Jeder Berlintourist kennt dieses Motiv. Es ist wohl das meistfotografierte Wandbild der East Side Gallery am Spreeufer: ausgerechnet Breschnew und Honecker versunken im sozialistischen Bruderkuss. Gemalt hat es der russische Künstler Dmitri Vrubel. Sein Werk ist weltberühmt, aber Vrubel? 

Er kam 1990 nach Berlin, ein Jahr nach dem Fall der DDR. Auch die Sowjetunion stand unmittelbar vor ihrem Zerfall, russische Künstler strömten ins westliche Ausland, suchten Ausstellungsräume. Dmitri Vrubel ging nicht zu den Kunstgalerien nach West-Berlin. Er ging zur Berliner Mauer.

An diesem Ort des Zerfalls und Aufbruchs versammelten sich Künstler aus der ganzen Welt. Sie bemalten toten Beton mit ihren Bildern, die sie dem Frieden, der Liebe, der Freiheit und Demokratie widmeten. Vrubel hingegen kopierte lediglich eine Postkarte, ein Foto des Franzosen Régis Bossu, es zeigte Erich Honecker und Leonid Breschnew 1979, am 30. Jahrestag der DDR. Zwei alte Männer, zufällig die mächtigsten des Ostblocks, die Augen geschlossen, die Lippen zärtlich aufeinandergedrückt. Vrubel setzte noch einen Kommentar unter sein Wandbild: "Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben." Muss man das verstehen?

Immer noch fotorealistisch: eine der Arbeiten, die Dmitri Vrubel und Viktoria Timofeeva in Berlin ausstellen. © Vrubel + Timofeeva, Open Atelier im PANDA-Theater

Dmitri Vrubel empfängt uns in Berlin, mittlerweile führt er mit seiner Frau Viktoria Timofeeva eine eigene Galerie in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg. Was wollte er mit seinem berühmtesten Werk sagen? Der Bruderkuss auf der Berliner Mauer sei sehr viel mehr als das Abbild einer sozialistischen Geste, sagt Vrubel. Er betrachtet Zeitdokumente grundsätzlich nicht innerhalb ihres ursprünglichen Kontextes, sondern versucht, universelle Wahrheiten in ihnen zu entdecken. "Dieser Kuss kann nur einer ewigen, großen Liebe gewidmet sein. Das sind jetzt nicht mehr zwei besoffene Idioten, die sich am Ende einer Parteiveranstaltung in den Armen liegen." Vrubel mag es ironisch und pathetisch – Leben, Sterben und Liebe, darum ginge es doch. Und das macht sein Motiv vielleicht auch so beliebt. Nach dem Zerfall des sozialistischen Systems konnte der Bruderkuss plötzlich ganz neu gedeutet werden. Verhöhnung der DDR-Elite, Plädoyer für gleichgeschlechtliche Liebe – alle Zuschreibungen waren möglich und erlaubt.

Vrubels Bruderkuss gibt es mittlerweile auf T-Shirts, Kühlschrankmagneten und Jutebeuteln. Er könnte Millionär sein. Das ganze touristische Merchandise bringt ihm jedoch keinen Cent. Das interessiert ihn nicht.