Im Viertel Exarcheia, dem Kreuzberg Athens, treffen wir Adam Szymczyk, den Künstlerischen Leiter der documenta 14. Das Team der Kasseler Kunstschau pendelt zwischen Deutschland und Griechenland und lebt in beiden Städten – Kassel und Athen. In zwei Jahren wird hier die Weltkunstausstellung mit dem Arbeitstitel "Von Athen Lernen" stattfinden. Seit Montag sind die Banken in Athen geschlossen, man kann täglich nur 60 Euro abheben. Das aktuelle Kreditprogramm ist abgelaufen, der Staat gilt theoretisch als zahlungsunfähig. Griechenland steht kurz vor dem Referendum über das Sparprogramm. Es herrscht Ausnahmezustand.

ZEIT ONLINE: Herr Szymczyk, wie haben Sie die vergangenen Tage in Athen erlebt?

Adam Szymczyk: Es ist ruhig, die Straßen sind leer, weniger lebendig als gewöhnlich, selbst die Demonstrationen sind nicht so energetisch wie sonst. Man antizipiert. Die Menschen sind in einer Art Schockzustand und traumatisiert. Eine Traumatisierung, die seit Jahren andauert und die Reaktionsfähigkeit hemmt. Ich habe weder Enthusiasmus noch Panik gesehen – eher Nachdenklichkeit, Sorge, aber auch Scham.

ZEIT ONLINE: Warum Scham?

Szymczyk: Man schämt sich, in die Position der Parias, der Ausgestoßenen, gebracht worden zu sein. Das ist ein Gift, mit dem viele Griechen seit Jahren gefüttert werden. Sie werden es früher oder später erbrechen müssen.

ZEIT ONLINE: Die Konflikte in Europa werden mittlerweile als ein Antagonismus zwischen Deutschland und Griechenland ausgetragen. Da ist es bestimmt nicht einfach, derjenige zu sein, der eine internationale Ausstellung, die in Deutschland ihren Hauptsitz hat, nach Griechenland bringt. Fühlen Sie sich wie inmitten des Sturms?

Szymczyk: Die Diskussion über Griechenland versus Deutschland erscheint mir absurd, mit der documenta 14 wollen wir den Finger genau darauf legen und die Diskussion "ausstellen". In der Krise wächst die Gefahr, sich nationaler Mechanismen zu bedienen, um politische Manöver zu legitimieren. Diese Polarität müsste einer Polymorphie weichen.

ZEIT ONLINE: Was wollen Sie dazu beitragen?

Szymczyk: Ich bin wirklich erstaunt, wie leichtfertig man über "die Griechen" urteilt. Wir möchten die Perspektiven umkehren und dazu anhalten, sich Europa und die Welt von Griechenland aus anzuschauen – wir agieren auch von hier aus. Wir sind, wenn man so will, eine Art Gegenprojekt zur herrschenden Rhetorik.