Sein Name  steht auf der schwarzen Liste der Zensoren. Seine Geschichten brachten ihn ins chinesische Gefängnis. Er bekam ein Veröffentlichungsverbot. Dennoch bleibt Liao Yiwu in seinem Heimatland, flieht nicht ins Exil. Er will und kann nur in China arbeiten, nur dort findet er seine Geschichten über Menschen am gesellschaftlichen Bodensatz, seine Geschichten über das wahre China jenseits der glitzernden Glaspaläste in Shanghai oder der monumentalen Wucht inszenierter Volksfeiern in Peking.

Diktaturen fürchten die Wahrheit stets am meisten. Und geben sie sich nach außen auch noch so fortschrittlich und präsentieren sich als moderner Olympia-Gastgeber, wenn ein Autor wie Liao Yiwu über die Prostituierte Fräulein Hallo, eine Falun-Gong-Anhängerin oder den gefolterten buddhistischen Mönch schreibt, wenn er Geschichten zu Papier bringt, die Unrecht, Folter, Korruption und die Gier der Kader offenlegen, dann wird er zum Staatsfeind.

Seine Geschichten aus den Innereien einer modernen Diktatur erscheinen zum Ärger des chinesischen Regimes im Ausland. Das konnte Peking nicht verhindern, doch dass Liao Yiwu im Ausland auftritt, Journalisten trifft und Öffentlichkeit bekommt, das unterbindet die Regierung mit einem Ausreiseverbot für ihren Kritiker. Liao Yiwus Manuskripte mussten aus dem Land heraus geschmuggelt werden.

Sein Buch Fräulein Hallo und der Bauernkaiser ist eine Sammlung von 29 Interviews, die der 50-Jährige aus Gesprächen mit gesellschaftlichen Außenseitern destilliert hat. Der Frage-Antwort-Rhythmus auf 540 Seiten könnte den Leser schnell ermüden, doch Liao Yiwu schreibt in einem wunderbar feinen, ganz eigenen Ton:

Liao Yiwu: "Ihr habt ziemliches Heimweh nach früher, nach den alten Bekannten."

Zhou Minggui: "Ja, das habe ich. Ich habe selbst noch einen Klärwagen gezogen, alle haben mich ehrerbietig mit 'Meister' angesprochen, keiner kam sich als etwas Besseres vor. Früher, da wurden nachts die Fäkalien noch gestohlen! Oft haben die Diensthabenden vom Einwohnerkomitee so einen gefasst, eingesperrt und sein Fahrzeug beschlagnahmt. Damals hatte keiner einen Begriff von Wirtschaft, es gab keine Geldbußen, aber man musste Selbstkritiken schreiben. In der Kulturrevolution zitierten die Exkrementenräuber durchweg aus der Mao-Bibel die 'notwendige Kritik am Revisionismus' (...)"

Hier spricht der Literat mit dem Klomann aus dem Rotlichtviertel. Sie sprechen auf Augenhöhe, schließlich gehen auch Kaiser und Intellektuelle zur Toilette, wie der Alte betont. Er versteckt sich in seinem Toilettenhaus vor der chinesischen Wirklichkeit im neuen Jahrtausend. Er hat den großen Sprung nach vorn nicht mitgemacht, er trauert den alten Zeiten hinterher, als alles einfacher, geordneter war. Der Klomann will nichts wissen von den Amüsierläden in seiner Nachbarschaft, in denen blutjunge Sängerinnen nicht nur singen.