Le Corbusier war nie zimperlich, wenn es darum ging, ganze Städte radikal umzuplanen. Südamerikas Kapitalen, Inbegriff urbanen Wildwuchses mit all seinen katastrophalen Folgen, waren ein ideales Experimentierfeld für den Architekten, der wie kein Zweiter das 20. Jahrhundert prägte. Im Jahr 1929 reiste er nach Argentinien und Brasilien und entwarf mit kühnen Strichen, wie er sich Buenos Aires, Montevideo, Rio de Janeiro und São Paulo als Städte der Zukunft vorstellte. Seine Vorschläge waren visionär, aber auch erschreckend martialisch. Staudammhohe Riegel aus Häusern und Hochstraßen sollten Ordnung ins Chaos bringen und Raum für die demografische Explosion schaffen.

Jetzt hängen die rasch hingeworfenen Originalskizzen zu Buenos Aires, entliehen aus der Fondation Le Corbusier in Paris, im Getty Center in Los Angeles, das auch so ein unregulierter Moloch ist. In der Ausstellung geht es um die Entwicklung der lateinamerikanischen Großstädte von 1830 bis 1930. Wie stets bei Getty hat man gleich grundlegend investiert und seit Jahren die Stadtpläne, Fotos und Dokumente für das Kunstarchiv in den erdbebensicheren Katakomben angekauft. In Wissen und qualitätvolle Artekfakte kann man nicht genug investieren, das versteht man bei Getty unter Nachhaltigkeit.

Wie eine verheißungsvoll strahlende Trutzburg thront das 1997 eröffnete Kunstzentrum mit seinem Riesenbudget über der Vier-Millionen-Metropole – hell und transparent, Monument einer generösen Kulturpolitik, die in den USA vom Staat nicht zu erwarten ist. Kunst für alle, und dies auf höchstem Niveau, der Eintritt ist gratis, und in den paradiesischen Bedingungen des Research Institute können eingeladene Kunstwissenschaftler aus der ganzen Welt nach Belieben arbeiten. Alles ganz im Sinn des 1976 gestorbenen Öl-Tycoons J. Paul Getty.

Nachdem gemäß den Vorlieben des Mäzens anfänglich die europäische Kunst seit der Antike im Mittelpunkt stand, agiert die Stiftung seit Jahren global und engagiert sich auch sehr für Lateinamerika. Los Angeles, das man vom Getty Center so grandios überblicken kann, ist ohnehin längst eine hispanische Stadt. Von den 13,3 Millionen Einwohnern in der Metropolregion sind 45 Prozent lateinamerikanischer Abstammung. Bald werden die Latinos – oder Chicanos, so ihre Selbstbezeichnung aus den kämpferischen Sechzigern – die Mehrheit stellen. Was das für das Kunstleben bedeutet, ist das zentrale Thema des gewaltigen Ausstellungsfestivals Pacific Standard Time: LA/LA, für das das Getty die Museumswelt des gesamten Großraums mobilisiert hat. Schon einmal, 2011, organisierte die Stiftung ein ähnliches Festival, damals zur Kunst von Los Angeles seit 1945. Der große Erfolg hat das Nachfolgeprojekt noch ambitionierter werden lassen.

Dieser Artikel stammt aus Weltkunst Heft Nr. 1/2018

Werke aus fast allen Ländern Mittel- und Südamerikas, Latino-Kunst in Los Angeles, mehr als 1.000 Künstler, Exponate vom ersten Jahrtausend vor Christus bis in die Gegenwart, über 80 Ausstellungen in 70 Institutionen bis nach San Diego und Palm Springs, rund 60 Publikationen und 100 Performances, Konzerte und andere Sonderveranstaltungen: Solch ein Kulturangebot gab es noch nie. Dass die Ausstellungen mit ihren innovativen, oft noch nie bearbeiteten Themen wissenschaftlich so gut vorbereitet wurden, verdankt sich ebenfalls der Getty Foundation, die mit 16 Millionen Dollar die Erforschung von 50 Projekten in Museen und anderen Kunstinstitutionen förderte.

Amerika, du hast es besser? Gewiss nicht, und schon gar nicht seit der letzten Präsidentenwahl. Wo man hinkommt im Anti-Trump-Staat Kalifornien, schallt es einem entgegen, wie wichtig ein solcher Blick auf Lateinamerika und vor allem auf die Latinos in der US-Gesellschaft sei. "Los Angeles will lieber Brücken als Mauern bauen", verkündete James Cuno, der Präsident des J. Paul ­Getty Trust zur Eröffnung des Festivals. Und Michael Govan, der Direktor des Los Angeles County Museum of Art dem größten Haus an der Westküste, rief kämpferisch aus: "Wir reißen die Mauern ein." Die Hispanics sind hier fester Bestandteil des Lebens und auch der Wirtschaft. Daran halten alle fest.

Es gibt auch einen deutschen Anteil an diesem Riesenprojekt: Der Berliner Kunsthistoriker Thomas Gaehtgens, mittlerweile 77 und wie eh und je vor Energie sprühend, leitet seit zehn Jahren das Getty Research Institute. Dadurch wirkte er maßgeblich an der wissenschaftlichen Förderung des Großprojekts mit. Und seine Mitarbeiterin Kim Richter, ebenfalls aus Deutschland und Expertin für präkolumbische Kunst, bereitete gemeinsam mit dem New Yorker Metropolitan Museum die spektakuläre Ausstellung Golden Kingdoms auf dem Getty-Hügel vor.

Wechselspiel von Design, Architektur und Wohnstil

Schon diese Schau lässt sich programmatisch verstehen, denn sie führt auf allerhöchstem Niveau die verfeinerte Lebensart der frühen Hochkulturen von Peru bis Mexiko vor. Die unterlegte Botschaft: Bevor die Europäer ihre Kultur brachten, haben sie erst mal eine höchst raffinierte Kunstblüte ausradiert. Schon im zweiten vorchristlichen Jahrtausend wurde in den Anden Gold abgebaut und verarbeitet. Metall wurde nicht zuerst für Waffen, sondern für Kultobjekte benutzt. Die Techniken und auch die kostbaren Materialien Jade, Türkis, gewisse Muschelschalen und seltene Federn breiteten sich bis nach Mexiko aus. Den luxuriösen Artefakten wies man übersinnliche Kraft und göttliche Aura zu, und vor den magisch in dunklen Sälen präsentierten Objekten begreift man, dass Luxus im alten Amerika eine ganz andere Rolle spielte als in Europa. Die Spanier zerstörten die letzten großen Imperien der Azteken und Inka. Die herrlichen Objekte der Ausstellung führen vor Augen, was einmal war, aber es sind die kläglichen Reste. Das ist die große Katastrophe und kulturelle Last, die das mittlere und südliche Amerika mit sich herumtragen.

Dies im Hinterkopf, schaut man schon ganz anders auf die abstrakt-konkreten Bilder, die von Brasilien bis Venezuela, von Argentinien bis Mexiko in den Fünfziger- und Sechzigerjahren unter dem Einfluss der europäischen Avantgarde entstanden. Die Bewegung wird in einer weiteren Getty-Schau gezeigt. Es war eine Aufbruchszeit, in der Süd- und Mittelamerika von einer Industrialisierungswelle erfasst wurde. Kühne Architektur und abstrakte Kunst, die mit Lygia Clark, Hélio Oiticica oder Jesús Rafael Soto eigenständige Ansätze hervorbrachte, sollten dem Glauben an eine bessere Zukunft zu den adäquaten Formen einer tropischen Moderne verhelfen. Wie sich die Realität auf dem Kontinent entwickelte, führt die benachbarte Ausstellung zur argentinischen Fotografie von 1950 bis 2010 vor. In eindrucksvollen, oft drastischen Bildern erlebt man hier ein Land zwischen Glanz und Elend, zwischen fatalem kolonialen Erbe und einer Modernisierung, die Argentinien 2001 in einer katastrophalen Wirtschaftskrise abstürzen ließ.

Damit ist ein Rahmen abgesteckt, worum es in Pacific Standard Time geht, und die Fahrt kann losgehen – über einen ganzen Kontinent, der sich jetzt in 80 Ausstellungen in der südkalifornischen Megalopolis verdichtet. Eine Vorbedingung gibt es: Ohne Auto kann man sich in Los Angeles nicht fortbewegen, man braucht also einen Mietwagen. Aber zum Glück steht man nicht ­immer im Stau, sondern kann die endlose Stadtlandschaft zwischen Pazifik und Downtown, zwischen Hollywood und Pasadena oder auf dem Weg nach Santa Barbara, Pomona oder Long Beach an sich vorbei ziehen lassen. Meist sieht man nur einförmige niedrige Häuser, doch überall spielt sich etwas Interessantes ab, ein ganz eigenes Kino läuft bei der Fahrt durch Los Angeles vor einem ab. Dazu gehören die prachtvollen Villen in Bel Air oder Beverly Hills ebenso wie die allgegenwärtigen Werbe-Billboards auf den Dächern oder die exotischen Communitys in Little Teheran oder Little Tokyo. Und immer wieder kommt man durch Viertel, wo das Meiste auf Spanisch geschrieben ist.

In den Ausstellungen spielt natürlich die lange Kolonialzeit Lateinamerikas eine Rolle. So zeigt die Huntington Library in Pasadena mit den Naturdarstellungen von Kolumbus bis Darwin, wie die Europäer sich den Kontinent erschlossen haben. Das LACMA schwelgt im mexikanischen Barock, während das Laguna Art Museum eine Bildergeschichte auftut, um den Übergang Kaliforniens vom mexikanischen Randland zum 31. Staat der USA nachzuvollziehen.

Sehr originell und ein Höhepunkt von Pacific Standard Time ist die große LACMA-Schau Found in Translation. Sie zeigt mit einer Fülle von Werken, die so noch nie zu sehen waren, das Wechselspiel von Design, Architektur und Wohnstil in Mexiko und Kalifornien. Nach 1900 kam auf beiden Seiten der Grenze das Revival eines spanischen Kolonialstils in Mode. Ihre Blüte erlebte diese Bewegung in den Zwanzigern und Dreißigern, als sich die Schauspieler von Hollywood Pseudo-Haziendas errichten ließen. Auch die präkolumbische Kunst diente als Stilelement, das ging von Keramikskulpturen über eine selbst gestaltete Maya-Kette, die Frida Kahlo der Hollywood-Schauspielerin Paulette Goddard schenkte, bis zum exaltierten "Rathskeller" der Aztec Brewing Company in San Diego. Seit den Dreißigern, mehr noch nach 1945, entwickelte sich Südkalifornien zum Zentrum einer lichten, transparenten Moderne. Zunehmend griffen nun reiche Auftraggeber in Mexiko diesen neuen Lebensstil auf. So ging es über die Jahrzehnte hin und her, auch dies eines der Gegenbilder zu Trumps Abschottungswahn.

Zum Eldorado luftiger Häuser wurde in den Fünfzigern und Sechzigern der Wüstenort Palm Springs, Erholungsrefugium nicht nur für Filmstars. Die Mid-Century-Bauten werden liebevoll gepflegt, und das lokale Museum liefert einen passenden Beitrag zum Lateinamerika-Schwerpunkt, indem es den Schweizer Architekten Albert Frey, der den Ort seit den Dreißigern mit seinen lichten Häusern prägte, der geistesverwandten Brasilianerin Lina Bo Bardi gegenüberstellt.

Wer die Fahrt nach Palm Springs antritt, sollte auf keinen Fall das spektakuläre Anwesen Sunnylands im benachbarten Rancho Mirage versäumen. Der Pressezar Walter Annenberg (1908–2002) und seine 2009 verstorbene Frau Leonore ließen es sich in den Sixties als Winterdomizil errichten, delektierten sich an ihrem privaten Golfplatz, empfingen hier Präsidenten und sogar Queen Elizabeth. Seit 2012 ist das Areal öffentlich. Man kann das Haus mit der ursprünglichen Einrichtung besichtigen und über die Kunstsammlung staunen, die freilich nur in Kopien an der Wand hängt – die Originale von Monet, Cézanne, van Gogh oder Gauguin hängen längst im Metropolitan Museum in New York. Im Besucherzentrum erinnert eine Ausstellung an die hauseigene Geschichte zur Kunst Lateinamerikas: Die Annenbergs ließen sich 1967 von José und Tomás Chávez in Sunnylands einen Brunnen im Maya-Stil nachbauen, den diese erstmals in Mexiko-Stadt ausgeführt hatten.

Nie wieder zuerst an Hollywood denken

Das Einmalige an dem Ausstellungsfestival sind die vielen Künstler, die noch nie in Europa und oft auch nicht in den Vereinigten Staaten zu sehen waren. Wer kennt schon die entscheidenden Akteure in Guatemala seit den Sechzigern? Wer weiß Bescheid über die Beziehungen zwischen Japanern und Chinesen zu den lateinamerikanischen Szenen? Oder wer ist bewandert bei der Copyart, die zwischen 1970 und 1990 in Brasilien florierte? Eindrucksvoll führt das Fowler Museum vor, wie das Schicksal der millionenfach verschleppten Sklaven oder die religiösen Riten von Candomblé Salvador als Zentrum der afrobrasilianischen Kultur prägten. Und eine Pionierleistung hat auch das rührige Museum of Latin American Art (MOLAA) in Long Beach vollbracht: Zum ersten Mal sind hier in einer groß ausgreifenden Präsentation die heutigen Künstler der Karibik versammelt. Die Inselstaaten spielen eine Sonderrolle in Lateinamerika und haben ganz eigene Identitäten wie Probleme.

Einiges Aufsehen hat der Überblick "Radical Women" im Hammer Museum erregt, mit Werken von 100 Künstlerinnen aus 15 lateinamerikanischen Ländern, die von den Sechzigern bis in die Achtziger gegen Militärdiktaturen, Machomänner und traditionelle Rollenbilder opponierten. Die stark körperbezogenen und konzeptuellen Ansätze haben viele Überschneidungen mit den europäisch-nordamerikanischen Szenen. Es wird Zeit, dass die Kunstgeschichte umgeschrieben wird und die Brasilianerin Teresinha Soares, die Argentinierin Liliana Maresca oder Sonia Gutiérrez aus Kolumbien den Stellenwert erhalten, der ihnen gebührt.

So streift man auf der Fahrt durch die Stadt zugleich kreuz und quer durch das südliche Amerika. Aber Pacific Standard Time ist auch eine intensive Selbstbespiegelung, denn L.A. legt sich hier Rechenschaft darüber ab, wie die Latinos beziehungsweise Chicanos die Kunst mitgestalteten. Das geht bis zu einer spannenden Ausstellung über Underground-Gruppen schwuler mexikanischstämmiger Künstler in den Siebzigern und Achtzigern.

Ein tragisches Schicksal hatte Martín Ramírez, der 1925 von Mexiko nach Kalifornien kam. In der Wirtschaftskrise landete er ohne Arbeit und Englischkenntnisse auf der Straße, wurde aufgegriffen, vorschnell als schizophren diagnostiziert und von 1931 bis zu seinem Tod 1963 in die Psychiatrie weggesperrt. In den Vierzigern erkannte ein kunstverständiger Arzt den Wert seiner Zeichnungen. Es sind berührende Zeugnisse der Isolation, der mexikanischen Identität, der Ängste und Sehnsüchte. Die Blätter aus ornamentalen Linien, beklemmenden Räumen, Riesentrompeten von Reitern, die sich verzweifelt Gehör verschaffen wollen, sind eine Offenbarung, und die Ausstellung im Insti­tute of Contemporary Art in Downtown L.A. untermauert Ramírez' Bedeutung als großer Outsider-Künstler des 20. Jahrhunderts.

In mehreren Ausstellungen geht es um die Wandbilder in der mexikanischen Tradition, mit denen Chicano-Künstler seit den Sechzigern überall in der Stadt ihre kulturelle Identität demonstrierten. Die öffentlichen Malereien thematisierten die Probleme und Lebensbedingungen der Einwanderer. Es ist eine Kunst, die sich mit eingängigen, realistischen Bildern für jeden verständlich macht. Das gilt auch für die Siebdrucke und Objekt­assemblagen des Latino-Kunstzentrums Self Help Graphics & Art, das 1974 den Día de los Muertos mit seinem fröhlich-karnevalesken Totengedenken erstmals in den USA veranstaltete; von East Los Angeles verbreitete sich der populäre Feiertag über das ganze Land. Doch auch im engeren Kunstkontext formulierten Chicanos selbstbewusst eine eigene ästhetische Sprache, mit der sie ihre Identität als Amerikaner hispanischer Herkunft zum Thema machten. Zu ihnen gehören Gilbert "Magu" Luján, der irgendwo zwischen Volkstümlichkeit, Comic und Pop-Art ein Fantasiereich aus Azteken und US-Alltag ansiedelte, oder der neoexpressive Carlos Almaraz mit seinen glutvollen Stadtbildern.

Beide haben sich mittlerweile fest in die Kunstgeschichte Kaliforniens eingeschrieben, doch viele weitere hispanische Künstler, die das Geschehen dort prägten, sind auf der Fahrt durch die Stadt zu entdecken. Wer dieses Ausstellungsfeuerwerk erlebt hat, wird nie wieder zuerst an Hollywood denken, wenn es um Los Angeles geht.

Dieser Artikel stammt aus der Weltkunst Heft Nr. 1/2018