Das Gallery Weekend Berlin hat sich im internationalen Kunstkalender einen festen Platz erobert. Vom 28. bis 30. April laden die Berliner Galerien drei Tage lang zum Rundgang ein, eröffnen ihre wichtigsten Ausstellungen und präsentieren, was die Kunstwelt der Hauptstadt zu bieten hat. Das gilt für die 47 offiziellen Teilnehmergalerien ebenso wie für die rund 300 inoffiziellen, die sich dem Ereignis auch in diesem Jahr anschließen. Die WELTKUNST, das Kunstmagazin der ZEIT, begleitet Sie auf drei Spaziergängen durch das Galeriegetümmel und zeigt, was die Gegenwartskunst derzeit bewegt.

Viel Neues am Fasanenplatz © Nora Ströbel

Charlottenburg

Willkommen zurück, Zeitgeist! Als Erstes geht es in den feinen alten Westen, der gerade erneut zum Hotspot der Kunstwelt aufsteigt. Von Simone Sondermann

Es ist noch nicht allzu lange her, da war Charlottenburg bei den hippen Berliner Kunst-Events eher eine Randnotiz. Das Viertel konnte zwar mit reicher Kulturtradition und gründerzeitlicher Grandezza punkten, doch galt das klassische Westberlin mit seinem Harald-Juhnke-Charme und den Bausünden der BRD als abgehängt vom zeitgeistigen Kunstgeschehen in Mitte und anderswo. Das hat sich gründlich geändert, Charlottenburg ist wieder in. Zahlreiche Galerieumzüge und Neueröffnungen in jüngster Zeit haben den feinen Westen, wo sich traditioneller Kunsthandel und zeitgenössische Szene fruchtbar verbinden, zum neuen Herzstück der Berliner Kunstwelt gemacht.

Imi Knoebel, "Mennigebild 17-33", 1976, bei Fahnemann © Fahnemann, Berlin/VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Wir starten am Fasanenplatz, wo die (1) Galerie Fahnemann zu den Alteingesessenen gehört, die Charlottenburg auch in Zeiten der Flaute die Treue gehalten haben. Im ehemaligen Wohnhaus Heinrich Manns in der Fasanenstraße 61 vertritt sie seit mehr als dreißig Jahren Künstler wie Imi Knoebel oder Raimund Girke, aber auch jüngere Positionen wie Katharina Hinsberg sind hier zu finden. Zum Gallery Weekend zeigt Clemens Fahnemann einen Querschnitt seiner Galeriekünstler.

Walter Stöhrer in der Galerie Friese am Fasanenplatz © Klaus Gerrit Friese, Berlin/VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Eric Tschernow

Im gleichen Häuserblock bespielt seit knapp zwei Jahren auch die (2) Galerie Klaus Gerrit Friese eine großzügige Beletage mit Blick auf den Platz. Noch bis 13. Mai stellt sie Gemälde und Papierarbeiten von Walter Stöhrer vor,, der im Januar 80 Jahre alt geworden wäre und dessen Werk auf höchst eigensinnige Weise Einflüsse des Informel und des abstrakten Expressionismus aufnimmt. Pünktlich zum Gallery Weekend gibt es am Fasanenplatz außerdem einen prominenten Zuzug. Im gleichen Block wie Fahnemann und Friese eröffnet Szeneliebling (3) Mehdi Chouakri, vormals in Mitte, seine neuen Räume mit einer Schau zu Charlotte Posenenske.

Auch Mehdi Chouakri zieht es nach Charlottenburg, er zeigt Charlotte Posenenske ("Vierkantrohre Serie D", 1967) © Courtesy the Estate of Charlotte Posenenske and Mehdi Chouakrí, Berlin

Weiter geht es auf der Fasanenstraße in Richtung Ku’damm, denn jenseits der Lietzenburger Straße erwartet uns ein künstlerisches Ballungsgebiet. In der (4) Galerie Buchholz mit Hauptsitz in Köln und Dependance in New York sind ab Ende April die Amerikaner Caleb Considine und Melvin Edwards zu sehen. Im Haus nebenan führt Jakob F. Müller sein Antiquitätengeschäft, in der Beletage darüber zeigt die Arndt Art Agency zum Gallery Weekend neue Arbeiten des britischen Malers Christopher Le Brun.

Es folgen zwei Auktionshäuser, die kleinen, aber feinen Buchspezialisten Nosbüsch & Stucke sowie der Platzhirsch (5) Grisebach, dessen Vorbesichtigungen locker Museumsniveau erreichen. Es gibt außer der Villa, in der Grisebach residiert, weitere Räume für die zeitgenössische Kunst und die Fotografie, die den spontanen Besuch lohnen. Im Souterrain neben der Villa Grisebach sitzt die Galerie Kornfeld, die zum Gallery Weekend mit dem französischen Fotografen Stéphane Couturier eröffnet.

Auf der anderen Straßenseite gibt es auch eine Menge zu entdecken. An der Hausnummer 68 betreibt Kornfeld seinen Projektraum 68projects, die junge Kuratorin Adrianne Rubenstein stellt hier ab Ende April zehn New Yorker Gegenwartskünstlerinnen vor. Ein paar Häuser weiter hat das Münchner Auktionshaus Ketterer einen Showroom, die Berliner Dependance feierte kürzlich ihr zehnjähriges Bestehen. Gleich daneben wartet der (6) Kunsthandel Wolfgang Werner mit Hauptsitz in Bremen seit einem Vierteljahrhundert mit bedeutenden Namen der Vor- und Nachkriegsmoderne auf. Zum Gallery Weekend zeigt Werner Werke des französischen Malers Martin Barré aus den 1950er- und 1960er-Jahren.

Es ist Zeit für eine Kaffeepause, zu der uns vis-à-vis vom Kunsthandel Werner das Café Wintergarten im Literaturhaus einlädt. Über den hübschen Garten gelangt man auch zum Käthe-Kollwitz-Museum, das in diesem Jahr den 150. Geburtstag der Berliner Künstlerin begeht.

Die Haverkampf Gallery hat erst kürzlich eröffnet und zeigt unter anderem Anna Grath ("Kumulus virga", 2014) © Philipp Reiss

Wieder bei Kräften verlassen wir die Fasanenstraße und biegen links in den Ku’damm ein, wo wir bis zur Ecke Bleibtreustraße sehnsüchtige Blicke in die Schaufenster der zahlreichen Nobelboutiquen werfen.

Geradeaus kommt man zum prunkvollen Café und Restaurant Grosz. Um die Ecke, in der Beletage der Schlüterstraße 45, kann man die künstlerischen Schmuckkreationen und Objekte von Georg Hornemann bewundern – bis zum 6. Mai in der Ausstellung "obsessed with beauty" in Kombination mit Fotografien von Robert Mapplethorpe und Werken aus der Wunderkammer der Sammlung Thomas Olbricht. In der Mommsenstraße hat sich (7) Philipp Haverkampf, langjähriger Mitarbeiter der Galerie Contemporary Fine Arts, kürzlich selbstständig gemacht und präsentiert seine zweite Ausstellung mit den jungen Künstlern Anna Grath, Stephen Kent und Carl Mannov.

Wer die Mommsenstraße einige Querstraßen weitergeht, gelangt zur etablierten Galerie Michael Schultz, die auch Dependancen in Seoul und Peking betreibt und viele zeitgenössische ostasiatische Künstler im Programm hat.

Wir gehen von Haverkampf zurück zur Bleibtreustraße, wo im Kunstraum Delank ebenfalls junge asiatische Positionen zu entdecken sind. Die Inhaberin Claudia Delank ist ausgewiesene Expertin und vereidigte Sachverständige für das Gebiet der ostasiatischen Kunst.

Schräg gegenüber residiert die (8) Galerie Max Hetzler, die noch einen weiteren Raum in der Goethestraße sowie eine Dependance in Paris betreibt und Künstlerstars wie Ai Weiwei und Thomas Struth vertritt. Zum Gallery Weekend sind Werke von Günther Förg und vom britischen Maler Toby Ziegler zu sehen.

Kunst Lager Haas in der Lise-Meitner-Straße im Charlottenburger Norden © Tobias Wille

Jetzt biegen wir in die Niebuhrstraße ein, wo die Kunstadressen dicht an dicht liegen. Die (9) Galerie Diehl zeigt ab Ende April Papierarbeiten von Martin Assig, die mit der Technik der Enkaustik entstanden. Ein Haus weiter betreibt (10) Michael Haas seit Jahrzehnten sein Galerie- und Kunsthandelsgeschäft mit großen Namen der klassischen Moderne und der Gegenwart. Zum Gallery Weekend setzt er drei katalanische Positionen in einen Dialog, Antoni Tàpies, Jordi Alcaraz und Gino Rubert. Teile dieser Schau werden auch im prachtvollen Kunst Lager Haas in der Lise-Meitner-Straße im Charlottenburger Norden zu sehen sein.

Auch der junge Galerist Tore Suessbier ist seit einem Jahr in der Niebuhrstraße und gehört zu den Übersiedlern aus Mitte. Wer sich für Fotoarbeiten interessiert, sollte bei Only Photography vorbeischauen, die vor allem im Bereich der japanischen Fotografie Herausragendes zu bieten haben. In einer guten Fotobibliothek kann man hier ebenfalls stöbern.

Wir schlendern nun zum Savignyplatz, diesem malerischen Eiland im Großstadttrubel, und lassen auf einer Parkbank die Kunsteindrücke Revue passieren. Für eine kleine Stärkung sei das Café mit dem romantischen Namen A Never Ending Love Story auf der Kantstraße empfohlen, allerdings schließt das Frühstückslokal um 15.30 Uhr. Alternativ kann man kulinarisch auf Lokalkolorit setzen und eine Currywurst am Pavillon Hasenecke auf dem Savignyplatz zu sich nehmen.

Von dort gehen wir weiter zur Grolmanstraße und schauen im Showroom von Georg Nothelfer vorbei, der ab 30. April parallel zur Ausstellung bei Friese am Fasanenplatz Werke von Walter Stöhrer präsentiert. Nothelfers Nachbarn in der Grolmanstraße sind (11) Contemporary Fine Arts, die zum Gallery Weekend dem Agent Provocateur Bjarne Melgaard ihre Räume überlassen. Die Galerie von Nicole Hackert und Bruno Brunnet gehörte mit Künstlern wie Peter Doig oder Daniel Richter lange zu den wichtigsten Playern im Kunstkosmos von Berlin-Mitte, doch auch sie verlagern gerade ihr Geschäft vom Kupfergraben endgültig nach Charlottenburg.

Moderner Klassiker der Fotografie: Arnold Odermatt, ("Büren. Oberdorf, 1966") © Urs Odermatt, Windisch

Über den Savignyplatz und die Kantstraße schlendern wir noch einmal zur Fasanenstraße, um der Fotogalerie (12) Springer einen Besuch abzustatten, die im Künstlerhaus St. Lukas, einem ungewöhnlichen Baudenkmal des späten 19. Jahrhunderts, zu Hause ist. Noch bis 6. Mai sind hier Farb- und Schwarz-Weiß-Aufnahmen der 1960er- bis 1990er-Jahre von Arnold Odermatt zu sehen, der ehemalige Schweizer Polizeifotograf genießt längst den Status eines modernen Klassikers.

Auf dem Weg zum Bahnhof Zoo, wo den Unermüdlichen das C/O Berlin und das (14) Museum für Fotografie der Helmut-Newton-Stiftung erwarten, besuchen wir als letzte Station unseres Rundgangs die (13) Galerie Nierendorf auf der Hardenbergstraße. Der traditionsreiche Berliner Kunsthändler gibt schon auf dem Fußweg in Schaukästen einen Vorgeschmack davon, was für moderne Klassiker seine Wunderkammer birgt. Vor Werken von Ernst Ludwig Kirchner, Hannah Höch oder Georg Grosz sinnieren wir über die Frage, was im Laufe der Geschichte Bestand haben wird von den vielen schillernden Gegenwartspositionen, die an diesem Wochenende in Charlottenburg im Rampenlicht stehen.

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