Die Erschöpfung ist ihnen anzusehen, die Anstrengung muss immens gewesen sein: zwei Weltausstellungen stemmen, zuerst in Athen und jetzt in Kassel, ohne dass die Kräfte verdoppelt worden wären. Trotzdem ziehen sie es durch, ohne Strapaze geht es auch für die anderen nicht: Über drei Stunden dauert die Eröffnungspressekonferenz der documenta 14 im Kongresszentrum. Jeder der sechs Kuratoren darf etwas sagen, dazu der hessische Kultusminister, seine Kollegin aus Griechenland, der Bürgermeister von Kassel, die documenta-Geschäftsführerin, die Direktorin der Bundeskulturstiftung als größte Geldgeberin, sie alle wollen sprechen zum Auftakt der alle fünf Jahre wiederkehrenden wichtigsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst.

Erst am Ende des Marathons kommt der künstlerische Leiter zu Wort, der polnische Kurator Adam Szymczyk. Nach all dem Gesagten scheint er nur noch ein Danke an alle Helfer japsen zu können, vor allem an seine Assistenten, die ihn während der Vorbereitungszeit am Leben hielten, wie er sagt. Und dass die Besucher als wichtigste Erkenntnis die Bedeutung des Verlernens mitnehmen sollten.

Ein widersprüchlicher Rat angesichts des documenta-Mottos Von Athen lernen, das für Zündstoff gesorgt hatte. Ausgerechnet vom verschuldeten Griechenland? Typisch documenta: dass ihre Macher das Publikum zunächst in Verwirrung stürzen. Unvergessen Szymczyks Vorgängerin, Carolyn Christov-Bakargiev, die im Vorfeld das Wahlrecht für Hunde und Erdbeeren forderte, letztlich aber eine andere Weltsicht meinte.

Die Erzählstränge sind in Kassel transparenter

Genau das soll eine documenta leisten: Alle fünf Jahre will sie den Stand der Kunst reflektieren und den Blick auf das große Ganze ändern. Szymczyk hat diese Achsverschiebung rigoros vollzogen, indem er die documenta verdoppelte und aus der hessischen Behaglichkeit hinauszutreiben versuchte. Seine Vorgänger hatten lediglich Plattformen und Podien auf anderen Kontinenten installiert, um mit dem Begriff Weltkunstausstellung ernst zu machen. Der documenta 14 ist die reale Zweiteilung jedoch nicht gut bekommen. Der Auftakt in Athen enttäuschte, er fiel kaum anders aus als Biennalen und Manifesta-Ausstellungen, wie sie überall üblich sind. Gezeigt wurde jüngste Kunstproduktion mit historischen Referenzen in eigens freigeräumten Hallen, Akademien, Lagerräumen oder an pittoresken Orten der Stadt.

In Kassel erweist sich die documenta auf den ersten Blick als interessanter, substanzieller, durchdachter. Hier wirkt die Kunst nicht wie abgeworfen, sondern wie eine kuratierte Schau an den Ausstellungsorten Neue Galerie, documenta-Halle und Hauptpost. Die Erzählstränge werden transparenter, die Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Kolonialismus, Kultur, Wirtschaft und Staat deutlicher. Wo das pulsierende, heiße, laute Athen die Kunstanstrengungen im öffentlichen Raum verschluckte, erweist sich Kassel in seiner Durchschnittlichkeit und mittleren Größe als ideale Bühne.

Die Jutesäcke für Kaffee, Kakao, Bohnen, Reis, die der ghanaische Künstler Ibrahim Mahama in Athen auf dem Syntagma-Platz zusammennähen ließ, verhüllen nun die Torwachen am Brüder-Grimm-Platz. Wer vom Bahnhof Wilhelmshöhe in die Stadt herunterfährt, muss sie passieren und spürt sogleich, dass hier ein Warenhandel angeprangert wird, der den säuberlichen Konsum und die schmutzige Arbeit der Produktion, die landwirtschaftliche Ausbeutung in zwei Hemisphären trennt. Bis heute.