Weiße Flaggen auf der Brooklyn Bridge! New York City war geschockt – wurde hier die Kapitulation ausgerufen? Wo waren die Sternenbanner, die üblicherweise auf den beiden Brückentürmen wehten? Welche Sicherheitsmaßnahmen hatten da nicht gegriffen?

Die beiden weißen Fahnen waren nur einige Stunden lang zu sehen, bevor sie abgenommen wurden. Nun hat sich das Berliner Künstlerduo Wermke/Leinkauf dazu bekannt, die zwei handgenähten Fahnen im Rahmen der Kunstaktion White American Flags in der Nacht zum 22. Juli angebracht zu haben.

Laut Pressemitteilung waren die Künstler darauf bedacht, Brücke und Flaggen mit Respekt zu behandeln. Die Banner hätten sie nach dem U.S. Flag Code, dem Flaggengesetz der Vereinigten Staaten, gefaltet. Die Originalflaggen sollen zurückgegeben werden.

Kalkulierter Regelbruch

Die Aktion hatte in New York heftige Spekulationen ausgelöst, weil der Urheber des Fahnentauschs lange unbekannt war. Marihuana- und Fahrradaktivisten behaupteten, die Urheber zu sein, niemand glaubte ihnen. Die Behörden ermittelten, schließlich gilt die Brooklyn Bridge als potentielles Ziel für Anschläge.

Am Dienstag schließlich wurde der New York Times ein Video der Aktion zugespielt – zusammen mit dem Bekenntnis von von Matthias Wermke und Mischa Leinkauf. Ihre Erklärung für die Aktion: Die weißen Fahnen seien ein Tribut an die deutschstämmigen Architekten der Brooklyn Bridge, John Roebling, der 1831 aus Thüringen in die USA gekommen war. Tragischerweise starb er an den Folgen eines Unfalls bei der Besichtigung des Bauplatzes – am 22. Juli 1869, also auf den Tag genau 145 Jahre vor der Kunstaktion. Roeblings Sohn Washington stellte die Brücke 1883 fertig.

Aber natürlich sei White American Flags ganz offen interpretierbar, "wie eine leere Leinwand" erlaube die Aktion viele Zuschreibungen. Das Künstlerduo bezieht sich ausdrücklich auf Jasper Johns' Flag Pieces, die die US-Flagge malerisch erforschten – ihre Flaggen haben auch ihre eigene Materialität, sind aus zwei verschiedenen weißen Stoffarten aufwändig zusammengesetzt, um die Struktur der Sterne und Streifen zu erhalten.

Die Aufregung und die polizeilichen Ermittlungen in New York haben die Künstler überrascht, berichtet die New York Times. In Berlin hätten sich wohl nicht so viele Leute um ihre Aktion gekümmert, sagte Leinkauf der Zeitung. "Aber natürlich hatten wir auch nicht das gleiche Problem mit Terrorismus." Die örtlichen Behörden haben sich bisher nicht zu etwaigen Konsequenzen geäußert. Ein Sprecher lud die beiden ein, nach New York zurückzukehren: "Falls sie vorbeikommen und mit uns sprechen wollen, wären wir sicher mehr als froh, sie zu empfangen."

Der kalkulierte Regelbruch, die Selbstermächtigung, die Aneignung des öffentlichen Raums sind Grundprinzipien der Arbeit von Wermke/Leinkauf. In ihrer Mitteilung erinnern die beiden auch an andere künstlerische Aktionen, darunter die von Philippe Petit, des französischen Hochseilartisten, der 1974 illegal auf einem Hochseil zwischen den Türmen des World Trade Centers hin- und herspazierte.