Das Gallery Weekend Berlin hat sich zu einem der wichtigsten Termine im internationalen Kunstgeschehen entwickelt. Drei Tage lang, vom 29. April bis 1. Mai 2016, zeigen die Berliner Galerien zeitgleich ihre wichtigsten Künstler des Jahres und machen deutlich, was die Kunstwelt der Hauptstadt zu bieten hat. Das gilt nicht nur für die 54 offiziellen Teilnehmergalerien, sondern auch für die mindestens 300 inoffiziellen, die sich dem Ereignis anschließen. Die WELTKUNST, das Kunstmagazin der ZEIT, begleitet Sie auf vier Spaziergängen zu Ausstellungen, die man nicht verpassen sollte. Die Galerien sind numeriert auch auf den jeweils unten stehenden Karten dargestellt.

Kreuzberg

Hart, aber herrlich: Hinter seiner rauen Fassade bietet das frühere Zeitungsviertel eine überraschende Vielfalt von Galerien in Fabriketagen und alten Kaufhäusern, einstigen Kirchen und schicken Gründerzeithäusern. Von Tim Ackermann

Zwischen zart und hart schwebt die Kunst von Miriam Cahn. Mit Werken wie "aus der wüste" ist die Schweizer Künstlerin in der Galerie Meyer Riegger (9) zu sehen. © Courtesy Meyer Riegger


"Schön is' dit nich", sagt der Kreuzberger achselzuckend, und recht hat er: Bei der Bombardierung des alten Berliner Zeitungsviertels leisteten die Alliierten ganze Arbeit, und das meiste, was nach dem Krieg an Gebäuden neu errichtet wurde, glänzt in vielfältigen Schattierungen der Hässlichkeit. Sei’s drum! Eines der spannendsten Galerienviertel der Stadt versteckt sich genau hier!

Los geht's in einem Hinterhof der Gitschiner Straße mit der Hausnummer 94 und auch gleich mit dem ersten Geheimtipp: (1) Duve Berlin. Vom Stil her eine klassische Kreuzberger Fabriketage – weiße Wände und grauer Betonboden. In diesem Ambiente zeigt Alex Duve gern Kunst, die etwas dirty ist.

(2) 2013 zog Johann König mit seiner Galerie in die leer stehende St.-Agnes-Kirche im alten Berliner Zeitungsviertel. © Courtesy König Galerie/Ludger Pfaffrath

Um die Ecke wartet dann eine rare architektonische Perle: In die Kirche St. Agnes in der Alexandrinenstraße zog 2013 die (2) König Galerie ein. Mit dem Erwerb des Gebäudes hat Johann König den richtigen Riecher gehabt. Egal ob Gemälde von Katharina Grosse oder jetzt zum Gallery Weekend Fotografen von Annette Kelm und Riesenbagels aus Holz von Claudia Comte: Die Kunst sieht vor dem brutalistischen Betonhintergrund stets rasant gut aus.

Wir machen kehrt, biegen in die Neuenburger Straße ein und dann in die Alte Jakobstraße. Wem schon jetzt die Beine schwer werden, der stärkt sich mit einem Espresso im (3) Café Dix der Berlinischen Galerie. Seit 15. April ist im Landesmuseum für Moderne Kunst die Gruppenausstellung Visionäre der Moderne zu sehen. Uns zieht es zwei Straßen weiter in die Lindenstraße: Im früheren Kau aus Merkur (Hausnummer 34/35), das 1912 im aufknospenden Modernismus errichtet wurde, haben gleich zehn Galerien für zeitgenössische Kunst Platz gefunden. Im Erdgeschoss beendet sich eine Dependence der Düsseldorfer (4) Konrad Fischer Galerie, die Helden wie Bernd und Hilla Becher oder Bruce Nauman im Programm hat. Zum Gallery Weekend darf man auf "mutierende" Skulpturen von Alice Channer gepannt sein. Als weitere interessante Galerien im Gebäude ließen sich etwa Nordenhake, Żak/Branicka oder Niels Borch Jensen nennen.

Ein erneuter Richtungswechsel lässt uns nach 150 Metern einen Blick auf Daniel Libeskinds spektakulären Bau des (5) Jüdischen Museums Berlin werfen. Wer Zeit mitbringt, kann im Museum derzeit die politische Kunst des KZ-Überlebenden Boris Lurie entdecken. Wir gehen in die Markgrafenstraße, wo ein großer Industriehallenkomplex vor Jahren noch viele Galerien beherbergte. Einige wurden weggentrifiziert von hippen Büros wie dem Startupbootcamp oder einer Flüsterkneipe amerikanischen Stils (wenn auch ohne Geheimniskrämerei, da mit großen Schaufenstern). Gehalten haben sich die Galerien (6) Barbara Thumm und (7) carlier/gebauer. Die erste zeigt den Kubaner Diango Hernández. Die zweite bietet zum Gallery Weekend Werke von Mark Wallinger.

Gut sichtbar lockt die rote Tür von Crone (10) in einen Kreuzberger Hinterhof. Nebenan hat Starkoch Tim Raue sein Restaurant. © Courtesy Galerie Crone

Zwischen türkischen Hochzeitssälen, Lidl und dem lokalen Arbeitsamt geht es über eine schmuddelige Parkanlage an der Besselstraße und durch viel Kreuzberger Kiezkolorit zum zweiten Geheimtipp: In einem der wenigen erhaltenen Gründerzeithäuser in der Friedrichstraße hat (8) Daniel Marzona seine Galerie erst seit eineinhalb Jahren. Gegenüber liegt der Berliner Ableger der Galerie (9) Meyer Riegger aus Karlsruhe. Auf die Zeichnungen der Künstlerin Miriam Cahn, die dort ab 29. April ausgestellt werden, freut man sich schon jetzt, bieten sie doch eine reizvolle Reibung von zarter Farbigkeit und harten Motiven.

Die Friedrichstraße hinauf folgt in der Rudi-Dutschke-Straße 26 ein weiteres Galeriehaus: Im Vorderhaus findet man die Galerie Isabella Czarnowska und (10) Veneklasen/Werner, die zum Gallery Weekend Skulpturen des Kaliforniers Pat O'Neill zeigen. Die rote Tür im Hinterhof gehört zu (10) Crone, einer Galerie, die den Maler Norbert Bisky und die Konzeptkünstlerin Hanne Darboven im Programm hat. Letztere wird zum Gallery Weekend präsentiert.

Wer die Treppe zu Crones Obergeschoss hinaufsteigt, der erschnuppert dabei möglicherweise Düfte aus der benachbarbarten Küche des Restaurants von Sternekoch Tim Raue, einem waschechten Kreuzberger übrigens! Gerne würde man sich schon mit (teurer) Pekingente verwöhnen. Doch zum Abschluss geht es noch schnell um die Ecke zur (11) Buchmann Galerie, wo Bettina Pousttchi Fachwerkbalken aus Keramik ausstellt. Für ein bisschen Dorfgefühl im Großstadtkiez.

© Weltkunst