Jack Piersons Gemälde "Self Portrait #25" © Teutloff Museum / Kurt Steinhausen

Kim Kardashian hat vor Kurzem ein Ganzkörperselfie gepostet, auf dem sie nackt vor einem Badezimmerspiegel posiert. Die interessierte Öffentlichkeit teilte sich daraufhin grob in zwei Lager: Die einen warfen Kardashian vor, jungen Frauen zu vermitteln, sie bekämen nur dann Aufmerksamkeit, wenn sie nackt sind. Die anderen fassten das Bild als emanzipatorischen Akt auf: Das Selfie als Genre erlaube es Frauen, sich selbst so zu zeigen, wie sie gern gesehen und akzeptiert werden wollten, und das sei eine Freiheit, die Frauen noch nicht sehr lange hätten.

Das ist deshalb wichtig, weil ein paar Tage später Max Hollein, der Direktor der Frankfurter Schirn, einem der wichtigsten europäischen Ausstellungshäuser für moderne Kunst, eine Pressekonferenz über moderne Selbstdarstellungen mit den Worten Kim Kardashian eröffnete. Im selben Satz sprach Hollein noch über Facebook und die Beeindruckungskultur der Gegenwart und nach etwa 30 Sekunden war das Gespräch an einem Punkt angelangt, den die Kuratorin der Ausstellung, Martina Weinhart, sichtlich lieber vermieden hätte.

Weinhart hat vor 15 Jahren eine Dissertation über das Selbstbild ohne Selbst verfasst, sich jahrelang durch die poststrukturalistische Bildtheorie gearbeitet und es zu einer Kuratorin wichtiger Ausstellungen zur Gegenwartskunst gebracht. Und trotz allem geisterte immer noch Kim Kardashian durch ihre Pressekonferenzen.

Ende des Subjekts

Redebedarf gibt es jedenfalls genug: Das Selfie-Genre ist heute so etabliert, dass Frauen nicht einmal mehr die Kunsthistoriker-Frage zu hören bekommen, was sie denn später mal damit machen wollen, wenn sie sich auf Instagram selbst fotografieren. Dass man es in dieser Disziplin weit bringen kann, ist allgemein bekannt. Obwohl europäische Geisteswissenschaftler immer wieder behaupten, der Poststrukturalismus habe vor vierzig Jahren das Subjekt und das Selbst abgeschafft, ist das Selbstbildnis heute das gängigste Bildgenre überhaupt.

Es gibt im Grunde keine soziale Situation mehr, in der man ernsthaft dafür gerügt würde, ein Selfie zu schießen: Im Restaurant ist es okay, in der Oper auch und, wenn man diskret ist, kommt man selbst auf Beerdigungen damit durch. Auch an den Widerstand, der sich anfangs gegen Selfies vor dem Berliner Holocaust-Mahnmal erhoben hat, erinnert sich kaum mehr jemand.

Im Grunde gibt es heute nur noch eine Berufsgruppe, die nicht einfach Selfies schießen kann, ohne ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen: bildende Künstler. In Martina Weinharts Ausstellung in der Schirn tritt das Künstler-Ich in allen möglichen Varianten auf, nur nicht als klassisches Selbstporträt. Joseph Beuys' Filzanzug hängt hier direkt gegenüber von Robert Morris' EEG-Protokoll, einer Aufzeichnung seiner Hirnaktivität, die übrigens keinerlei Auffälligkeiten ergeben hat.

Bandagiertes Gesicht

Die deutsche Künstlerin Alicja Kwade hat sämtliche chemischen Elemente, die im menschlichen Körper vorkommen, luftdicht verpackt und eingerahmt. Florian Meisenberg streamt drei Monate lang live seinen Smartphone-Bildschirm ins Museum. Und das kleine Museumskino zeigt Gillian Wearings Homage to the Woman with the Bandaged Face von 1995.

In dem Film läuft die Künstlerin mit einem komplett bandagierten Gesicht durch London, was einerseits zeigt, dass man in einem modernen Selbstporträt heute im Grunde alles zeigen kann, nur nicht das Gesicht. Und dass man andererseits 1995 noch maskiert durch London laufen konnte, ohne Terroralarm auszulösen. Allerorten: Übermalungen, Verzerrungen, Verhüllungen. Die Akribie, mit der sich die Künstler heute selbst abbilden, ohne ihr zu Gesicht zeigen, hat fast etwas Zwanghaftes.

Glückliche Kommunarden

Es ist gar nicht so lange her, als die Verhältnisse noch genau umgedreht und die Künstler die einzigen Menschen waren, die überhaupt Selbstporträts hergestellt haben. Wie das ausgesehen hat, kann man sich zurzeit in einer anderen Ausstellung anschauen, ein paar Hundert Kilometer nördlich von Frankfurt, in dem kleinen norddeutschen Städtchen Stade, in dem es auch gerade eine Ausstellung über Selbstdarstellungen gibt.

Gleich im ersten Raum hängen hier die Selbstporträts der Worpswede-Künstler: Emil Nolde präsentiert sich als missgelaunter älterer Herr, Paula Modersohn-Becker als lässige Amische, Heinrich Vogeler als schüchterner Dandy. Was sofort auffällt: Die Naivität, mit der sich diese berühmten Maler auf ihren Selbstporträts als individuelle Persönlichkeiten darstellen.

Einfach sein Selbst ausdrücken

Wie sie sich so in Szene setzen, wie sie gerne gesehen werden möchten, wie seltsam eitel sie alle auf Vorteilhaftigkeit bedacht sind, das ist alles schon ziemlich entwaffnend. Die Haltung, die diese Künstler ihrem eigenen Abbild gegenüber einnehmen, ist vollkommen unironisch und distanzlos. Es gibt überhaupt keine Ebenen. Man wird sofort nostalgisch: Diese glücklichen Kommunarden konnten noch einfach so ihr Selbst ausdrücken.

Heute gilt die Übereinkunft, dass man Formbewusstsein durch verfremdete Selbstporträts anzeigt, nicht nur im Museum. Diese Übereinkunft gilt auch in den sozialen Netzwerken, dem größten Reservoire an Selbstbildnissen, das die Welt je gesehen hat.

Selbstporträt der koreanischen Künstlerin Jun Ahn © Jun Ahn / Christophe Guye Galerie

Wenn man den Verdacht vermeiden will, das Medium nicht verstanden zu haben, gibt es in beiden Kontexten eine relativ sichere Methode: Man verfremdet sein Bild, wendet sich von der Kamera ab oder zeigt sich einfach überhaupt nicht. Leute, die ihre eigenen Füße fotografieren, gibt es in zeitgenössischen Ausstellungshallen genauso wie auf Instagram. Oder man steht einfach souverän drüber, das geht natürlich auch, kommt aber nicht so häufig vor.

Im Kunsthaus Stade kann man außerdem den Weg besichtigen, den das Selbstporträt in den vergangenen hundert Jahren zurückgelegt hat. Je weiter man in diesem schiefen Fachwerkhaus nach oben läuft, desto mehr zerfällt das Ich in seine Einzelteile. Im Jahr 1940 hat sich der Künstler Erich Wessel einmal in Künstler- und einmal in Wehrmachtsuniform gemalt und diese beiden Ausführungen seiner selbst nebeneinander gehängt. Im Jahr 1962 hat Diether Kressel sein Gesicht so gemalt, wie es sich in seinem Toaster spiegelt. Im Jahr 1968 hat Harald Duwe sein Selbstporträt als Ergebnis einer erkennungsdienstlichen Maßnahme gemalt. Und so weiter. Bald war das Gesicht komplett verschwunden.

Wenn man sich nur malen könnte

Und weil sich das Selbstbild der Künstler parallel zur Verbreitung der Fotografie in seine Einzelteile zerlegt hat, drängt sich der Verdacht auf, dass die Geschichte vom Verschwinden des Menschen eigentlich eine Technik-Geschichte ist. Es ist schließlich ein kategorischer Unterschied, ob man sich malt oder sich fotografiert. In seinem Fotografie-Buch Die helle Kammer beschreibt Roland Barthes einmal die Hilflosigkeit, die er empfindet, wenn er fotografiert wird: "Werde ich ein unsympathisches Individuum zur Welt bringen oder einen 'prima Burschen'? Könnte ich doch auf dem Papier 'gelingen', wie auf einem klassischen Ölgemälde, mit edler Miene, versonnen, intelligent und so weiter! Kurz, wenn ich doch nur 'gemalt' werden könnte (von Tizian) oder 'gezeichnet' (von Clouet)!"

Das ist aber leider, ach, nicht drin. Malen kann sich auch heute im Grunde niemand. Und die, die könnten, malen nicht mehr. Wenn man sich aber fotografiert, ist man gezwungen, sein Inneres sozusagen in die Pose zu legen und zu hoffen, dass der Apparat dann auch versteht, worum es einem geht. Wahrscheinlich hat sich bei dem jungen Selfie-Genre auch deshalb schon jetzt eine sehr überschaubare Anzahl an Posen herauskristallisiert, die man immer wieder sieht: Weil man nie genau weiß, was der Maschine gefällt, bedient man sich eines Katalogs an standardisierten Posen, von denen man weiß, dass sie funktionieren. In jedem Falle liegt das letzte Wort nicht mehr bei einem selbst, sondern bei der Maschine. Und das ist nun wirklich ungemütlich.

Wolfgang Tillmans Bild "Lacanau (self)" von 1986 © Galerie Buchholz

Wenn man heute noch sein komplexes Selbst ins Bild setzen möchte, bleibt einem im Grunde nur die Option, sich einem Fotografen zu offenbaren, dem man zutraut, das herauszuarbeiten, was Roland Barthes die "moralische Textur" genannt hat: die eigene individuelle Komplexität, das tiefe Innere. Und dieser Fotograf ist man in den seltensten Fällen selbst. Oder aber man interessiert sich für die eigene moralische Textur nicht über die Maßen, dann stehen einem auch im Selfie-Genre alle Türen offen.

Auf dem Feld der Fotografie ist der Kampf zwischen Mensch und Maschine gewissermaßen längst entschieden. Der Fotoapparat musste in der Kunstgeschichte nur auftauchen und der Mensch hat sich verschüchtert aus dem Staub gemacht. Für die anstehenden Verhandlungen zwischen den Menschen und der künstlichen Intelligenz der Maschinen über die Machtverhältnisse der Zukunft ist das eher kein verheißungsvoller Auftakt.