Eine Zeichnung von Plantu auf einem Bronzefries am Pariser Platz der Republik. Wer eine Linie zeichnet, wird irgendwann auch eine andere Linie überschreiten, heißt es unter Cartoonisten. © Reuters/Gonzalo Fuentes

Natürlich ist es Schwarzmalerei, wenn man ein weißes Blatt Papier abbildet und darunter schreibt: "Bitte genießen Sie diesen kulturell, ethnisch, religiös und politisch korrekten Cartoon verantwortungsvoll. Danke." Es ist eine jener Karikaturen, die seit dem Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo im Netz kursieren. Es ist ein Plädoyer dafür, einfach alles zuzulassen, was sich ein Zeichner ausdenkt.

"Das Wesentliche ist, dass man keine Meinung verbieten darf", formuliert es Plantu, einer von Frankreichs renommiertesten Karikaturisten. Jeden Wochentag fasst er auf der Titelseite von Le Monde seine Meinung zum Weltgeschehen in Linien. Er hat sichtlich wenig geschlafen und der Schweiß rinnt ihm an diesem Samstag nach dem Anschlag über die Stirn. "Aber", sagt er, "man muss diese Meinung dann in die richtige Form bringen". Wie die aussieht, das diskutieren die Zeichner in Frankreich gerade besonders heftig.

Der in Paris lebende Comicübersetzer Volker Zimmermann kritisiert in diesem Zusammenhang eine Kurzschlussreaktion, die ihn an das Jahr 2005 erinnert: Damals erschienen in der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten Mohammed-Karikaturen, die weltweit Demonstrationen und Ausschreitungen nach sich zogen. "Das waren schlechte Karikaturen aus einer rechtskonservativen Zeitung. Warum sollte man die zeigen?" Charlie Hebdo druckte sie damals nach. "Diese Karikaturen allein aus dem Grund abzudrucken, dass es in muslimischen Ländern Proteste gegen sie gegeben hat, ist Ausdruck eines bornierten Laizismus, der im Namen der Pressefreiheit pauschal alle Religionen angreift, ohne dabei die gesellschaftliche Situation der betroffenen Glaubensgemeinschaften in Betracht zu ziehen. Klar darf man das. Aber ist es intelligent?"

Immer drauf auf die Religion?

Satire ist ein Mittel, Selbstherrlichkeit und Übermächtiges anzuprangern und zu entlarven, typischerweise Haltungen und Handlungen von Politikern oder ihren Regierungen und Parteien, aber auch von der katholischen Kirche. In Italien wurden Karikaturisten in den 1970er Jahren inhaftiert, wenn sie es wagten, Gottesdiener in kompromittierenden Stellungen abzubilden. In Frankreich sind viele Intellektuelle stolz darauf, dass ihr Land alles Religiöse aus dem Staatswesen verbannt hat. Aber immer, wenn sich Anlässe boten – und davon gab es während der Enthüllungen über die Missbrauchsfälle in der Kirche genug –, hat Charlie Hebdo seinen Sarkasmus natürlich bis heute über dem Katholizismus ausgeschüttet. Mehr als einmal wurde das Magazin von katholischen Verbänden verklagt. Mehr als einmal wurde es von den Vorwürfen freigesprochen. "Der Kurzschluss, der heute zu beobachten ist", sagt Zimmermann, "besteht in der Haltung: 'Ist ja Religion, kann man also draufschlagen'" – selbst wenn es nicht mehr um Fälle geht, in der eine Institution wie die katholische Kirche ihre Macht missbraucht hat, sondern um die Religion einer zumeist unterprivilegierten Minderheit wie heute der Muslime in Frankreich.

Der Cartoonist Joe Sacco hat das Problem in einen Kurzcomic gefasst. Er führt darin vor Augen, wie unterschiedlich es sich anfühlt, wenn man eine geschmacklose Zeichnung eines "dummen Negers" abbildet, eines "hakennasigen Juden" und eben eines "brutalen Moslem". Der Unterschied liegt in der Situation, in der ein solcher Mensch lebt. Im gesellschaftspolitischen Kontext der Karikatur.

Satirische Zeichnungen dringen keinesfalls so unmittelbar in unser Bewusstsein, wie es erscheinen mag. Auch wenn wir sie viel rascher erfassen als einen Text, erfordert ihr Verständnis die Kenntnis von ikonografischen und kulturpolitischen Referenzen. Sonst funktionieren sie nicht. Volker Zimmermann erzählt im Zusammenhang von Comics und Lesbarkeit gern eine Anekdote: Um nach dem Ende der Apartheid in Südafrika auch die nicht alphabetisierten Teile der Bevölkerung über die Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission zu informieren, versuchte man, dies mithilfe von Comics zu tun. Das Projekt scheiterte jedoch, da die Menschen die vermeintlich universelle Bildsprache nicht verstanden. Mit mangelndem Humor hatte das freilich nichts zu tun.