Alexander Fehling als Reporter David Burger in dem ARD-Film "Der Fall Barschel" © ARD

Es war einmal ein Land, in dem schien alles seltsam überschaubar. Dieses Land war die BRD. Männer fuhren heimische Autos mit sichtbaren Stoßstangen über sorgsam asphaltierte Straßen, während halbtags tätige Ehefrauen die Wäsche machten. Kommuniziert wurde am Tastentelefon oder Auge in Auge. Geraucht wurde fast immer, aber guten Gewissens, vorwiegend HB oder Reval. Beim Frühstück las man dabei Zeitungen aus Papier und am Bildschirm allenfalls BTX. Etwa über Wahlen, in denen ausschließlich Christ- und Sozialdemokraten um Mehrheiten rangen und Politiker noch Verlässlichkeit ausstrahlten, selbst wenn sie Strauß oder Wehner hießen. Wochenlang füllten deren Skandale die Schlagzeilen, schon weil es nicht so viele Skandale gab wie heute.

Man ist in Zeiten allmächtiger Überwachungsnetzwerke und wahllosen Terrors rasch geneigt, sich da nach der vermeintlich ruhigeren Vergangenheit zurückzusehnen, als die Berichterstattung um einen Regierungschef kreiste, dessen Lügen, Rücktritt und Suizid die Bundesrepublik 1987 eine halbes Jahr in Aufruhr versetzte. Aber sind wir nicht gleichermaßen geneigt, unsere Vergangenheit ins Gute zu verklären? Wenn am sensationellen ARD-Film Der Fall Barschel nur die Hälfte wahr sein sollte, muss sich das mediale Topereignis der Vorwendejahre keinesfalls hinter NSA und NSU verstecken.

Nur zur Erinnerung: Vor 31 Jahren wurde ruchbar, dass Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Uwe Barschel seinen Herausforderer Björn Engholm ausspitzeln ließ, um einen Machtwechsel zu verhindern. Die Presse sprach von "Waterkantgate", Barschel trat nach einem gebrochenen Ehrenwort zurück, fünf Wochen später lag er tot in der Badewanne eines Genfer Hotels, womit Ermittlungen eingeleitet wurden, die sechs Jahre später Amtsnachfolger Engholm in den Abgrund rissen und 1998 ergebnislos eingestellt wurden.

Anständige Elite

Mit diesen Ermittlungsergebnissen aber gab sich der Regisseur Kilian Riedhof nicht zufrieden und das ist ein Segen fürs deutsche Fernsehen. Sein Drehbuch macht jetzt ein gewaltiges Fass zu einem Stück Zeitgeschichte auf, das eigentlich längst zu den Akten gelegt wurde. In Der Fall Barschel treten obskure Agenten, internationale Waffenhändler, selbstgerechte Journalisten und verstrickte Politiker auf und ergeben einen Film, der schon jetzt zu den Favoriten auf alle nationalen Fernsehfilmpreise der Saison zählen dürfte. Und das in einem Genre, das es hierzulande seit jeher schwer hat: Politthriller.

Die Deutschen, meint Riedhof, gäben sich nach zwei Diktaturen infolge eben gern der Illusion hin, ihre Obrigkeit sei nicht perfekt, aber im Kern anständig. Dank Pegida und AfD verschwindet die Scheu vor Verschwörungstheorien zwar zusehends; das Ränkespiel der Herrschenden aber, Handlungsbasis großer Filmerzählungen von Die Unbestechlichen bis House of Cards, bereite dem hiesigen Publikum mehrheitlich noch immer eher Sorge als einen unterhaltsamen Abend. Auch deshalb inszeniert der preisgekrönte Fachmann für fiktionalen Realismus (Homevideo) den Fall Barschel nur am Rande als kriminalistisches Whodunnit. Es geht eher um zivilgesellschaftliche Kontrolle, verkörpert von zwei Journalisten alter Schule.

Fabrikarbeit im Dienste der Demokratie

Statt Bernstein und Woodward heißen sie hier Burger und Nissen. Alexander Fehling und Fabian Hinrichs spielen sie mit ähnlicher Hingabe wie einst Hoffman und Redford ihre Wahrheitsjäger im Watergate-Skandal. Als Platzhalter des papierknisternden Bildes vom rasenden Reporter schießen sie das Stakkato mechanischer Schreibmaschinen durch den Zigarettendunst ameisenhafter Großraumbüros, als seien sie von Beruf Fabrikarbeiter im Dienste der Demokratie. 

Angetrieben von derlei Bluthunden, die für eine "gute Story" mit Nutten, Koks und Schampus im Fünfsternehotel durchmachen, bevor sie tags drauf verpennt, doch alert Beweise erschnuppern. Dass sie die durchschnittlich betagten ARD-Zuschauer mit riesiger Randlosbrille, Gelsenkirchener Barock und Dagmar Berghoff auch sinnlich zurückholen in die Achtziger, ist dabei Ausstattung auf öffentlich-rechtlich hohem Niveau; im Zentrum stehen Typen, die den Geist ihrer Epoche beleben wie die Gerüche der Kindheit: unbestechlich, unvergänglich.

Nicht unbedingt wahr, aber schlüssig

Edgar Selge etwa als hinreißend abgebrühter Chefredakteur, patriarchal und kumpelhaft zugleich. Der Medienreferent Pfeiffer, entfesselt kopflos beseelt vom fabelhaften Martin Brambach. Geheimnisumwittert, als einzige Frau von inhaltlichem Rang, aber leider meist mit Erotik betraut: Antje Traue. Und über allen Matthias Matschke, der seine Figur Uwe Barschel so fotorealistisch spielt, dass es fast gespenstisch ist. Als sei er tatsächlich dieser leicht bräsige Politiker, der selbst vor Kameras noch redete, wie ihm der Kieler Schnabel gewachsen war – sich also meistens um Kopf und Kragen.

Dass sein Abgang nach nur 30 Minuten die Phase der Spekulation einleitet, macht den Film nicht kleiner. Wie viel Raum Riedhof dem echten und dem gemeinten Personal zur Entfaltung lässt, zeigt in Perfektion, was ARD-Programmdirektor unter kreativer Freiheit versteht: "Ob der Film ein wahres Bild abgibt", meint Volker Herres, "werden wir trotz aller Recherchen wohl nie erfahren". Schließlich hält der BND die Akten unter Verschluss. "Schlüssig" sei es dagegen schon. Und trotz 180 Minuten am Stück sagenhaft unterhaltsam.

"Der Fall Barschel" läuft am Samstag, den 6. Februar, um 20.15 Uhr in der ARD.