Paul Cézannes Gemälde "La Montagne Sainte Victoire" (1897) war nachweislich bis 1940 im Besitz von Cézannes Sohn, und man fragt sich, wie es zu Gurlitt kam. © Kunstmuseum Bern

Zeithistoriker werden irgendwann den seltsamen Fall des Cornelius Gurlitt als eine wichtige Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik bewerten.

Diese Affäre war zwar kein revolutionäres Ereignis, sie stürzte das Selbstbild der deutschen Gesellschaft  keineswegs um, aber sie bewegte mehr Menschen als nur die kunstinteressierte Öffentlichkeit – und sie brachte eine lange verdrängte rechtliche ebenso wie moralische Dimension im Umgang mit der NS-Vergangenheit ins Bewusstsein. Was als düsterbizarrer Kriminalfall begann, mündete in einen gesellschaftlichen Lernprozess – gerade weil das Ende nicht glücklich war, weil der Fall im Grunde keinen Abschluss  finden konnte. Nach Gurlitt ist das Verhältnis zu älteren Kunstwerken ein anderes. Seither haben diese eine eigene Geschichte, und die ist ein Teil der wechselvollen deutschen Geschichte insgesamt.

Verworren und vieldeutig war alles an dem Fall. Dass er erst mit dreijähriger Verspätung das Licht der Öffentlichkeit erreichte, war ein angemessener Beginn. Im November 2013 platzte der Focus mit seiner Geschichte vom "Schwabinger Kunstfund" heraus, von einem "Nazi-Schatz" war die Rede, von Milliardenwerten aus üblen braunen Quellen, auf denen ein durchtriebener kleiner Greis hockte wie der Riese Fafner. Schon im September 2010 hatte der deutsche Zoll auf der Suche nach Steuersündern im Zug zwischen Zürich und München einen Mann aufgegriffen, der ein hübsches Sümmchen Bargeld bei sich trug. Er verhedderte sich in Widersprüche und war seltsamerweise unter seiner angegebenen Adresse nicht gemeldet. So ließ die Augsburger Staatsanwaltschaft ihn observieren und erließ ein Jahr darauf einen Beschluss zur Hausdurchsuchung und Beschlagnahmung. Fünf Monate später brach ein Polizeikommando in Cornelius Gurlitts Münchner Wohnung ein und trug seine riesige Kunstsammlung davon. Es handelte sich um eine der größten deutschen Familiensammlungen, etwa 1.300 Werke wurden sichergestellt. Im Wesentlichen hatte sie der Vater Hildebrand Gurlitt zusammengetragen, und der hatte in den Kunsträubereien der Nazis in der Tat eine tragende Rolle gespielt.

Dieser Artikel stammt aus Weltkunst, Heft Nr. 134/2017. © Weltkunst Verlag

Die Öffentlichkeit reagierte überrascht. In Wirklichkeit war sie jedoch auf ein solches Ereignis innerlich vorbereitet gewesen, vielleicht wartete sie sogar insgeheim darauf. Die ersten Fälle von Raubkunst waren bekannt, ebenso die Schwierigkeiten, die es bereitete, solche Werke an die rechtmäßigen Erben zurückzuerstatten. Und nun der Beweis: Tonnenweise ruhte Raubkunst in deutschen Heimen und nährte die Nachkommen der Täter bis heute. Es war unabwendbar, dass Cornelius Gurlitt nach Kräften dämonisiert wurde, während niemand seine Sammlung kannte. Schnell meldete sich auch die Jewish Claims Conference zur Wort, drängte zur Aufklärung der Provenienzen und auf Restitution der Werke, auch dies vorauseilend. Eine Mischung aus Wut und Scham prägte die Stimmung. Der internationale Druck wirkte stark, griff doch auch die New York Times den Fall auf: Deutschland, das Land der Profiteure und der Verdränger der Geschichte.

Zu einem gewissen Maß war die Aufregung sogar berechtigt: Deutsche Museen überschlugen sich weiß Gott nicht, wenn es darum ging, die Herkunft  ihrer Bestände zu ermitteln. Provenienzforschung war eine lahm absolvierte Pflichtübung, während sich private Besitzer verdächtiger Kunstwerke hinter einer für sie günstigen Rechtslage verschanzen konnten. Bloß eignete sich neben all den kulturpolitischen Versäumnissen und juristischen Komplikationen dieser Cornelius Gurlitt so gar nicht zum Bösewicht. Es bekam ihm, der unfähig war, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen, Interviews zu geben oder einen Anwalt zu Rate zu ziehen, ja der die Menschen mied und mit seinen Bildern einsiedlerisch lebte, wahrhaft  nicht gut, zur Projektionsfigur zu werden, zum Sündenbock des schlechten Gewissens der Deutschen und ihrer besonderen Art, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Der stille Herr Gurlitt fühlte sich vielmehr als Hüter eines Vermächtnisses, das er vom Vater erhalten hatte. Von dessen Machenschaften wusste er sehr wohl. Das moralische Dilemma, in dem er lebte, bestimmte fortan sein Leben mit. Menschliche Kontakte vermeidend und außerstande, einem Beruf nachzugehen, reiste er von Zeit zu Zeit nach Bern, um im Auktionshaus Kornfeld ein Bild versteigern zu lassen, sobald er Geld benötigte. Auch mit dem Haus Ketterer in der Schweiz machte er Geschäfte. Nun fand er sich mitten in einem medialen Hexentanz wieder, strafrechtlich verfolgt und seiner Sammlung beraubt.

In Bonn sind nun erstmals Werke unter Raubkunstverdacht zu sehen. "Männlicher Akt" von François Boucher © Mick Vincenz/Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Einige gab es wohl, die trotz der öffentlichen Entrüstung einen kühlen Kopf behielten. Sie bezweifelten, dass die Beschlagnahmung rechtens war, denn vom Vorwurf der Steuerhinterziehung sprach alsbald niemand mehr, und der Besitz von Raubkunst ist nicht strafbar. Die überzogene Reaktion der bayerischen Behörden kam einer Enteignung gleich. Die ersten Informationen über die Bilder ließen auch das Gerede von den "Milliardenwerten" verstummen. Die Gurlitt-Sammlung ist vor allem bedeutend als Dokumentation expressionistischer Grafik, sie enthält einige wertvolle impressionistische Gemälde, deren Herkunft  zweifelhaft  ist, ein paar alte Meister, zudem Stücke aus Familienbesitz. Realistischerweise ist von einem zweistelligen Millionenbetrag als Wert auszugehen. Außerdem, so die Kritiker des Spektakels, war ein moralisches Urteil über Gurlitt erst nach einer genauen Prüfung der Bilder zu fällen.

Halb gedrängt, halb die Gelegenheit zur Profilierung nutzend, reagierte auch die Bundespolitik in Gestalt der Kulturbeau ragten: Der zweite Akt in diesem Drama hob mit der Berufung der sogenannten "Taskforce" an. Hinter dem martialischen Namen verbarg sich ein mit 16 internationalen Experten und 30 Helfern besetztes Gremium, das aufgerufen war, die Provenienzen zu erforschen. Der Sammler, herzkrank und psychisch labil, gab währenddessen den Kontakt zur Außenwelt auf, verschanzte sich in seiner Schwabinger Wohnung und wurde irgendwann von einer vorwitzigen Spiegel-Reporterin aufgestöbert, die tagelang vor dem Haus gelauert hatte.

Eine bizarre Lektion in Sachen Behördenwillkür

Bei Wilhelm Lachnits Aquarell "Mädchen am Tisch" von 1923 ist nachgewiesen, dass es dem jüdischen Anwalt Fritz Salo Glaser gehörte, der es 1929 in Dresden ausstellte. Wie kam es in die Sammlung Gurlitt? Gurlitt und Glaser kannten sich, einen Kaufnachweis gibt es nicht. © Mick Vincenz/Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Nach einem Jahr wird das Spiel um Gurlitt unwürdig. Vertraute haben Angst um den Alten, der unter Betreuung gestellt wird und danach gar nicht mehr Herr der Dinge ist, die um ihn herum passieren. Im Februar 2014 dann eine weitere Sensation: Das Salzburger Domizil Gurlitts, ein kleines Häuschen, das er seit vielen Jahren nicht mehr besucht hatte, wird geöffnet. Unter Bergen von Müll und Essensresten lagern Gemälde von Monet, Picasso, Cézanne, feucht, teils verschimmelt. Irgendwo im Haus dann noch weitere Bilder, insgesamt 303, ebenfalls zur Sammlung gehörend. Und wieder gibt es einen Aufschrei in der Öffentlichkeit, während das Unerklärliche und die moralische Zwiespältigkeit des Falles nun einem jedem aufstoßen muss, das menschliche Elend, die Hilflosigkeit, die sich in solchen Verhältnissen offenbart. Es scharen sich mittlerweile Betreuer, Rechts- und Medienberater um den Sammler, auch die Verwandtschaft meldet sich zu Wort, sie alle verfolgen ihre eigenen Interessen. Der alte Mann muss sich einer Herzoperation unterziehen, am 6. Mai 2014 stirbt er. Zuvor hatte er sich verpflichtet, mit den Erben restitutionsbefangener Werke aus seiner Sammlung einen fairen Ausgleich zu suchen. Dafür erhielt er seinen Besitz zurück, aber zu einer tatsächlichen Rückerstattung kam es nicht mehr.

Es war das Schicksal des Cornelius Gurlitt, dass er sein gesamtes Leben lang nichts als ein Sohn blieb und sich nie aus dem Schatten des Übervaters hervorwagte. Der Sammlung fügte er nichts hinzu, sie blieb das Werk des Hildebrand Gurlitt. Dieser war, aus Dresdener Gelehrtenhause stammend, Museumsdirektor in Zwickau und Hamburg gewesen, hatte sich sehr für die künstlerische Moderne eingesetzt und wurde von den Nazis aus beiden Ämtern gedrängt. Als Kunsthändler wider Willen erlebte Gurlitt senior schließlich mit, wie deutsche Museen ihre "entartete Kunst" aussonderten. Er gehörte zu jenen Händlern, die sich um den Auftrag bemühten, die missliebige Avantgarde ins Ausland zu verscherbeln. Aber er kaufte auch für sich und verlässliche Sammler, die dem Expressionismus treu blieben, auch unter der Naziherrschaft. Auf diese Weise rettete er viele Blätter. Zugleich nutzte er in Einzelfällen die Notlage von verkaufswilligen jüdischen Auswanderern, die im Land der "Nürnberger Gesetze" für sich keine Zukunft  sahen.

Erst 1943 wird Hildebrand Gurlitt endgültig zum Täter, das heißt zum Mitwirkenden am größten organisierten Kunstraub aller Zeiten. Denn mitten im Krieg bietet man ihm den ebenso lukrativen wie sicheren Posten des Chefeinkäufers für das "Führermuseum" in Linz an. Damit kann er sich nach Herzenslust am Raubgut bedienen, das die Wehrmacht in ganz Europa stiehlt und in Paris auf den Markt wirft. Gurlitt greift zu, sichert sich vermutlich einige der Impressionisten, die später als aus jüdischem Besitz stammend identifiziert wurden, schafft  für die Nazis Kunstwerke in Mengen nach Berlin und wird ein wohlhabender Mann. Bereits im Sommer 1944 endet der Spuk, als die Alliierten nach Paris vorrücken. Als alles vorbei ist, kann er sich vor den Amerikanern erfolgreich als Mitläufer und frühes Naziopfer ausgeben. Konfiszierte Teile seiner Sammlung erhält er 1950 von der Militärverwaltung zurück. Er taucht als unbescholtener Malereiexperte im Nachkriegsdeutschland wieder auf und wird Leiter des Düsseldorfer Kunstvereins. Sein Handel läuft nebenher weiter. Es ist interessant, dass er in jener Zeit seine Sammlung keineswegs versteckt. Er zeigt sie vielmehr bereitwillig, schickt sie sogar in die USA. Niemand fragt nach der Herkunft seiner Bilder, niemanden interessiert, dass er Verbrechen begangen hatte. Nachdem er 1956 bei einem Unfall ums Leben kommt, sorgt seine Frau dafür, dass der lebensuntüchtige Sohn Cornelius in den Besitz des Schatzes gelangt. Nun beginnt die lange Phase der Verborgenheit. Die Sammlung Gurlitt verschwindet aus der Öffentlichkeit, wird behütet und beschwiegen – bis sie fast 50 Jahre später durch Zufall wieder an die Oberfläche gelangt.

Dieser 1.566 Positionen umfassende Bestand sollte ab Februar 2014 von der Taskforce auf seine unbedenklichen und auf seine toxischen Teile untersucht werden. Am Ende wird die Taskforce einen Abschlussbericht vorlegen, der unverhofft  ein differenziertes Licht auf die Gurlitt-Sammlung zu werfen zwingt: Am Anfang standen etwa 500 Positionen unter Raubkunstverdacht. Davon konnten die Experten die Herkunft  von gerade mal fünf bis zur Restitution klären. Bilder von Liebermann, Matisse, Pissarro und Menzel wurden bislang den Erben zurückgegeben. Das Resultat erfüllte die hohen Erwartungen nicht. Bislang 464 Werke erwiesen sich insgesamt als unbedenklich, für ein großes Konvolut erhalten sich Verdachtsmomente, ohne dass die genaue Besitzgeschichte aufgeklärt werden kann.

Cornelius Gurlitt war weder ein Nazi-Dämon, noch war seine Sammlung durchweg zusammengestohlen wie jene von Hermann Göring. Es drohte eine Blamage für die Behörden und die politisch Verantwortlichen – allerdings hatte da bereits der dritte Akt des Dramas begonnen, und er brachte Entlastung: Zur Überraschung sämtlicher Beteiligten setzte Gurlitt als Alleinerben seines Vermögens das Berner Kunstmuseum ein. Die ihn kannten, versicherten, er habe nicht einmal eine besondere Neigung für die Schweiz gehegt, er sei jedoch auf seinen Fahrten zu Kornfeld gerne hinterher noch durchs Berner Museum  flaniert. Er mochte es, und so hat manches in diesem Schauspiel auch eine einfache Erklärung.

Da der Sammler nun tot war und das Problem ins Ausland ging, musste der bayerische Justizskandal, der die Angelegenheit auch war, nicht zum Thema werden. Wieder senkte sich Schweigen über die Gurlitt-Sammlung, diesmal ein politisches. Es wäre vermutlich die Pflicht der Kulturbeauftragten gewesen, alles zu tun, um dieses Monument deutscher (Kunst-)Geschichte im Lande zu halten, um es sachgerecht zu erforschen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Gute inmitten dieser Geheimniskrämerei: Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg wurde unter dem Eindruck des Falles üppig mit Bundesmitteln ausgestattet. Seither genießt die Provenienzforschung die Bedeutung, die ihr zusteht.

Die Bundesrepublik erfuhr im Zuge der Gurlitt-Affäre eine Menge über sich. Sie musste sich eingestehen, dass sie das Raubkunstthema zu lange kleingeredet oder ignoriert hatte, als Problem der öffentlichen Kunstsammlungen und als privatrechtliches. Sie lernte eine bizarre Lektion in Sachen Behördenwillkür, sie sah die Grenzen politischer Einflussmöglichkeiten und machte interessante Beobachtungen über Hemmungslosigkeit und Gier ihrer Medien. Trotzdem kam die Affäre zur rechten Zeit. Vergangenheitspolitisch wirkte sie wie ein Katalysator. Nicht länger kann die Auseinandersetzung mit der Shoah auf Augenzeugen und Überlebende zurückgreifen, aber mit Gurlitt rückte der Kunstraub der Nazis in die Aufmerksamkeit: das mit ihm verbundene Unrecht, die Demütigungen und brutal erzwungenen Erinnerungsverluste der Betroffenen. An dieser Stelle gab und gibt es tatsächlich noch einiges zu regeln.

Am Schluss folgte ein weiterer Akt, eher ein kurioses Nachspiel: Mit dem Argument, Cornelius Gurlitt sei kurz vor seinem Tode nicht mehr zurechnungsfähig gewesen, ließ, als sich die Aktendeckel schon zu schließen begannen, eine Cousine das Testament anfechten. Ein letztes Mal flackerte der Fall durch die Medien. Die Gerichte gaben der Familie allerdings kein Recht. Gurlitts Wille gilt: Eine große deutsche, mit Makeln behaftete und dennoch in mehr als einer Hinsicht hochbedeutsame Kunstsammlung geht endgültig ins Ausland. 

Dieser Artikel stammt aus der Weltkunst, Heft Nr. 134/2017.