In einer Kurzgeschichte, die die Schriftstellerin und Schauspielerin Julia Zange vor Kurzem in der FAZ veröffentlicht hat, tritt eine "sehr alte Kunsthistorikerin, in Tweedhosen und mit Kurzhaarfrisur" auf, die YouTube-Tiervideos in Galerien "heuchlerisch" findet. Die jungen Künstler, sagt die sehr alte Kunsthistorikerin, gingen heute "ganz und gar im eigenen Erleben unter" und würden der Kunstgeschichte nichts mehr hinzufügen, das über sich hinausweist. Diese Position wird schließlich in einem ersten dramatischen Höhepunkt "von den zwei jungen und insgeheim mächtigen New Yorker Kunst-Diskurs-Produzenten auf der anderen Seite des Tisches" sehr kritisch aufgenommen.

Zanges Kurzgeschichte lässt sich als Hinführung zu der neuen Webserie translantics lesen, die gerade auf der Homepage des Frankfurter Kunstmuseums Schirn angelaufen ist. Die Serie spielt im selben Milieu und sie stellt sich dieselben Fragen: Es geht um die Krise des unverstellten Erlebens in einer vollständig medialisierten Welt, um die Berührungspunkte zwischen Kitsch und Kritik, um die Verschmelzung von ethischem Anspruch und Selbstausbeutung.

Translantics stammt von der 1987 geborenen Britta Thie. Die Schirn hatte die Künstlerin gebeten, eine "Einzelausstellung im Digitalen Raum" zu organisieren. Diese Ausstellung tritt nun als sechsteilige Serie auf, die von einem Leben in Zwischenzuständen erzählt: Zwischen Berlin, wo Britta Thie lebt, und Minden, wo sie herkommt. Zwischen dem Englisch, das in den verschiedenen Satelliten-Vierteln der internationalen Kunstwelt gesprochen wird, in denen sie arbeitet, und ihrer Muttersprache Deutsch. Zwischen der Kindheit im Analogen, über die sich mittlerweile ein Super-8-Filter gelegt hat, und der Gegenwart, die ihre Angelegenheiten vor allem im Digitalen regelt.


Thie gehört zu einer Alterskohorte, die schon bis zur Volljährigkeit so viele Medienrevolutionen mitgemacht hat wie die vorangegangenen anderthalb Generationen insgesamt: "Wir sind beim Übergang vom Analogen ins Digitale mitpubertiert", sagt Thie, "wenn wir heute auf die Filmaufnahmen aus unserer Kindheit schauen, wirken wir dort so seltsam rein und unvernetzt. Diese Selbstnostalgie spielt eine große Rolle."

Um allzu haltlose Aussagen über ihre Generation zu vermeiden, spricht Thie in ihrer Serie so persönlich wie möglich über ihr unmittelbares Umfeld und lässt ihre echten Freunde an echten Schauplätzen echte Sätze sagen. Die dann natürlich wahnsinnig künstlich klingen, wie in der Wirklichkeit eben auch. Translatics sei auch ein Kommentar auf die Angewohnheit, wie Lena Dunham aus dem eigenen Leben immer sofort eine eigene Serie zu machen.

Visuell knüpft translantics an die Filme der israelischen Künstlerin Keren Cytter und des amerikanischen Post-Digital-Künstlers Ryan Trecartin an. Jede Folge wird mit neuen Medien arbeiten, mit 3D-Rendering, Schriftüberblendungen, Voice-Overs. Thie selbst nennt die Ästhetik einen "zarten Trecartin". Wie in einem Videospiel wolle sie ihre Figuren in jeder Folge in eine andere Welt schicken.

Im besten Falle geht es dem Zuschauer am Ende der Serie wie der Protagonistin zu Beginn der ersten Folge: Britta Thie steht da in einem Elektroladen und sieht kommerzielle Variationen ihrer selbst auf den Bildschirmen. Als ihre Freundin Julia Zange fragt, was sie da macht, antwortet sie: "Screens angucken."

In ihrem hochauflösenden Abbild erkennt sie sich nicht selbst. Sie sieht nur den Bildschirm. Und bleibt damit in einer Gegenwart, die sich ihrer Existenz ständig vergewissert, indem sie sich auf Bildschirmen darstellbar macht, letztlich allein. Womit der nostalgische Sehnsuchtspunkt der analogen Kindheit, als wir noch rein und unvernetzt waren, zumindest wieder in Reichweite gerät.