Überall Überforderung. Überlaut. Überschall. Überschnell. Überschrill. Übermenschlich. Aber sind wir eigentlich schon fertig mit dem Menschen? Durchgespielt, jedes Level, vom kleinen Zeh bis zur Haarwurzel? Sind wir nach der Entschlüsselung des Genoms die vollkommenen Gameboys unserer selbst? Wird Prometheus als Roboter kommen?

Die beste Nachricht seit Langem: Wir können den analogen Menschen noch mal neu entdecken. Und wir können jetzt zusehen, wie eine vollkommen neue Kunstform dabei entsteht.

Die noch bessere Nachricht seit Kurzem: Das Ganze vollzieht sich leise, im Stillen. Keine Überforderung, nur Forderung. Konzentration ist nötig, auf die Atmung und auf den wichtigsten unserer Sinne, der uns über die Jahrtausende zum unwichtigsten verkümmert ist: das Riechen.

In Berlin, in Mitte, in einer unscheinbaren Stadtteilkirche, steht seit ein paar Tagen eine Monstermaschine, sechseinhalb Meter breit, drei Meter hoch, anderthalb Tonnen schwer. Sie heißt Smeller 2.0, und man darf sie sich vorstellen wie eine Orgel, die auf Tastendruck Duft verströmt. Sehr vereinfacht gesagt. Tatsächlich ist dieser stille Riese eine Sensation. Können wir uns kurz etwas Zeit dafür nehmen?

Im oscarprämierten Kinofilm The Revenant gibt es eine Szene, die niemand vergessen wird, der sie gesehen hat. Leonardo DiCaprio ist unterwegs als Rächer in nordamerikanischer Westernwildnis. Winter, Not, Überlebenskampf. Um im Schlaf nicht erfrieren zu müssen, weidet er sein gerade gestorbenes Pferd aus, legt seine verdreckten Kleider ab, klettert nackt in den noch warmen, bluttriefenden Leib und schließt die Bauchdecke, sodass nur noch seine Nasenspitze herausschaut. Allein die Bilder lassen einen erschauern. Aber was wäre, wenn man im Kino auch noch riechen könnte, wie es im Inneren eines toten Pferdes stinkt?

Filme mit Geruch, ein schwieriges Unterfangen

Seit mehr als 100 Jahren träumen Menschen vom Geruchskino. Um 1890 herum hatte sich der Bewegtfilm entwickelt, noch war er stumm und man begann, ihn mit live dazu gespielter Klavier- oder Orchestermusik zu untermalen. 1906 dann, 15 Jahre vor der Geburt des Tonfilms, wurde in den USA eine Vorführung der Wochenschau beduftet: Man hing rosenölgetränkte Watte vor einen Ventilator, um einen Beitrag über das Rose Bowl Stadium in Pasadena eindrücklicher zu machen. Das war die Geburtsstunde des Geruchsfilms.

Erste Schritte sind meist etwas plump, bleiben aber nicht folgenlos. Das Prinzip der Raumbeduftung kennen wir heute aus jeder Hotellobby oder Boutique, Neuwagen und Supermärkte sind mit ihrem eigenen Geruchsdesign ausgestattet. Anfang der nuller Jahre gab es sogar ernsthafte Unternehmungen, Desktop-Computer um kleine Riechstoffschatullen zu erweitern, um alle Onlineaktivitäten nutzerfreundlich zu beduften. Wurde nichts draus. Aber wir sprachen ja ohnehin gerade über Kunst.

Aldous Huxley hat 1932 in seinem dystopischen Roman Schöne neue Welt eine Duftorgel entworfen, mit deren Hilfe Movies zu sensorischen Erlebnissen würden, sogenannten Feelies. Viele Filmemacher haben sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts darum bemüht, seine Idee in die Tat umzusetzen. Nicht zuletzt, um das Publikum im Kino zu halten, während sich Heimfernseher verbreiteten. Es wurden mit Duftstoffen benetzte Rubbelkarten ausgeteilt, Odorama genannt, die die Zuschauer zu bestimmten Szenen reiben sollten. Oder die Zuschauer bekamen eine kleine Riechstoffkartusche umgehängt: Der Sniffman schoss parallel zum Film Gerüche in Richtung Nase, recht unangenehm. Größere technische Anlagen mit Namen wie Aromarama und Smell-O-Vision bliesen Gerüche ins Publikum. Das Hinein klappte einigermaßen, wenn auch nicht auf allen Sitzplätzen synchron. Das Hinaus aber war das größere Problem. Es war nicht möglich, die Düfte so punktgenau wieder abzusaugen, wie sie eingeströmt waren. Manchen Gästen wurde übel davon. Außerdem waren die synthetischen Aromastoffe oft noch sehr realitätsfern und die Maschinen rasend teuer. Niemand wollte in diese Technologie investieren.