Angela Merkel hatte darauf verzichtet. Während ihrer Papstaudienz im Jahr 2015 trug sie keine Kopfbedeckung. Im Gegensatz dazu hatten sich die schwedische Königin Silvia, Fürstin Charlène von Monaco oder Michelle Obama auf ihren Vatikanbesuchen für weiße Spitze oder einen schwarzen Schleier entschieden. Pressefotos, in zwei Reihen übereinander gehängt, zeigen sie neben dem Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche – alle, bis auf Merkel, verschleiert. Verschleiert, wie es in anderen Kontexten, an anderen Trägerinnen oft für allgemeine Aufregung sorgt.

Eine neue Ausstellung im Berliner Jüdischen Museum möchte etwas Ruhe in eine aufgeheizte Debatte bringen. Cherchez la femme. Perücke, Burka, Ordenstracht widmet sich der Geschichte der weiblichen Verhüllung in Judentum, Islam und Christentum. Sie ist nicht nur die Einladung zu einer kurzen Besinnung auf gemeinsame Ursprünge, sondern auch zu einer Kontextualisierung: Die Gesetzeslage und die Entstehungsgeschichte der Verhüllungstradition seien vielen Menschen unklar, sagt die Kuratorin Miriam Goldmann. Die Ausstellung sei jedoch "als Kommentar zur Diskussion gedacht und ganz sicher nicht als abschließende Bewertung".

Das wäre bei der gegenwärtigen Brisanz des Themas auch gewagt: Als im Februar eine Delegation der oft als feministisch gefeierten schwedischen Regierung in den Iran flog und alle beteiligten Frauen Kopftücher sowie lange Mäntel trugen, hat das sowohl von rechter als auch linker Seite für Protest gesorgt. Die umstrittene Kopftuchentscheidung des Europäischen Gerichtshofs ist jetzt nicht einmal drei Wochen her. Die Bilder des vergangenen Sommers, die auf das Burkiniverbot an französischen Stränden folgten, sind noch präsent.

Starrende Männeraugen

Da kann eine Intervention aus kulturhistorischer Perspektive nicht schaden: Wandtexte erläutern die ursprüngliche Bedeutung der Kopfbedeckung von Frauen als ein Standesmerkmal, das verheirateten Frauen vorbehalten und Sexarbeiterinnen sowie Sklavinnen untersagt war. Der Anfang dieser Tradition liegt vor etwa 3.000 Jahren in der Region des heutigen Iraks, erst später wurde sie in die drei monotheistischen Religionen übernommen. Als religiöses Gesetz ist sie jedoch weder im Koran noch in der hebräischen Bibel verankert.

Der Rundgang durch die Eric-F.-Ross-Galerie des Jüdischen Museums beginnt mit einer Videoinstallation zum male gaze: Augenpaare starren von Bildschirmen in den Ausstellungsraum hinein. Sie verweisen, ein wenig plakativ, auf den vermeintlich zudringlichen Blick des Mannes, vor dem die Kopfbedeckung die Frau schützen soll. Die Installation rahmt eine Skulptur der iranischstämmigen Künstlerin Mandana Moghaddam, ein Objekt aus schwarzen Haarteilen, das an einen Frauenkörper erinnert. Chelgis I spielt ironisch auf die Verführungskraft weiblicher Haarpracht an, eine Kraft, die, so suggerieren die unter der Glasvitrine herausblitzenden Locken, kaum zu bändigen sei.