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Wer die jüngsten Nachrichten aus der Kunstwelt verfolgt hat, mag durchaus der Meinung sein, "dass man um die Kunstfreiheit fürchten muss", wie Hanno Rauterberg kürzlich in der ZEIT schrieb. Die meisten dieser Nachrichten kommen aus New York. Im Frühling veranlasste die Künstlerin Hannah Black einen Protest gegen die Ausstellung des Gemäldes Open Casket (2016) von Dana Schutz während der Whitney-Biennale. Es zeigt die verstümmelte Leiche von Emmett Till, eines schwarzen Jugendlichen, dessen grausamer Mord im Jahr 1955 zur Formierung der Bürgerrechtsbewegung beitrug. Black warf Schutz, einer weißen Malerin, vor, dass sie sich Inhalte afroamerikanischer Kultur zu eigen mache und schwarzes Leid ausbeute.

Im Sommer wurde dann das New Yorker Guggenheim-Museum zum Ziel von Protesten, weil es verschiedene Werke ausstellte, die Grausamkeit gegen Tiere enthalten. In Sun Yuans und Peng Yus Video Dogs That Cannot Touch Each Other (2003) sieht man acht zähnefletschende Pitbulls, die über entgegengesetzte Laufbänder aufeinander zu hetzen und sich zerfetzen wollen. Anfang Dezember schließlich forderte die New Yorker Unternehmerin Mia Merrill das Metropolitan Museum dazu auf, das Gemälde Thérèse Dreaming (1938) des französischen Malers Balthus aus seiner Dauerausstellung zu entfernen oder es zumindest mit einem neuen Begleittext zu versehen. Mehr als 11.000 Menschen unterzeichneten ihre Petition, in der sie behauptet, Balthus’ Gemälde objektiviere Frauen und romantisiere die Sexualisierung von Kindern. Die Tatsache, dass das Museum das Gemälde zeige, ohne auf solche Probleme auch nur hinzuweisen, rechtfertige eine solche Sexualisierung, ja verherrliche sie sogar.

Ein Vermächtnis von Unterdrückung

Seitdem wurden viele Stimmen laut, die solche Proteste verurteilen und die Museen dafür loben, sich von ihnen nicht beeinflussen zu lassen – oder sie, im Fall des Guggenheims, das die strittigen Hundevideos schließlich doch zurückzog, für ihre Nachgiebigkeit kritisieren. Aufrufen zur Zensur, ganz gleich, woher sie kommen, sollte man immer misstrauisch begegnen. Aber es lohnt sich, zu differenzieren. In den genannten Fällen ist der Ruf nach einer Beschränkung der Kunst nicht Ausdruck von Intoleranz, Hass oder Prüderie. Er wird von Protestierenden erhoben, die das Vermächtnis von Sexismus, Rassismus und andere Formen von Ungerechtigkeit in der Kunst thematisieren wollen. Dass ein solches Vermächtnis besteht, wird kaum jemand bestreiten können. Bisher hat die Kunstszene wenig dafür getan, es aufzuarbeiten oder die ihm zugrunde liegenden Ungerechtigkeiten zu korrigieren.

Genauso misstrauisch sollte man deshalb werden, wenn ein Aufruf zur Entfernung von Kunstwerken, der zugleich mehr Gerechtigkeit in der Kunstwelt einfordert, pauschal beiseite gewischt wird. Besonders gilt das, wenn er nicht aus einer institutionellen Machtposition vorgebracht wurde – von Regierungen, Museen oder einflussreichen Kritikern –, sondern aus der Perspektive der Opfer: In den drei genannten Fällen sind die Protestierenden entweder marginalisierte Gruppen (Frauen oder Nichtweiße) oder sie sprechen für jene, die nicht für sich selbst sprechen können (Tiere).

Panik gegenüber Protesten, die machtlos bleiben

Mia Merrills Petition gegen Balthus' Gemälde – ein historisches, kein zeitgenössisches Kunstwerk – hat nun eine besonders heftige Reaktion hervorgerufen: "Erspart uns die moralische Hysterie, die ein neues Zeitalter der Zensur ankündigt", schrieb Rachel Cooke im Guardian. Sie kritisiert die Aufgebrachtheit der Protestierenden, doch beim ersten Blick auf ihren Artikel kann man die Überschrift auch genau umgekehrt deuten. Balthus' Gemälde ist nicht zensiert worden, das Metropolitan Museum hat die Petition mit ihren 11.000 Unterschriften rundheraus abgelehnt. Besteht die Hysterie also nicht viel eher in der Behauptung, dass einige wenige Stimmen von Minderheiten, die von Kunstinstitutionen im Großen und Ganzen ignoriert worden sind, im Begriff seien, einen kunstweltlichen Polizeistaat zu errichten? Die Medienreaktion auf Merrills Petition geben mehr Anlass zur Sorge als die vermeintliche Gefährdung des Gemäldes selbst.

Schauen wir uns den Balthus-Fall genauer an: Thérèse Blanchard, ein Lieblingsmodell des 1908 als Balthasar Klossowski geborenen französischen Künstlers, war zwölf oder dreizehn, als das Bild 1938 entstand. In Thérèse Dreaming, wie auch in anderen Gemälden und Fotografien, die Balthus von ihr anfertigte, wird das junge Mädchen als zugleich unschuldig und sexy porträtiert: Ihr Rock ist hochgerutscht, sie lehnt sich zurück, die Augen sind geschlossen und sie bemerkt, wie es scheint, den Streifen weißer Unterwäsche nicht, der zwischen ihren Beinen hervorlugt. Balthus hat bis zu seinem Tod im Jahr 2001 bestritten, dass diese und andere seiner Arbeiten etwas Sexuelles beinhalten. Nur lüsterne Betrachter könnten Derartiges in ihnen sehen, sagte er.