Die Malerin Jeanne Mammen fand ihre Motive im urbanen Leben, die Berlinische Galerie widmet ihr bis zum 15. Januar 2018 eine Retrospektive. © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Repro: © Kai-Annett Becke

Es war die Zeit des Jazz, des Foxtrotts, der Tiller Girls. Es ist das Geburtsjahr der Comedian Harmonists. Und vor allem: das Jahr des Übergangs vom Stummfilm zum Tonfilm. Und die Jahrhundertflut des Mississippi im April gebar den populären Blues.

Und wie roch das Jahr 1927? Nach Boxring. (Max Schmeling wird Europameister). Nach Amerika. Nach französischen Parfums, nach Straßenkampf, nach Gin. Aber nicht mehr nach Pferden. (Der letzte Postwagen mit Zugpferden war gerade abgeschafft).

Wie hoch war das Tempo im Jahr 1927? Auf Anschlag. Wenn "Beschleunigung", wie Hartmut Rosa sagt, das Grundthema der Moderne ist, dann fühlt sich die Welt im Jahre 1927 maximal beschleunigt an. Die wichtigsten Zeitungen erscheinen zwei-, dreimal am Tag, die Post kommt morgens und abends, der Quelle-Versand wird gegründet, die Rohrpost jagt durch die Stadt, man kann erstmals direkt nach New York telefonieren, in den Kaufhäusern in der Leipziger Straße und an den U-Bahn-Stationen werden Rolltreppen montiert, durch die Lüftungsschächte der ganzen Stadt hört man das Rattern der Untergrundbahnen, oben die Autos, die Straßenbahnen, die Menschen, alles vorwärtsrennend, als ob es kein Morgen gäbe. Das Sechstagerennen im Sportpalast wird zum wirkungsmächtigen Symbol: gebannte Geschwindigkeit, die sich um sich selbst dreht, von den Massen und der Boheme bestaunt. Klar auch, dass in diesem Jahr ein neuer Geschwindigkeitsweltrekord für Rennwagen aufgestellt wird. Und Clärenore Stinnes bricht am 25. Mai 1927 in einem Adler Standard 6 auf, um als erster Mensch die ganze Erde im Auto zu umrunden (lustig übrigens, wer, während die Stinnes und ihr Mann Carl-Axel ­Söderström durch Sibirien und Amerika gurkten, so alles 1927 geboren wurde, auch wenn das nicht hierhergehört: Hans-Dietrich Genscher, Martin Walser, Harry Belafonte, Joachim Fuchsberger, Günter Grass, Papst Benedikt alias ­Joseph Ratzinger, Gina Lollobrigida, Klammer zu).

Und was geschah kulturell 1927? Unerhört viel. Es sind all die Namen, die wir heute groß nennen oder legendär, die damals eine Schaffensexplosion erleben. Vor dem Hintergrund sich zuspitzender Klassen- und Straßenkämpfe sang und tanzte Berlin, als gäbe es jene SA-Truppen nicht, die seit 1926 durch die Straßen marschierten. Die Revuestars sangen ihre Lieder, auf den Straßen pfiff man Heute Nacht oder nie, die Unterhaltungsindustrie verschlang die Stadt und ihre Menschen, als hätte nicht Goebbels in jenem Jahr 1927 zum Kampf um Berlin aufgerufen und seine Zeitung Der Angriff gegründet … Es gibt so viele Theater, Verlage, Opernhäuser und Kinos in Berlin wie nirgendwo sonst auf der Welt, die Stadt übt eine magische Anziehungskraft aus, sie vibriert, genuss- und vergnügungssüchtig.

Dieser Artikel stammt aus der "Weltkunst" Heft Nr. 136/2017

Das Jahr geht gleich gut los: Am 10. Januar 1927 hat Fritz Langs Metropolis im Berliner Ufa-Palast Premiere, ein zentraler Moment der Film- und Kulturgeschichte, seine Optik beherrscht bis heute unseren Blick auf das Berlin zwischen den Kriegen (einen Tag später wird in Hollywood übrigens erstmals der Oscar verliehen). Aber es ist eben nicht nur das Jahr von Metropolis, sondern auch, man glaubt es kaum, von Walter Ruttmanns mindestens so legendärem Film Berlin: Die Sinfonie der Großstadt. Klaus Mann und Erika Mann, die den neusachlichen Look jener Jahre in unseren Augen prägen, spielen Theater mit Gustaf Gründgens. Im Juli wird Mahagonny uraufgeführt, die erste Zusammenarbeit von Bertolt Brecht und Kurt Weill, kurz zuvor im April 1927 hatten sie sich im Restaurant Schlichter in der Ansbacher Straße kennengelernt. Ein paar Wochen später öffnet das neue Theater von Erwin Piscator seine Tore, Ernst Tollers programmatisches Premierenstück heißt Hoppla, wir leben!.

In Stuttgart eröffnet die legendäre Weißenhofsiedlung von Mies van der Rohe und den führenden Architekten des neuen Bauens. Ein Schock, eine Revolution: weiße Häuser ohne Giebel, Dachterrassen, Stahlbetonbeine und bodentiefe Fenster. Darf man das? Mercedes schaltete in diesem Jahr eine umwerfende Werbeanzeige: Eine junge Frau in einem sportlichen Kostüm lehnt an ihrem neuen Mercedes, im Hintergrund sieht man Le Corbusiers Villa aus der Weißenhofsiedlung, sie ist offenbar auf dem Weg zum Tennis oder zum Tanzen, auf jeden Fall ist sie auf dem Weg in die Moderne. Leider wurde dieser Moderne dann 1933 der Benzinhahn zugedreht. Aber 1927, da gab es diese hellen Träume von einer besseren Zukunft, Alfred Döblin schreibt an Berlin Alexanderplatz, es erscheinen Hermann Hesses Steppenwolf, Franz Kafkas Amerika und Martin Heideggers Sein und Zeit. Noch Fragen?

Ja, eine: Wie sah es eigentlich aus, dieses Jahr 1927, in der Kunst, wir sind hier schließlich in einem Kunstmagazin? Genau so, wie wir uns heute die Goldenen Zwanzigerjahre vorstellen. Also: unglaublich modern, modernistisch, sehr kühl, sehr kühn. Es ist die Hochzeit der "Neuen Sachlichkeit". Kein Wunder, dass in diesem Jahr der Pionier der Selbstoptimierung, der Münchner Gustav Großmann seine methodische Anleitung zur Selbstverwirklichung veröffentlichte: Lebenserfolg ist erlernbar. Na ja. Man kann es zumindest versuchen.