"Ich bin ein großer Fan davon, die Freude, die Leichtigkeit zu beschwören. Denn das Gegenteil davon stellt sich automatisch ein." Vielleicht waren es diese Worte, die DIE ZEIT verführt haben, Pipilotti Rist in der aktuellen Ausgabe vom 3. Juni das Feuilleton zu überlassen, um daraus ein Kunstwerk zu machen. Gesagt hat die Schweizer Künstlerin die Sätze vor drei Jahren, als wir sie anlässlich einer Ausstellung in Mannheim zum Wesen ihrer Kunst befragten. Und ist nicht die Zeitung in diesen Tagen ein Ort, an dem oft das Gegenteil des Schönen statt findet? Höchste Zeit also, eine Expertin damit zu beauftragen, diesen Automatismus zu unterlaufen.

DIE ZEIT: Pipilotti Rist, Sie haben das Feuilleton der neuen Ausgabe der ZEIT gestaltet. Die 12 Seiten sind ein Starschnitt und zeigen Sie selbst als Fix-it-Frau, die mit ihren Werkzeugen das Leben in Ordnung bringt. Was bedeutet es für Sie, eine Zeitung als Träger eines Kunstwerks zu benutzen? Hat sich Ihre Arbeitsweise dabei verändert?

Pipilotti Rist: Ja, total! Beim Ritual des Zeitungslesens konzentriert sich der Leser nur auf das Papier vor sich. Es ist so, als würde man den Bauch öffnen, und dann wird das Papier zum zweiten Zwerchfell, das man vor sich hält. Die Zeitung wird in den Händen gehalten und befindet sich innerhalb des normalen Radius’, in dem der Mensch seit jeher arbeitet und funktioniert. Das ist ein ganz anderes Ritual, als in eine Ausstellung zu gehen oder einen Raum zu betreten. Mich interessiert immer sehr, wie der Betrachter sich mit seinem Körper zu dem verhält, was er anschaut. Wie er steht oder sitzt.

Gestaltung - Pipilotti Rist als Fix-it-Frau

ZEIT: Wollten Sie den Zeitungsleser mit Ihrem Projekt vom Sessel wegziehen?

Rist: Genau! Um diesen Starschnitt zu sehen, muss man aufstehen. Man braucht eine Schere, um die Zeitung zu zerschneiden, man braucht Kleber und vielleicht auch ein paar Reißnägel zum Aufhängen. Aber auch für mich ist es ein Bruch mit den Gewohnheiten. Denn der große Unterschied zu meinen Installationen und Videoarbeiten ist natürlich, dass ich mich hier auf ein einzelnes Bild reduziere.

ZEIT: Dieses Bild zeigt Sie selbst als Fix-it-Frau…

Rist: Diese Frau kommt zu den Lesern nach Hause und flickt ihnen die kaputten Steckdosen und die ganzen schlechten Verkabelungen hinter dem Sofa. Sie würde die Lampen aufhängen, die schon ewig herumliegen. Und den Fernseher und den Computer würde sie wohl an die Decke schrauben, damit man sich beim Betrachten der Bilder darin in Ruhe ausstrecken kann.

ZEIT: Die Fix-it-Frau würde also das Leben auch ein bisschen durcheinander bringen?

Rist: Ja, wenn man verbessern als durcheinanderbringen bezeichnet.

ZEIT: Sie würde jedenfalls die herkömmliche Ordnung ein bisschen auflösen.

Rist: Oft hat man ja nur deshalb Unordnung, weil man das Aufräumen immer hinausschiebt: Das mache ich dann später! Okay, es gibt Menschen, die dafür Angestellte haben. Aber zu denen, die keine haben, kommt die Fix-it-Frau, um sich der ganzen Verstromungen des Lebens im privaten Bereich anzunehmen, sie zu vereinfachen und auch sicherer zu machen.

ZEIT: Könnte sie sich auch psychischer Ströme annehmen und Beziehungen reparieren?

Rist: Klar, auch das ist letztendlich Strom! Extrem niederfrequent, aber eben Strom: Impulsverarbeitung, Gehirnströme. Das sind extrem lange Wellen, aber auf die hätte sie auch Einfluss. Sie würde erst einmal die Wellenlängen der Partner messen und dann dafür sorgen, dass ihre Sinuskurven wieder parallel schwingen.

ZEIT: Was sind das für Gegenstände, mit denen die Fix-it-Frau ausgestattet ist?

Rist: Es sind Werkzeuge aus verschiedenen Gebieten. Die Zangen sind eher für Stromarbeiten. Das Maßband braucht man für alles. Dann gibt es ein Voltmeter, mit dem man checken kann, ob auf einer Leitung Spannung ist. Der Schraubschlüssel passt vielleicht nicht so rein. Den habe ich nur als Standardgröße abgebildet. Ganz wichtig ist auch das Messer zum Kürzen der Kabel und zum Einritzen für die Verlegung.

ZEIT: Sind Sie auch im wirklichen Leben eine Fix-it-Frau?

Rist: Ja, das kann ich ganz gut. Steckdosen installieren, Stecker an Lampen befestigen. Aber Feinheiten wie Lötplatinen sind nicht so mein Fall. Eher Alltagsverkabelungen und natürlich meine Video- und Audioinstallationen.