Eklat um Dissidenten-Schriftsteller Das eiserne Schweigen

Schon Wochen vor der Frankfurter Buchmesse war klar, dass die Partnerschaft mit China ein Balanceakt wird. Nun gerät sie zum Eiertanz. Ein Kommentar von David Hugendick

Ein kulturelles Olympia soll die Buchmesse werden, heißt es aus China. Wie im vergangenen Sommer will das Land vor allem eines: Anerkennung. Das Getöse wird enorm sein. Für fünf Millionen Euro lässt die Regierung ausgewählte Autoren nach Deutschland fliegen. Und auch fernab der logistischen Vorbereitungen wird einiges getan, um uns das Image des großen, friedlichen Kulturlands glauben zu machen. Was wir hierzulande gemeinhin Zensur nennen, heißt in Chinas kulturpolitischem Vokabular "Harmonisierung".

Brüche dürfen nicht sichtbar werden. Das Bemühen um Harmonie offenbart sich nun auch in der jüngsten Drohung, ein geplantes Symposium zu boykottieren, sollten die Schriftsteller Bei Ling und Dai Qing daran teilnehmen. Thema der Veranstaltung: "China und die Welt – Wahrnehmung und Wirklichkeit". In Frankfurt erfüllte man Chinas Wunsch, die Autoren wurden wieder ausgeladen. Und dieser vorauseilende Gehorsam macht allmählich deutlich, auf welch tönernen Füßen die diesjährige Buchmesse zu stehen scheint.

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Man wolle keinen Dialog über, sondern mit China führen, sagte Jürgen Boos, der Direktor der Messe. Deshalb müsse man diesen Kompromiss eingehen. Peter Ripken, der Leiter des Symposiums, erklärte, es gehe nicht um eine Tagung mit "Dissidenten und Sinologen". Doch wer, wenn nicht die Kritiker, könnten etwas zum Verhältnis innerchinesischer Wahrnehmung und der Wirklichkeit beitragen. In einer offiziellen Ankündigung zum Symposium heißt es, dort solle "der Ton für die Hunderte nachfolgenden Veranstaltungen" gesetzt werden.

Wehe uns, wenn das stimmt. Dann müssen wir uns auf eine Messe gefasst machen, auf der China sich ein paar Tage als Nabel der Literatur fühlen kann. Das Land wird uns seine Auflagenzahlen präsentieren, von den Tausenden Büchern erzählen, die jeden Tag gedruckt und verhökert werden. Und wir sollen bitte staunen statt zu fragen.

Obwohl man schon gerne wissen möchte, warum China den internationalen Schriftstellerverband PEN nicht anerkennt und der eigene von inhaftierten Dissidenten nichts hören will. Warum mit stählerner Ruhe bestritten wird, dass die Regierung den Schriftsteller Liu Xiabo seit Monaten festhält. Dass der weltweit bekannte Künstler Ai Weiwei staatlich verfolgt wird. Und dass der Autor Yan Lianke seiner kritischen Romane wegen keinen Verlag findet und nicht nach Frankfurt darf. Solche Fragen nach Redefreiheit und Menschenrechten sind Legion.

Jürgen Boos sagte, die Messe im Oktober sei das richtige Forum dafür. Doch die Beschwichtigungspolitik wenige Wochen vor der Eröffnung deutet in eine andere Richtung. Dass die Partnerschaft der diesjährigen Messe ein Balanceakt werden würde, haben die meisten geahnt. Nun gerät sie zum Eiertanz.

Kurz klingen die Worte von Chen Danqing wieder im Ohr. Der chinesische Lyriker bemerkte unlängst in der Süddeutschen Zeitung: "Ihr denkt immer noch, dass ihr im Dialog mit China das System ändern könnt. China ändert euch." Es ist zu hoffen, dass die Buchmesse kein Fest eisernen Schweigens wird.

 
Leser-Kommentare
  1. wir sind ein freies Land und brauchen uns vor der VRChina nicht zu ducken. Durch den Kotau vor den faschistoiden Beamten der VRChina wird die Zensur nach hierhin importiert. Das wird weder dem Reich der Mitte, noch deren Bewohnern und schon gar nicht uns gerecht.

    Wenn die Buchmesse sich weiter von den VRChinesen drücken lässt, wird die Messe doch einen deutlichen Schaden nehmen.

  2. war ich, als ich las, was da los ist auf der Buchmesse. Man hätte den wohl größten Erfolg gefeiert, wenn man konsequent geblieben wäre und den Chinesen es überlassen hätte, ob sie kommen wollen oder nicht und auch dabei geblieben wäre, die für China unliebsamen Autoren auftreten zu lassen, hätte man den besten Erfolg gehabt, aber so???? Wofür noch eine Buchmesse, wenn die nichtmal für die Freiheit ihres Kerninhalts (den Büchern) steht. Es gäbe sicherlich genug Autoren, um den Programmplan dieser Messe zu füllen und statt einer Show Partei konformer Maulaffenautoren hätte man eine interessante Vielfalt an wahrheitsbemühten Schreiben erhalten, die doch ansich nicht weniger chinesisch sind oder???

    Liebe Verantwortlichen bei der Buchmesse; Sie sind Verräter!!!!!!!!!!

    [Anm.: Bitte bemuehen Sie sich um einen sachlichen Diskussionston. Danke. /Die Redaktion pt.]

    • Maglor
    • 11.09.2009 um 0:30 Uhr

    Ich sehe durchaus berechtigte Kritik an den politischen Zuständen in China. Leider machen es sich aber viele Kritiker zu einfach und nehmen sich weder die Zeit noch die Arbeit auf sich sich mit dem Thema ernsthaft zu beschäftigen. Es ist leicht seine eigene Sicht auf die Welt (Freiheit, Menschenrechte, Demokratie) als unabänderliche Diskussiongrundlage einzufordern, um dann ohne Rücksicht auf jegliche kulturellen Unterschiede öffentliche Kritik auszuüben. Die Art und Weise wie mancher Kritiker von der moralischen Gipfelposition erst sein Gegenüber beleidigt und sich dann noch besser als Hüter der Wahrheit aufspielt. Dies zeigt wie wenig Einblick so mancher Kommentator in das Wertesystem und die Grundprinzipien dieser fremden Kultur besitzt.

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    Wenn Sie die VRChina und ihre Gesetz- und Regelwerke sowie ihre zynischen Unterdrückungsmechanismen als "fremde Kultur" betrachten, deren Wertesystem und Grundprinzipien nicht erkannt werden, dann sollten Sie folgendes bedenken.
    Der Kommunismus oder besser dessen marktwirtschaftliche, faschistoide Ausprägung, die wir in China sehen, haben mit dem Land nichts zu tun. Das eine ist eine aus Deutschland stammende Idee, das zweite eine angloamerikanische Entwicklung.
    Die VRChina hat vielleicht beides perfektioniert, dies ist aber kein kultureller Zugewinn, nichts Eigenständiges.

    Wenn Sie die VRChina und ihre Gesetz- und Regelwerke sowie ihre zynischen Unterdrückungsmechanismen als "fremde Kultur" betrachten, deren Wertesystem und Grundprinzipien nicht erkannt werden, dann sollten Sie folgendes bedenken.
    Der Kommunismus oder besser dessen marktwirtschaftliche, faschistoide Ausprägung, die wir in China sehen, haben mit dem Land nichts zu tun. Das eine ist eine aus Deutschland stammende Idee, das zweite eine angloamerikanische Entwicklung.
    Die VRChina hat vielleicht beides perfektioniert, dies ist aber kein kultureller Zugewinn, nichts Eigenständiges.

    • kasimi
    • 11.09.2009 um 1:19 Uhr

    Vielleicht sollte man die Buchmesse nach Leipzig verlegen, dort war man vor der Wende sehr offen und demokratisch gesinnt. Aussedem gibt es dort genuegend Strategen der Linken Partei, die das Ganze dann absegnen koennten.

  3. Es ist auch leicht seine, übrigens lange erkämpften, Freiheiten zu verleugnen! Wir leben, Gott sei Dank, in einer Demokratie mit gesetzlich garantierter Meinungsfreihit! Diese hohe Gut wollen Sie ernsthaft gegen "kulturelle Unterschiede" stellen? Dann bedenken Sie leider nicht, das China keine homogene Volksgruppe ist! Hier werden Minderheiten verfolgt und es ist nicht einzusehen, dass wir unsere Werte, hier Meinungsfreiheit, nicht erkennen und verteidigen!
    Bei uns gibt es eine Öffentlichkeit und die ist demokratisch an den Grundwerten interessiert und verpflichtet.
    Es ist nicht einzusehen, warum sich dann "unsere" Buchmesse diesen Werten verweigern soll! Die Rücksicht auf scheinbare "kulturelle Unterschiede" ist nicht legitim und kann, gerade in Deutschland, nicht Maxime unseres Handelns sein!

    Unsere Rechte (sie haben sie abfällig benannt) wie Freiheit, Menschenrechte usw. sind unsere Identität und wenn wenn China dies nicht akzeptieren will, dann ist es eben kein geeignetes Partnerland.

    VIELE AUTOREN SCHREIBEN ÜBER MENSCHENRECHTE UND DEMOKRATIE ODER HABEN DIES ALS ZIEL ERKOREN! DANN BOYKOTTIEREN SIE DOCH ENDLICH AUCH EINMAL DIE BUCHMESSE, WENN DIESE UNSERE GRUNDWERTE NICHT SCHÄTZT UND SICH "DUCKT" VOR DEM VERMEINTLICHEN MARKT CHINA! WERTE AUTOREN WEHRT EUCH! SONST SIND EURE GESCHICHTEN UND WORTE NUR HÜLSEN OHNE PRAKTISCHE RELEVANZ. DIE LESER WERDEN ES VERSTEHEN UND ES SCHÄTZEN!

    Es gibt Unterschiede aber es gibt auch die Verletzung elementarer Menschenrechte!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • ziyou
    • 11.09.2009 um 7:19 Uhr

    Zitat"Hier werden Minderheiten verfolgt "
    Sie haben keine Ahnung von China!
    Sie mögen an manchen Kritikpunkten Recht haben. Aber Sie sind von der dt. Medien so "beeinflusst" worden, dass Sie alles was sie schreiben und "berichten" für Wahrheit halten.
    Propaganda in DE wie in China. Kaum Unterschied.

    fast der einziger dt.Reporter, der wagte, die Wahrheit über5.7.09. zu schreiben
    http://www.taz.de/1/wahrh...

    http://community.zeit.de/...

    • Maglor
    • 11.09.2009 um 9:16 Uhr

    Ich will mich versuchen klarer auszudrücken. Es geht mir nicht um die Tatsache das die Zustände in anderen Ländern kritikwürdig sind. Es geht mir um die Selbstverständlichkeit mit der man sich hinstellen kann und eigene Ansichten als Grundvorraussetzung deklarieren. Mir geht es nicht darum das kritisiert wird, sondern das dies - auch im öffentlichen Raum (und dazu zähle ich Zeitungsartikel ebenso wie Kommentare dazu) - ohne Rücksicht darauf getan wird das die Dinge die wir für selbstverständlich halten überall zu gelten haben und überall richtig zu sein haben. Dieser universalisitsche Anspruch ist es den ich zu einfach finde.

    • ziyou
    • 11.09.2009 um 7:19 Uhr

    Zitat"Hier werden Minderheiten verfolgt "
    Sie haben keine Ahnung von China!
    Sie mögen an manchen Kritikpunkten Recht haben. Aber Sie sind von der dt. Medien so "beeinflusst" worden, dass Sie alles was sie schreiben und "berichten" für Wahrheit halten.
    Propaganda in DE wie in China. Kaum Unterschied.

    fast der einziger dt.Reporter, der wagte, die Wahrheit über5.7.09. zu schreiben
    http://www.taz.de/1/wahrh...

    http://community.zeit.de/...

    • Maglor
    • 11.09.2009 um 9:16 Uhr

    Ich will mich versuchen klarer auszudrücken. Es geht mir nicht um die Tatsache das die Zustände in anderen Ländern kritikwürdig sind. Es geht mir um die Selbstverständlichkeit mit der man sich hinstellen kann und eigene Ansichten als Grundvorraussetzung deklarieren. Mir geht es nicht darum das kritisiert wird, sondern das dies - auch im öffentlichen Raum (und dazu zähle ich Zeitungsartikel ebenso wie Kommentare dazu) - ohne Rücksicht darauf getan wird das die Dinge die wir für selbstverständlich halten überall zu gelten haben und überall richtig zu sein haben. Dieser universalisitsche Anspruch ist es den ich zu einfach finde.

  4. verleugnet Voltaire, Kant, Rousseau, Diderot und alle die, die 1848 und im Dritten Reich um ihre Freiheit und ihr Leben fürchten mussten, weil sie für die Menschenrechte, für freie Rede und selbstbestimmtes Leben aufgetreten sind.
    diese Veranstaltung kann jeder freiheitsliebende, zivilisierte Mensch nur boycottieren. Oder wir gehen hin und schauen uns an, was so wird, hier, wenn wir Schäuble&Co gewähren lassen.

    Grosse Staatsliteratur, garantiert kritikbefreit. Wer's mag...

  5. Vielleicht sollte man für die Zeit der Buchmesse (zumindest in Frankfurt) versuchsweise das deutsche Recht suspendieren und durch die fortschrittlicheren chinesischen Gesetze und Verordnungen ersetzen. Und wenn sich diese bewähren, könnte man über eine Beibehaltung diskutieren (natürlich nur im Rahmen dieser Gesetze und Verordnungen, also klar geregelt).

  6. Wieder einmal zeigt sich, dass letztendlich die wirtschaftlichen Interessen in der Ranking-Liste immer noch auf Platz 1 stehen. Es ist beschämend, mitansehen zu müssen wie ein Land gefüllt mit freien, intelligenten und nicht hungernden Menschen dieser Versuchung des schnöden Mammons nicht widerstehen kann. Schade um die vertane Chance.

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