Zigarettenasche auf Kleenex: Bild aus Abed al Kadiris Ausstellung "States of Anxiety" © Abed al Kadiri

Die Mark-Hachem-Galerie liegt in einem der teuersten Viertel Beiruts zwischen einem Yachthafen, Hermès-Boutiquen und Luxusapartments. Der atemberaubende Blick auf das Mittelmeer treibt die Quadratmeterpreise ins Sechsstellige. Es ist eher keine Gegend, in der sich syrische Flüchtlinge typischerweise aufhalten. In den vergangenen Wochen kamen sie trotzdem, angezogen von der Ausstellung Ashes to the Sea des libanesischen Künstlers Abed al-Kadiri. Die Ausstellung war ein Totengesang auf das Mittelmeer, an dessen Beiruter Küste Al-Kadiri aufgewachsen ist und das sich nun zu einem Massengrab für Flüchtlinge und Migranten entwickelt hat.

Gleich beim ersten Bild zuckt man zusammen. Es zeigt ein schemenhaftes Gesicht, mit schwarzer Tinte auf eine Seekarte gemalt, wie man sie für Ausflüge auf einer Yacht benutzen würde. Über den Augen kann man Tiefenangaben und Längengrade entziffern, die Stirn berührt die rettenden Küsten Zyperns und der Türkei, der Rest des Kopfes verschwimmt über Syrien und dem Libanon. Es ist das Gesicht eines Lebenden, doch es wirkt so schemenhaft, als läge er unter Wasser.

Inzwischen haben viele Künstler auf das Sterben im Mittelmeer reagiert, das wohlgemerkt keine Tragödie ist, wie oft behauptet wird, sondern die Konsequenz politischer Entscheidungen in Europa und den Herkunftsländern der Flüchtlinge. Der britische Bildhauer Jason deCaires Taylor hat vor der Küste von Lanzarote 15 Meter tiefe Skulpturen von Menschen sowie voll besetzten Schlauchbooten im Boden verankert. Ai Weiwei ließ sich in derselben Körperhaltung fotografieren, in der am 2. September 2015 die Leiche des dreijährigen Alan Kurdi an der türkischen Küste gefunden wurde, der bei der Überfahrt nach Griechenland ertrunken war.

All das sind Aktionen, die darauf abzielen, das reiche Europa aufzurütteln. Al-Kadiri bleibt da viel leiser. Womöglich hinterlässt sein Vorhaben, aus dem Flüchtlingsstrom wieder Individuen zu machen, gerade deshalb einen stärkeren Eindruck.  

Staaten der Angst

Eine andere Porträtserie der Ausstellung trägt den doppeldeutigen Titel States of Anxiety, was im Deutschen "Angstzustände" heißen kann, aber auch "Staaten der Angst". Auch hier skizziert Al-Kadiri Köpfe mit schwarzer Tinte, aber dieses Mal nicht auf Papier, sondern auf Kleenex-Taschentüchern. Die Tücher haben verkohlte Risse und Brandlöcher, die von Zigaretten stammen. Rauchen, um die Zeit totzuschlagen, die Angst zu vertreiben, das Erlebte zu verdrängen – so hat Abed al-Kadiri viele der Flüchtlinge angetroffen.

Der Ausstellung gingen Dutzende von Gesprächen mit Syrern, Irakern, Afghanen, Marokkanern, Eritreern voraus. Er hat sie auf Reisen durch den Libanon, nach Deutschland und Österreich getroffen, er hat sich ihre Gesichter und Geschichten eingeprägt und schließlich auf dieses hauchdünne Material gemalt. Man kann sich nur schwer von ihren Blicken lösen und wird das Gefühl nicht los, als sei man persönlich eine Erklärung schuldig für das, was da seit Jahren auf dem Mittelmeer passiert. Ein "Desaster von epischem Ausmaß" nennt es der Autor Arsalan Mohamed im Katalog zu Ashes to the Sea.

Mit Al-Kadiris Hauptwerk scheint dieses Deaster von der Wand in den Raum zu kippen. Das Gemälde At Sea ist gut drei mal fünf Meter groß, halb Sturm, halb Hölle, gemalt in Öl auf Leinwand. Ein Wirbel aus Schlauchbooten, Wellen, Wracks, Helikoptern, Schwimmenden und Ertrinkenden. Dazwischen tauchen Namen wie Strandgut auf: Marokko, Tripoli, Alexandria – die Orte des Aufbruchs. Spanien, Marseille, Lampedusa – die Orte der vermeintlichen Rettung. Und am unteren Rand die rätselhafte Formel "RIP CECIL".