ZEIT ONLINE: Herr Peters, in ihrem Roman Mitsukos Restaurant spielt die Faszination, die von der japanischen Kultur ausgeht, eine große Rolle. Was ist es, was uns an Japan so fasziniert?

Christoph Peters: Die japanischen Künste sind von ähnlichen Formvorstellungen geprägt, wie sie dann auch für die europäische Moderne charakteristisch wurden: Einerseits gibt es äußerste Strenge, Beherrschtheit, Konstruktion und andererseits spontan-gestische, expressive Elemente. In Japan hat sich das aus der Verschränkung von zen-buddhistischer Härte und Klarheit mit einer fast archaischen Naturverehrung entwickelt. Beides hat während des 20. Jahrhunderts im Westen großen Widerhall gefunden.

ZEIT ONLINE: Wie sieht das konkret aus?

Peters: Wenn man zum Beispiel eine alte Teeschale, deren Glasur ganz frei organisch verläuft, in so einen streng geometrisch gestalteten Teeraum stellt, entfaltet sie in dieser asketischen Umgebung eine urwüchsige Lebendigkeit wie ein Naturobjekt. Sie beginnt zu leuchten, scheint zu atmen. Da ist diese Klarheit, aber es bleibt etwas Geheimnisvolles, eine Ahnung des Unerklärlichen. Diese Kombination ist es, glaube ich, die Japan für uns Europäer extrem faszinierend macht.

ZEIT ONLINE: Jetzt einmal abgesehen von der Ästhetik, hat die Faszination vielleicht auch etwas mit der westlichen Sehnsucht nach der Sicherheit einer fest gefügten Ordnung zu tun?

Peters: Ich glaube, auf bestimmte Leute hat das eine sehr stark anziehende Wirkung, wobei die im frühen 20. Jahrhundert stärker ausgeprägt war. Die enge Verbindung zwischen Nazi-Deutschland und dem japanischen Kaiserreich weist sicher in diese Richtung. Mir scheint, dass heutzutage viele Leute das damit verbundene Entindividualisierte, Reglementierte, das Hierarchische, das Pedantische ausklammern. Wenn sie eine Kalligraphie sehen, die ein Meister spontan aufs Papier gesetzt hat, dann wollen sie nicht wissen, dass der mit acht Jahren angefangen hat, Tusche zu reiben, dann Pinsel waschen durfte und dieses Zeichen über zwanzig Jahre lang immer wieder geübt und geübt hat, bis er irgendwann infolge dieser unerbittlichen Trainingsmethoden in der Lage war, solch ein Zeichen ganz spontan zu setzen.

ZEIT ONLINE: Können wir etwas von der japanischen Kultur lernen?