Am 25. August verbreiteten Kämpfer des IS dieses Bild in den sozialen Netzwerken: die Zerstörung des Baalshamin-Tempels in der antiken Stätte Palmyra. © Social Media/Reuters

Rauch steigt auf über Palmyra. Es ist das weithin sichtbare Zeichen einer neuen Zeitrechnung, die der Kalif nur wenig später auch kalendarisch verankern wird. Als Omar den Befehl zur Eroberung Syriens gibt, hat ihm die westliche Welt nur wenig entgegenzusetzen, und die Schlacht am Jarmuk bedeutet 636 das Ende der christlichen Herrschaft über den Orient. Sie begründet auch den unvergänglichen Ruhm der Kalifen und ihrer unbesiegbaren Feldherren. Ganze 1.380 Jahre später schickt sich ein neuer Herrscher an, den Ruhm seiner Vorgänger mit neuem Leben zu erfüllen. Als Abu Bakr al-Baghdadi alias Kalif Ibrahim den Befehl zur Eroberung Syriens gibt, hat ihm die westliche Welt wieder nur wenig entgegenzusetzen.

So oder so ähnlich klingt es, wenn Geschichte für die Legitimation des eigenen Machtanspruchs instrumentalisiert wird – wie es derzeit im sogenannten "Islamischen Staat" (IS) geschieht. Wie widersprüchlich der Umgang der Mächtigen mit Geschichte in Wirklichkeit ist, zeigt das Verhältnis der islamistischen Terroristen mit den kulturellen Hinterlassenschaften ihres Herrschaftsgebiets. Dass sich dieses ausgerechnet auf ein mit Kulturgütern besonders reich gesegnetes Gebiet erstreckt, kann nur als ein zynischer Kommentar der Geschichte empfunden werden. Denn im Gegensatz zur historischen Stilisierung der eigenen Rolle hat der Kalif von Rakka mit realen historischen Zeugnissen so seine Probleme. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil diese seine arg verkürzte Religionsgeschichte so eindrucksvoll infrage stellen.

Im Land der Islamisten liegen derzeit einige der wichtigsten historischen Stätten des Nahen Ostens, darunter Nimrud, die Hauptstadt des assyrischen Reichs, Hatra, das Juwel der Partherzeit, und Palmyra, die Königin der Wüste und Wiege einer einzigartigen, von der Begegnung zweier Welten gezeichneten Kunst und Kultur. All diese Stätten sind in den letzten Monaten systematisch und publikumswirksam zum Gegenstand religiös verbrämter Zerstörungswut geworden. Doch nicht nur die heidnische Antike, auch unwiederbringliche Schätze der vom Islam ausdrücklich respektierten Buchreligionen Christentum und Judentum (wie der Schrein des Propheten Jona oder das Mar Elian Kloster) sind den Bilderstürmern zum Opfer gefallen – von den vernichteten Zeugnissen der eigenen Religion ganz zu schweigen.

Die Inszenierung der Barbarei

Als im Mai dieses Jahres die antiken Ruinen von Palmyra endgültig in die Hände der Islamisten fielen, überschlugen sich in den Medien der Welt besorgte Berichte über die drohende Kulturvernichtung. Maurice Sartre, emeritierter Althistoriker und Spezialist für den römischen Orient, verglich den Einfall des IS gar mit einer Bedrohung des Louvre. Die nahezu mühelose Eroberung der modernen Oasenstadt Tadmor und ihrer antiken Zeugnisse löste Empörung nicht nur unter Kunsthistorikern aus. Umso erstaunlicher klang es, als Abu Laith Al-Saudi, immerhin der Emir des IS in Palmyra, kurz nach der Eroberung verlauten ließ, der "Islamische Staat" habe gar kein Interesse daran, die weltbekannten Ruinen zu zerstören. "Wir werden nicht mit unseren Bulldozern über die historische Stätte fahren, wie manche zu glauben scheinen."

Wie viel politisches Geschick hinter der scheinbar kulturlosen Barbarei des IS in Wirklichkeit steckt, verrät nicht nur dieser clevere Propaganda-Coup zur vorläufigen Beruhigung der Weltöffentlichkeit. Nur einen Monat nach ihrem Einmarsch stellten die Islamisten ein sorgfältig inszeniertes Video ins Netz, in dem das antike Theater von Palmyra zur Kulisse einer theatralischen Massenhinrichtung geriet. Der religiöse Soundtrack, die ausgesuchten Kameraperspektiven und die eigens aus Homs herangeschafften Opfer verraten: Das Publikum dieser barbarischen Exekution ist nicht das locker besetzte Halbrund des Theaters, sondern die digital vernetzte Weltöffentlichkeit. Auch nach der Ermordung des langjährigen Chefarchäologen Palmyras, Khaled el-Assad, benutzt der IS die historischen Ruinen für ein grausames, aber zweifellos wirksames Statement: Nach einer öffentlichen Hinrichtung wird Assads Körper an eine der Säulen gehängt, für deren Erhalt er sich auch nach der Machtübernahme der Islamisten eingesetzt hatte.

Die Zerstörungen sind noch nicht abgeschlossen

Dem Missbrauch als Kulisse folgt nun der befürchtete Showdown der antiken Stadt: Wie der Leiter des syrischen Antikendienstes, Maamoun Abdulkarim, am 23. August 2015 bekannt gab, begann die systematische Zerstörung der antiken Ruinen mit der Sprengung des exzellent erhaltenen Baalshamin-Tempels aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. Dessen vollständige Vernichtung bestätigen aktuelle Aufnahmen des Erdbeobachtungssatelliten Pléiades. Am 30. August folgte die teilweise Sprengung des großen Baal-Tempels der Stadt – eine der wichtigsten Tempelruinen des ganzen Nahen Ostens. Abdulkarim, der 2014 als Erster den neu gestifteten Cultural Heritage Rescue Prize der Unesco erhalten hatte, ist sich sicher, dass die Zerstörungen damit noch nicht abgeschlossen sind: "Ich sehe, wie Palmyra vor meinen Augen zerstört wird. Gott helfe uns in den Tagen, die da kommen."