Eine denkwürdige Mitteilung veröffentlichte die Kölner Firma Dornbracht Anfang Februar. Anlässlich der im Frühjahr stattfindenden Triennale im New Museum in New York verkündete der Armaturenhersteller eine Kollaboration mit dem in Manhattan ansässigen Künstlerkollektiv und Netzmagazinbetreiber DIS. Hinter den drei Buchstaben – hergeleitet von der englischen Vorsilbe dis- wie disruption – stehen Lauren Boyle, Marco Roso, David Toro und Solomon Chase. Gemeinsam, so Dornbracht, habe man ein "hybrides Produkt" entwickelt, das die "üblicherweise getrennten Lebensbereiche der (sozialen) Küche und des (privaten) Bads" verbinde und somit "gelernte Muster von Logik und Anwendung" in Frage stelle.

Es ist ja längst nichts Neues mehr, wenn zeitgenössische Künstler mit Modehäusern kooperieren, Espressotassen entwerfen, Zigarrenkisten verschönern, Autos bemalen oder Sportschuhe gestalten. Aber dass eine Firma gemeinsam mit einer Künstlergruppe ein im Grunde unverkäufliches Produkt konzipiert und dies auch so bewirbt, ist doch ziemlich ungewöhnlich. Die Schöpfung The Island (KEN) soll so etwas wie die Kombination von Küchenkonsole, Wasserspender und Horizontaldusche sein. Eine Performancebühne mit Wasseranschluss: "Ein Philosoph stellt Überlegungen zu ›Hyperobjekten‹, an, während er einen Salat zubereitet, ein Lifestyle-Guru praktiziert, eine Frau in Khakihosen duscht unter Horizontal Shower, während vom Herd der Duft warmer Butter aufsteigt", so noch einmal der Originalton von Dornbracht. Der Duft warmer Butter – was ist hier bloß los?

Die Post-Internet Art, diese derzeit so häufig und heftig beschworene neue Kunsttendenz, ist kein eingrenzbarer Stil, sondern eine Haltung. Die unter diesem Begriff subsumierten Künstler nutzen mit großer Selbstverständlichkeit die neueste Software und avancierte Geräte wie 3-D-Drucker, mit deren Hilfe sie Bilder, Filme und Skulpturen realisieren. Das Internet dient als unerschöpflicher Fundus, ebenso die hochglänzende Scheinwelt der Werbung und des Corporate Design. Benutzt werden industriell gefertigte Produkte; man lässt eher herstellen als selbst Hand anzulegen.

Was diese Künstler ästhetisch verbindet, ist nicht leicht zu definieren. Ihre gemeinsame Haltung ist keine kritische Antihaltung, sondern eher eine seltsam gebrochene Affirmation der Gegenwartskultur. Perfekt spiegelt sich das in den hochqualitativ verarbeiteten Flächen der Badküchenskulptur von DIS, ein edelstählernes Ambivalenzmonster, das, so unkte der amerikanische Kritiker 
Andrew Weiner, "zweifellos als populäres Selfie-Motiv dienen wird". Es geht um Konsumkultur, stecken geblieben in der Sackgasse der Verfeinerung; es geht darum, wie und mit welcher unvorstellbaren Geschwindigkeit die Bilder-Mengen durch die sozialen Netzwerke und Aggregator-Webseiten geschleudert werden. Es geht aber auch um die Frage, für wen die smarten Post-Internet-Installationen auf einer Schau wie der New Yorker Triennale, in den Hipster-Galerien von Berlin oder London eigentlich gemacht sind: Für die Besucher oder für eine mutmaßlich sehr viel größere, international vernetzte Community, die seit ein paar Jahren endlos durch solche Ausstellungsansichten auf ihren Tablets und Smartphones scrollt?

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Wie in einem Pingpong-Kreisspiel mit sehr vielen Akteuren werden in der Post-Internet Art Inhalte aus dem Netz zu Installationen – und im Gegenzug die Dinge aus dem Ausstellungsraum zu einem im Netz kursierenden Foto. "Ich mag eigentlich keine Objekte", sagt etwa Daniel Keller, der als Teil des Künstlerduos Aids-3D die Post-Internet-Haltung maßgeblich definiert hat. "Doch es ist nun einmal der Job des Künstlers, welche zu machen. Meine Internetrecherchen sind mir aber wichtiger als das Ding, das danach im Raum steht." Mithilfe eines 3D-Druckers produziert der 1986 in Detroit geborene, in Berlin lebende Künstler Codeskulpturen, die den merkwürdigen Buchstabenzahlenkombinationen nachempfunden sind, mit denen auf gewissen Webseiten versucht wird, Menschen von Software-Robots zu unterscheiden. Eine technisch generierte Grafik wird zu einem Objekt ausgefräst, um anschließend als Galeriefoto, Facebook- oder Twitter-Post wieder im Netz zu landen. Kellers Kollegin Katja Novitskova, geboren 1984 im estnischen Tallinn, baut mit Fototapeten und großformatigen Fotoaufstellern Environments, die wie begehbare Collagen aus National-Geographic-Heften und Businessgrafiken anmuten.

Als Erfinderin des so diffus ausgelegten Begriffs Post-Internet gilt die deutsch-amerikanische Künstlerin Marisa Olson, die ihn 2008 in ihren Texten erstmals verwendete. Seit 2010 sind auch noch andere Begriffe im Umlauf, die sich mehr oder weniger auf dieselbe ästhetisch Stoßrichtung einer internationalen Kunstjugendbewegung beziehen: "New Aesthetic", "Circulationism" "Tumblerism", "Radikanten" oder "Meme Art".

Der Urknall dieser Bewegung ereignete sich außerhalb der Kunstsphäre: Mit der Einführung des iPhones durch Apple im Jahr 2007 veränderte sich grundlegend, wie jegliche Art von Information – Bilder, Texte, Videoclips – zirkuliert. Die Art und Weise, wie heute geschaut wird, ist einerseits mobil, vielleicht sogar ortlos geworden, andererseits hat sich die Geschwindigkeit, mit der sich Informationen verbreiten lassen, extrem beschleunigt. Ein Großteil der Kunst wird heute nicht mehr in Ausstellungsräumen betrachtet, sondern auf Tablet-Computern und Smartphones. Die Arbeit der "Digital Natives", der digital Geborenen, gründet auf diesen veränderten Wahrnehmungsrahmen.