Überraschen konnte die Nachricht nicht, dass Bern das umstrittene Erbe von Cornelius Gurlitt antreten wird. Dafür war schon im Vorfeld der gestrigen Pressekonferenz zu viel an die Öffentlichkeit gedrungen. Und doch wurde die Bekanntgabe nach der voll ausgenutzten Bedenkzeit von einem halben Jahr seit dem Tod des Kunsthändlersohnes und Sammlers wie ein Staatsakt als großer Moment zelebriert: mit der Unterzeichnung einer gemeinsamen Vereinbarung zwischen der Bundesrepublik, dem Freistaat Bayern und der Stiftung Kunstmuseum Bern.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Stiftungsratspräsident Christoph Schäublin und der bayerische Justizminister Winfried Bausback signierten formvollendet mit drei hintereinander dargereichten Dokumenten und elegant zum Einsatz gebrachten silbernen Löschwiegen das in den vergangenen Monaten vorbereitete Papier, das dem Schweizer Museum die Annahme des befrachteten Testaments erleichtern sollte.Tatsächlich scheint sich eine Form gefunden zu haben, die bestmöglich den weiteren Umgang regelt: sowohl mit der Raubkunst aus Gurlitt-Besitz – 499 Werke insgesamt – als auch mit der von den Nationalsozialisten als "entartet" konfiszierten Kunst.

Die über 1.500 Stücke umfassende Sammlung des früheren NS-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, die vollkommen unbekannt war bis zu ihrer Entdeckung durch die bayerische Staatsanwaltschaft im Frühjahr 2012 in der Schwabinger Wohnung des zurück gezogen lebenden Sohnes, wird zwischen der Bundesrepublik und dem Kunstmuseum Bern aufgeteilt. Der erst im November 2013 durch Presseberichte öffentlich gewordene Fund, darunter Meisterwerke von Picasso, Matisse, Chagall, Renoir, hatte einen der größten Kunstskandale der Bundesrepublik ausgelöst.

Wichtigster Punkt der Vereinbarung: Die Raubkunst verbleibt in der Obhut der von Bund und Bayern bereits vor einem Jahr eingesetzten Taskforce. Sie kümmert sich weiterhin um die Provenienzforschung und sucht mögliche Erben. Hinzu kommen auch jene erst später im Salzburger Haus von Gurlitt aufgetauchten Werke, die ebenfalls unter dem Raubkunst-Verdacht stehen. Beide, Bund und Land, erklären sich bereit, für die Restitution zu sorgen und für deren Kosten einzustehen. Sie übernehmen damit die von Cornelius Gurlitt noch kurz vor seinem Tod eingegangene Selbstverpflichtung, die "Washingtoner Prinzipien" auf seine Privatsammlung anzuwenden, die bisher nur für öffentliche Museen galten.

Für den Privatmann Gurlitt, der sich rein rechtlich auf Verjährung berufen konnte, war das damals ein großer Schritt. Die nun gefundene neuerliche Lösung mit dem Bund könnte beispielhaft sein und Bewegung in den Bereich privater Restitution bringen, die bislang kaum ein Thema war. Die Sammlung Gurlitt stellt zwar durch Umfang und familiären Hintergrund einen Sonderfall dar, doch dürften sich bis heute zahlreiche Beutekunst-Werke in Privatbesitz befinden, die von den Erben vielfach jetzt erst als solche erkannt werden.

Der Bund stelle sich durch Übernahme von Provenienzforschung, Restitution und Kosten seiner besonderen Verantwortung, so die Kulturstaatsministerin. Hier gehe es um mehr als eine rechtliche Dimension, erklärte Monika Grütters bei der Pressekonferenz. Diese Haltung kam den Schweizern entgegen. Denn dem Kunstmuseum Bern war daran gelegen, dass keine Raubkunst aus Gurlitt-Besitz auf Schweizer Boden gelangt, um nicht belangt zu werden. Nach einem weiteren Forschungsjahr, so versprach die Ministerin, werde die Taskforce zu jedem Werk einen Bericht vorlegen.