. "Die Bundesregierung ist seit mehreren Monaten über den Fall unterrichtet", sagte dazu Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Durch die Vermittlung von Experten, die sich mit "Entarteter Kunst" und von den Nationalsozialisten geraubter Kunst auskennen, würden die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Augsburg auch unterstützen.

Noch weitere Kunstwerke versteckt?

Die Beamten müssen sich allerdings beeilen. Die Werke aus der Schwabinger Wohnung sind zwar vorerst in Sicherheit gebracht worden, doch offenbar gibt es noch weitere Verstecke. Wie der Focus berichtet, soll er noch Monate nach der Razzia das Bild Der Löwenbändiger von Max Beckmann über das Kölner Aktionshaus Lempertz verkauft haben. Zuvor soll er sich eigenmächtig mit den Nachkommen des Kunstsammlers und Händlers Alfred Flechtheim geeinigt haben – 450.000 Euro soll ihm der Deal eingebracht haben.

Misstrauisch wurde man seitens des Autionshauses nicht. "Das wirkte, als habe Herr Gurlitt als alter Mann sein Kronjuwel geholt, um für die letzten Jahre noch flüssiges Kapital zu haben", sagte der Justiziar des Auktionshauses, Karl-Sax Feddersen. Die Nachfahren vieler anderer jüdischer Sammler dürfte diese Nachricht aber beunruhigen. Justiz und Politik stehen vor schwierigen Ermittlungen. Und "sollten die 1.500 Werke wieder bei dem Münchner Sonderling verschwinden, würde die Sensation in einem Trauerspiel enden", heißt es im Focus.