Es ist ein Dilemma: Zwischen seinem Berliner Studio im Bezirk Lichtenberg und seiner aktuellen Soloshow in der Ausstellungshalle des Asia Culture Center im südkoreanischen Gwangju liegen 8331,88 Kilometer. Wenn der Künstler Tomás Saraceno diese Strecke möglichst schnell bewältigen will, werden auf dem Hin- und Rückflug vom Berliner Flughafen Tegel nach Seoul knapp fünf Tonnen Kohlendioxid erzeugt. Von Seoul bis nach Gwangju sind es noch 330 Kilometer, die Saraceno glücklicherweise mit der umweltfreundlicheren Bahn bestreiten kann.

Dabei hat der 1973 geborenen Argentinier eigentlich ganz andere Vorstellungen von Mobilität. Ginge es nach ihm, sollte die Menschheit zukünftig vollständig auf den Verbrauch fossiler Brennstoffe verzichten und sich auf nachhaltige Alternativen der Fortbewegung konzentrieren. "Aerocene" lautet der Titel seines interdisziplinären Kunstprojekts, das sich als offene Plattform zur experimentellen Erforschung alternativer Lebensräume und Transportmittel in der Luft versteht. Der Titel knüpft an den Begriff des Anthropozäns an, einer Definition unseres Erdzeitalters, in dem der Mensch als wichtigster biologischer Faktor Einfluss auf das Ökosystem nimmt. Durch den Abbau natürlicher Ressourcen, steigende Emissionen, Klimawandel und Artensterben werden unsere langfristigen Lebensgrundlagen auf diesem Planeten zerstört. Das Aerozän möchte in der Gestaltung menschlicher Lebensform einen neuen Fokus setzen, denn das Zeitalter der Lüfte steht für eine nachhaltige Zukunft – für eine Art Wiedergutmachung am Planeten Erde.

Dass die Verwirklichung von Saracenos Vision einer umweltfreundlichen Luftfahrt in gar nicht weiter Ferne liegen könnte, beweist er im Rahmen seiner Ausstellung in Gwangju. Auf dem Vorplatz des Kulturzentrums präsentiert der Künstler zur Eröffnung das "Aerocene Explorer Kit". Der große Rucksack enthält sämtliche notwendigen Utensilien, um den Himmel mit einer Ballonskulptur aus wetterfestem Ripstop-Gewebe zu erkunden, die ganz ohne fossile Brennstoffe auskommt. Die Gesetze der Thermodynamik machen es möglich, dass der Ballon schwebt. "Es ist so einfach und unkompliziert", betont der Künstler, für den Flug sind lediglich Luft und Sonnenwärme vonnöten. Mit allerlei Messgeräten in einer kleinen Plastikflasche zeichnet der Explorer relevante Informationen zu Luftdruck, -qualität, -feuchtigkeit, Temperatur auf und macht darüber hinaus Videoaufnahmen seiner Umwelt. Schon laufen Saracenos Assistenten über den Platz und beginnen, den Explorer mit Luft zu befüllen, wodurch sich das filigrane¬ Gebilde vor den Augen der Zuschauer eindrucksvoll entfaltet. Nach zwei Minuten schwebt das halb transparente Flugobjekt, befestigt an einem Nylonseil, sanft über dem Boden.

Tomás Saraceno in seinem Studio in Berlin-Lichtenberg, wo er seine planetengleichen Ballons entwickelt. Die riesigen, leuchtenden Kugeln sind Teil einer Installation, die derzeit im Asia Culture Center im südkoreanischen Gwangju zu sehen ist. © Christoph Neumann

Das Projekt ist auf eine hierarchielose Partizipation ausgelegt: Auf der Website www.aerocene.org kann sich jeder Aerophile ein Kit ausleihen oder mithilfe einer Anleitung seine eigene Ausführung zusammenbauen. Auch die gewünschte Flugroute lässt sich bereits mithilfe eines entsprechenden Tools, das die natürlichen Luftströme für die Kalkulation nutzt, auf der Internetseite genau berechnen. Im Moment aber dürfen die Prototypen gemäß den Luftverkehrsgesetzen nur unbemannt und angeleint über dem Boden schweben. Auch die Steuerung des Flugobjekts wirft noch einige Fragen auf. Die Messungen, die Saraceno mit Wissenschaftlern unternahm, kalkulierten beispielsweise für einen Flug von Paris nach Boston etwa zwölf Tage, wobei vorausgesetzt ist, dass sich weder der Wind dreht noch eine Veränderung der Flughöhe stattfindet. Das Open-Source-Projekt ist auch eine Einladung zum Einbringen von Wissen und Ideen.

Erste Erfolge konnte Saraceno bereits verbuchen: 2015 gelang es dem Kollektiv, in der Wüste von White Sands in New Mexico einen Weltrekord aufzustellen, bei dem sie ein bemanntes Flugobjekt achtmal hintereinander zwei Stunden über dem Boden schweben ließen. Im Juli schaffte ein Tandemballon, der zuvor für einen Freiflug behördlich autorisiert wurde, die 420 Kilometer lange Strecke von Berlin bis nach Łączno im östlichen Polen.

Dieser Artikel stammt aus Weltkunst Heft Nr. 133/2017 © Weltkunst Verlag

Das "Aerocene"-Projekt basiert auf Tomás Saracenos früherem künstlerischen Konzept frei schwebender modularer Städte, die keinen festen Standort mehr benötigen. Die Grenzen von Nationen hält er ebenso für überholt wie die Trennung von unterschiedlichen Fachrichtungen. Nach einem Studium der Kunst und Architektur in Buenos Aires kam er 2001 nach Deutschland und studierte an der Städelschule in Frankfurt bei Thomas Bayrle und Ben van Berkel. Im Sommer 2009 nahm er am International Space Studies Program im Ames Research Center der NASA im Silicon Valley teil und präsentierte anschließend auf der 53. Venedig Biennale eine monumentale Installation, die vielen Besuchern im Gedächtnis blieb. Ein Netzwerk aus schwarzen Seilen erstreckte sich durch einen großen Saal des Palazzo delle Esposizioni, das an natürliche Mikrostrukturen erinnerte.

Ausgezeichnet wurde die Arbeit mit dem renommierten Calder Preis. Darüber hinaus wurde Saraceno für eine Residency ans MIT Center for Art, ¬Science and Technology in Cambridge, Massachusetts, geladen. Seine Kooperationen mit Luft- und Raumfahrtingenieuren, Architekten und Naturwissenschaftlern halfen bei der Umsetzung seiner Vision einer fliegenden Zivilisation.

Die zentrale Inspirationsquelle seiner künstlerischen Utopie waren stets Naturphänomene. So konnte er Kenntnisse über die Oberflächenspannung von Seifenblasen oder den Aufbau von Spinnennetzen in seine architektonischen Modelle integrieren. Dabei übten insbesondere die zeichnerischen Entwürfe urbaner Utopien von Architekten wie Frei Otto und Yona Friedman einen starken Einfluss auf Saraceno aus. Sie setzten wichtige Impulse, aus denen er begehbare Miniaturen alternativer, nachhaltiger Lebensformen entwickelte. 2011 begeisterte er das Publikum in der Haupthalle des Berliner Museums für Gegenwart im Hamburger Bahnhof mit seiner Installation "Cloud Cities". Auf einem Netz aus Spannseilen konnten Besucher unter dem Dach in transparenten Plastikkugeln spielerisch Erfahrungen mit einem Leben über dem Boden machen.