Am Sonntag noch hatte er eine Veranstaltung bestreiten wollen, im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Als das Haus wenige Tage vorher absagte, ahnte man bereits, dass er auf die Bühne des Kulturlebens nicht mehr zurückkehren werde. Am Sonntagmorgen ist Martin Roth 62-jährig in Berlin gestorben.

Der Schock sitzt tief. Erst in den kommenden Tagen und Wochen wird deutlich werden, was die Museumswelt an ihm verloren hat: einen begnadeten Kommunikator, einen Manager, einen, den man im Englischen als mover and shaker bezeichnet, als jemanden, der etwas bewegt. Bewegt hat Roth nicht nur die Museen, in denen er gearbeitet und die er geleitet hat, sondern den Museumsbetrieb als solchen. Zuletzt hing ihm das Gerücht an, er hoffe darauf, in einer SPD-geführten Bundesregierung Kulturstaatsminister werden. Das hat er zurückgewiesen, aber es gibt keinen Zweifel, dass er sich für dieses Amt befähigt hielt.

Martin Roth, 1955 in Stuttgart geboren und seiner schwäbischen Färbung nie verlustig gegangen, hat in Tübingen Empirische Kulturwissenschaft studiert und dort 1987 promoviert. Ein Forschungsaufenthalt in Paris schloss sich an, der seinen Blick für immer geweitet hat. 1989 kam er zur Geburtsstunde des Deutschen Historischen Museums nach Berlin, und als die Wende hereinbrach, war er der erste Museumsmensch, der aus dem Westen in den Osten ging, als Direktor des danieder liegenden Hygienemuseums in Dresden. Das war genau die Art Institution, die er zuvor erforscht hatte.

Jet-set der Museumswelt

Er brachte das Haus nach vorne und zeigte, was die verstaubte Einrichtung des kulturhistorischen Museums zu leisten imstande ist; beinahe folgerichtig wurde er Leiter des Kulturprogramms der Expo Hannover 2000. Da hatte er die weite Welt zu Gast, das war das Terrain, das ihm angemessen dünkte. Aber er blieb im Osten, wurde Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, führte diesen zweitgrößten deutschen Museumsverbund zu ungeahnter Aktivität, indem er das Beste aus seinen Mitarbeitern herauskitzelte, ohne sie – wie so viele Chefs – inhaltlich zu gängeln. Nach der Elbe-Flut des Jahres 2002 setzte er ein umfangreiches Renovierungsprogramm in Gang, wendete die Katastrophe in einen strahlenden Sieg.

Nächste Station war dann London, die Leitung des riesigen Victoria & Albert Museum. Ein Ausländer an der Spitze dieser geheiligten britischen Institution! Das verwunderte niemanden mehr, denn Roth war längst in den Jet-set der Museumswelt aufgestiegen, zog weltumspannende Fäden und war beispielsweise schon in China aktiv, als die allermeisten in dem Riesenland nur eine verlängerte Werkbank erkennen wollten.

Der kompromissreiche Umgang mit den Mächtigen trug Roth viel Kritik ein, vorzugsweise von Leuten, die hinter dem heimischen Ofen saßen. Mag schon sein, dass Roth sich an seiner eigenen Ubiquität berauschte und an seinen exzellenten Kontakten; er, der auch zu Dresdner Zeiten in Berlin sein gastfreundliches Haus führte und nah dran war an der Politik, die immer mehr zum zweiten Spielfeld wurde.

Nur konsequent, dass er London im vergangenen Jahr Knall auf Fall verließ, weil er das Brexit-Votum unerträglich fand. Neues lockte: die (ehrenamtliche) Präsidentschaft des Instituts für Auslandsbeziehungen, die er, vor einem Jahr gewählt, kürzlich noch antreten konnte. Das ifa hat seinen Sitz in Stuttgart, und so hätte sich sein Lebenskreis gerundet, aus dem ihn nun eine schwere, unheilbare Krankheit herausriss.