Kunstmessen sind die letzten schillernden Verkaufsarenen der Gegenwart. Laut dem Art Market Report, den die Schweizer Kunstmesse Art Basel zusammen mit der UBS Bank erstmals dieses Jahr veröffentlicht hat, sind sie der zweitwichtigste Verkaufskanal für zeitgenössische Kunst. Kunsthändler machen 41 Prozent ihres Jahresumsatzes auf internationalen Kunstmessen.

Ana Ofak ist freie Autorin. Seit ihrer Promotion in Kultur- und Medienwissenschaft an der Bauhaus-Universität in Weimar wechselt sie zwischen akademischen und journalistischen Institutionen. Ihre Texte erschienen u.a. bei "e-flux", "Art Agenda", "Witte de With" und "Zeitschrift für Medienwissenschaft". Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © M. Ofak

Art Basel Miami Beach, die verruchte kleine Schwester der Art Basel, hat einen Löwenanteil daran. Entsprechend voll bepackt sind die dortigen Messestände. Über 250 internationale Galerien bieten dieses Jahr wieder Kunstwerke im Wert von Hunderten von Millionen von Dollar zum Kauf an. "Zeitgenössische Kunst gehört in eine Zeit, in der alles geht und nichts mehr geht, eine Zeit der stagnierenden Eskalation, von serieller Neuheit als Sackgasse", schreibt treffend die Künstlerin Hito Steyerl in ihrem Buch Duty Free Art (2017). Art Basel Miami Beach ist der Ort dieser Zeit. Zeitgenössische Kunst, die dort gezeigt wird, soll nicht schlicht verkauft werden. Viel mehr geht es um spekulativen Wertzuwachs und Diversifizierung. All dies ist für das generelle Messepublikum mindestens so schwer fassbar wie der Handel mit Kryptowährungen. Die dort gezeigte zeitgenössische Kunst wird nur in Form eines Selfies in den Besitz der Besucher übergehen.

Am ersten Messetag folge auch ich diesem Pfad der digital verwertbaren Trophäen. Er führt mich zum kürzlich wiedereröffneten The Bass, einem staatlichen Museum, dessen Budget durch private Stifter kräftig aufgebessert wird. Dort und nicht auf der Messe befindet sich das meistfotografierte Werk der Art Basel Miami Beach 2017. Das Vokabular der Einsamkeit (vocabulary of solitude, 2014-2016) ist eine Großinstallation des Schweizer Künstlers Ugo Rondinone. Sie ist im Hauptausstellungssaal zu sehen. Eingebettet in das Spektrum der Sonnenuntergangsverläufe posieren dort Clowns in voller Montur. Besucher hampeln dazwischen herum und schießen Selfies.

Die Logik des Kapitals

Der Schabernack hat lediglich einen, dafür aber entscheidenden Berührungspunkt mit Bertolt Brechts Clowns: die Verdrossenheit mit der Gegenwart. In der skandalträchtigen Erstaufführung von Brechts Das Badener Lehrstück vom Einverständnis 1929 amputierten zwei Clowns mit einer Säge nach und nach ihrem Kollegen die Extremitäten, um letzten Endes auch seinen Kopf rollen zu lassen. Ihm, Herrn Schmitt, fehlte der Fortschrittsglaube. Rondinone, einem selbst erklärten Kritiker "schillernder Objekte", geht diese Art Sarkasmus vollkommen ab. Stattdessen überzieht in seinem Werk ein dicker Sirup aus Pantone-Farben die Gebrechen der Gegenwart. Rondinones Clowns schauen gelangweilt zu, wie die Logik des Kapitals sich zuerst durch die Museen frisst und dann ihre Überbleibsel gewinnbringend auf den Messen verwertet. 

Denn Rondinone ist überall. Direkt nach dem Betreten der Art Basel Miami Beach begegne ich ihm wieder. Der gigantische Messestand der Schweizer Galerie Eva Presenhuber ist ausschließlich mit seinen Skulpturen bestückt. Ein solches Überlappen institutioneller und kommerzieller Ausstellungen steigert nicht nur den Marktwert, sondern auch das Kulturkapital der jeweiligen Kunstwerke. Im Fall von Presenhuber bewährte sich das Kalkül. Der gesamte Messestand war bereits am zweiten Tag ausverkauft. Und als am Tag darauf der Kunstkritiker Jason Farago in der New York Times darüber berichtete, die schale Metapher eines vom Kunstmessezirkus ermüdeten Clowns bemühend, schließt sich die Wertschöpfungskette.

Diese Logik unverkrampft zu unterlaufen und sich gleichzeitig erfolgreich auf einer Kunstmesse zu positionieren, ist die größte Herausforderung für mittelgroße und junge Galerien und ihre Künstlerinnen und Künstler. Der Galerie Tanya Leighton aus Berlin ist dies gelungen. Ihr Messestand in der Nova-Sektion der Art Basel Miami Beach war buchstäblich ein Kracher. Der Künstler Sanya Kantarovsky und der Designer George McCracken haben zusammen ein Post-Pop-Ensemble aus Aquarellen, Hemden und Jacken zusammengestellt. Die sich in diesen Medien unendlich wiederholenden Muster (Infinitely Repeating Pattern, 2017) zeigen Konterfeis alternder weißer Männer verwickelt in autoerotische Strangulation oder Flagellation im Kaktusfeld. Es wird nach Luft geschnappt. Das Blut spritzt umher.