ZEIT ONLINE: Mr. Bridle, Ihre erste Ausstellung in Deutschland hat den geheimnisvollen Titel The Glomar Response. Was ist das?

James Bridle: Das ist der Name einer legitimen Abwehrstrategie gegen das Recht auf Informationen. Das erste Mal ist sie mir begegnet, als ich die Londoner Polizei um Auskunft darüber bat, ob während der Olympischen Spiele Drohnen eingesetzt würden. Die Antwort war: "Das können wir weder bestätigen noch dementieren." Der Satz hat eine dystopische Qualität. Erfunden hat ihn die CIA, die ihn bei einem Projekt namens Glomar verwendete. Dabei ging es um die Suche nach einem verlorenen russischen Atom-U-Boot. Inzwischen hat sich dieser Satz bis in die lokalen Londoner Behörden durchgesetzt. Mich interessieren solche Informationsblockaden. Sie zeigen, was man sehen darf und was nicht.

ZEIT ONLINE: In einer Ihrer Arbeiten tauchen zum Beispiel Räume auf, die man eigentlich nie sehen kann. Wie haben Sie sich Zugang verschafft?

Bridle: Das sind Transiträume für Flüchtlinge, die man nicht besuchen darf, und selbst wenn, dürfte man dort nicht fotografieren. Also habe ich mit Spezialisten für digitale Architektur-Entwürfe zusammengearbeitet und Modelle dieser Räume geschaffen. Wir haben Baupläne von den lokalen Behörden bekommen und Augenzeugen interviewt. Mit dem selben Verfahren habe ich zum Beispiel auch einen bestimmten Gerichtssaal in London nachgebaut. Der wird für Verhandlungen über Migranten genutzt, die für den Geheimdienst relevant sind. Dort gelten besondere Gesetze: Es ist zum Beispiel erlaubt, dem Richter Indizien vorzulegen, die der Angeklagte nicht sehen darf.

ZEIT ONLINE: Aber sind diese kafkaesken Umstände nicht eigentlich viel interessanter als der Raum, in dem das stattfindet?

Bridle: Gerade an diesem Gerichtssaal sieht man aber, wie die Architektur das Gesetz widerspiegelt. Er ist so entworfen, dass es einen Bereich des Saals gibt, den man nicht sehen kann. Man kann sich große, komplexe Strukturen vor Augen führen, indem man zum Beispiel die daraus hervorgegangenen Gebäude betrachtet. Der Architektur liegen natürlich rechtliche und soziale Vorgänge zugrunde. Und wenn man uns nicht erlaubt, uns diese Architektur anzusehen, dann verwehrt man uns zugleich, etwas über diese Vorgänge herauszufinden.

ZEIT ONLINE: Sie zeigen uns diese glatten, künstlichen Modelle. Sind die bewusst nicht zu authentisch gehalten?

Bridle: Es ist eine akkurate Darstellung, aber sie ist leer, es sind keine Menschen darin. Die individuellen Geschichten der Menschen, die diese Räume passieren, sind zwar das Wichtigste überhaupt, ich möchte ihre Erfahrungen nicht leugnen. Aber es steht mir nicht zu, darüber zu sprechen. Ich möchte sie auch gar nicht zeigen, ihre Körper haben schon genug durchgemacht. Der Ansatz des Abbildens und Ans-Licht-Bringens hat ja durchaus seine moralischen Grenzen und Probleme. Ich möchte nicht einzelne Leute beobachten, sondern das System. Ich denke, indem wir solche Räume sichtbar machen und über sie diskutieren, schärfen wir weltweit das Bewusstsein für die Netzwerke der Systeme, die dahinter stehen. Man ermöglicht den Leuten so, anders mit ihren Informationen umzugehen.

ZEIT ONLINE: Aber empfinden Menschen nicht gerade Systemen gegenüber große Machtlosigkeit?

Bridle: Das stimmt, da kommt es eben darauf an, wie man Systeme darstellt. Natürlich gibt es eine existenzielle Angst davor, die Welt nicht zu verstehen. Darauf beruht das politische Programm, das uns vermittelt: Ihr müsst euch nicht darum kümmern und nicht weiter darüber nachdenken. Auch Technologie setzt Prozesse durch, ohne dass jemand ihnen nachgehen müsste. Wenn die Dinge erst mal in Software und Ordner verpackt sind, werden sie für die meisten Menschen undurchschaubar. Um sie wieder sichtbar zu machen, muss man zeigen, wie technische und institutionelle Strukturen funktionieren, damit man über sie reden und sie kritisieren kann.