Ganze Straßen liegen unter Trümmern begraben, von vielen Häusern sind nur Ruinen geblieben. Die Zerstörung ist allgegenwärtig in Gaza. Der Wiederaufbau wird lange dauern. Rund 80 Kilometer entfernt wird ebenfalls gebaut: Auf einer Anhöhe nahe Ramallah im Westjordanland erstreckt sich eine gigantische Baustelle. Schaufellader heben kaskadenartige Terrassen aus, ein Fundament aus hellem Kalkstein bildet den Mittelpunkt. Auf 3.000 Quadratmetern entsteht hier das größte Museum für palästinensische Kunst, Geschichte und Kultur in der Region.

Entworfen hat das Museum das irische Architektenbüro Heneghan Peng, die Kosten der ersten Bauphase belaufen sich auf 15 Millionen US-Dollar. Schon im September des kommenden Jahres soll hier das Palästinensische Museum eröffnen. "Wir halten an diesem Datum fest", sagt Direktor Jack Persekian.

Die aktuellen Ereignisse im Gazastreifen, die angespannte Lage im Westjordanland, die Razzien, Demonstrationen und Zusammenstöße zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften scheinen den 51-jährigen Persekian nur wenig zu beeindrucken: "Wir leben hier nun einmal in keiner normalen Situation."

"Die Grundsteinlegung war ein wichtiges Signal an die Palästinenser"

Persekian stammt aus Jerusalem, nach einem längeren USA-Aufenthalt lebt der Palästinenser armenischer Herkunft seit 1992 wieder in seiner Geburtsstadt. Als Galerist und Kunstförderer machte er sich auch außerhalb seiner Heimat einen Namen, mehrfach leitete er etwa die renommierte Sharjah Biennale in den Vereinten Arabischen Emiraten. Zurück in Jerusalem gründete er das Künstler-Netzwerk al-Ma’mal, um vor allem palästinensische Nachwuchskünstler zu fördern. Als 2000 die zweite Intifada auch das Westjordanland erfasste, hätte Persekian das Land verlassen können – doch er blieb, die Vorbereitungen für das Palästinensische Museum waren bereits in vollem Gange. "Die Idee entstand bereits 1997", erzählt Persekian. Die 1983 gegründete Welfare Association, eine NGO mit Sitz in Ramallah, entwickelte und finanzierte das Projekt.

Sechzehn Jahre dauerte es, bis der Bau im April 2013 begann. "Es war ein großartiges Gefühl", sagt Persekian. "Wir hatten so lange auf diesen Tag hingearbeitet und so viele Schwierigkeiten überwunden, vor allem die Intifada. Die Grundsteinlegung war ein wichtiges Signal an die Palästinenser, aber auch an die Welt. Es zeigte, dass sich hier etwas bewegt, dass hier auch Positives entstehen kann."

Larissa Sansours Arbeiten bewegen sich oft zwischen Fiktion und Realität, wie hier in ihrer Videoinstallation "A Space Exodus" von 2009. © The Palestinian Museum/Foto: Larissa Sansour

Unbeirrbar hält Persekian auch jetzt an der Vision des Museums fest, ein Baustopp kommt für ihn nicht infrage. Dass Kunst in Zeiten von Krieg und Zerstörung für die meisten Bewohner seiner Heimat nicht gerade oberste Priorität hat, weiß er: "In schweren Zeiten konzentrieren sich die Menschen immer auf ihre grundlegenden Bedürfnisse. Sie müssen Geld verdienen, ihre Familien versorgen, überleben. Da bleibt kaum Zeit für Kunst. Das ist überall auf der Welt so."

Für Persekian ist Kunst mehr als ein elitärer Zeitvertreib. "Sie kann eine effektive Waffe gegen radikale Kräfte sein. Gerade hier sind wir umgeben von Bewegungen, die mit monolithischen Weltanschauungen ihre Umwelt beeinflussen wollen. Sie lehnen alles Andersartige ab. Kunst ist darauf eine kraftvolle Antwort, denn sie steht für Vielseitigkeit".

Radikale Kräfte, gleich welchen religiösen oder ideologischen Hintergrundes, hält er für die größte Bedrohung für die Kultur seiner Heimat. In seinem Museum sollen historische Dokumente ausgestellt, aber auch moderne Medien genutzt werden: In dem Videoprojekt Never-part zeigen Palästinenser Gegenstände, die einen besonderen emotionalen Wert für sie haben und die sie auf ihren Lebenswegen begleiten: Liebesbriefe, ein Stein oder Behältnisse aus einer 1920 in Palästina eröffneten Apotheke. Am Ende sollen alle Geschichten als Video zusammengefasst und in einer Ausstellung zu sehen sein. So entstehe ein neues Narrativ für die palästinensische Geschichte, hoffen die Verantwortlichen des Museums.