Lyrik im Netz

Wo Poeten laut werden

Eine kleine, lebendige Szene: Im Internet hat Lyrik großen Raum – für Texte, Ton und Streit. Ein Gang durch die virtuelle Dichterszene. Von Stefan Mesch

Egal, wo und egal, vor wem – die Lyrikszene hat etwas zu sagen

Egal, wo und egal, vor wem – die Lyrikszene hat etwas zu sagen

Das Buch ist klein, dick und hellblau. Auf dem Cover sind runde, einladende Luftpolster und den Plastikumschlag kann man einfach abwischen: Lyrik von Jetzt. 74 Stimmen erschien 2003. Herausgegeben von zwei Dichtern der jüngeren Generation, Björn Kuhligk und Jan Wagner, bot es den ersten großen Querschnitt zur Lyrik im neuen Jahrtausend.

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Ein Querschnitt, so attraktiv gestaltet, dass das Buch schnell auf WG-Küchentischen und auf Studenten-Toiletten landete, neben Michael Moore und der aktuellen Neon. Lyrik von Jetzt ist ein Accessoire mit mächtiger Signalwirkung: Das Buch behauptet eine junge, lebendige, etwas studentische Szene für deutschsprachige Poesie. Und das Schöne ist: Das stimmt.

Diese Szene musste nicht erst von einem Verlag oder dem Feuilleton künstlich ins Leben getrommelt werden. Denn immer dieselben 80, 90 Poeten zwischen Ende 20 und Ende 40 treffen sich auf immer denselben Lesungen und Dichtertagen. Sie diskutieren in denselben Foren und veröffentlichen in befreundeten Zeitschriften und Verlagen. Die junge Lyrik-Szene, das sind ein paar wenige Dutzend meinungsstarker, umtriebiger Zausel: Mit drei von ihnen am selben Tisch liegen die Chancen gut, dass zwei sich kennen. Oft streiten Lyriker, als hätten sie schon Jahre in benachbarten WG-Zimmern herumgesessen. Oder im selben kleinen, engen Boot.

Ein guter Punkt, um in die Untiefen der Lyrik-Debatten und Grabenkämpfe zu tauchen, ist lyrikkritik.de: Der Lyriker, Kritiker und Übersetzer Hendrik Jackson sammelt Essays und Rezensionen, stellt Neuentdeckungen vor und betreibt anspruchsvollen Lobbyismus für Kleinverlage und widerständige Stimmen. Auch, wenn man erst einmal nur die Hälfte versteht und oft hart geurteilt wird – das Lesen macht großen Spaß. In einem anderen Leben wäre Hendrik Jackson wohl Zinnsoldatensammler oder Perry-Rhodan-Fan geworden – überall im Internet trumpft er mit Verbesserungen und Kommentaren auf. Jeder Streit wird von ihm auf den Kopf gestellt.

Ein zweiter wichtiger Knotenpunkt sind kookbooks und Urs Engeler Editor, die beiden wichtigsten Kleinverlage für junge deutschsprachige Lyrik, sowie die jungen Literaturzeitschriften, auf deren Poetik-Seiten oft Lyriker am allermeisten zu sagen haben: Prosa-Schreiber ziehen häufig harte Grenzen. Sie orientieren sich eher an Filmen, Klassikern oder ausländischer Literatur und haben oft keine Ahnung vom Werk ihrer Kollegen: Junge deutsche Schreiber haben oft nichts Kluges über andere junge deutsche Schreiber zu sagen und arbeiten in eigenen, unreflektierten Blasen. Lyriker dagegen kennen sich.

Sie lesen sich, sie streiten sich und sie verstehen sich: Sie haben ein gemeinsames Vokabular, sie debattieren und kennen sich aus: Die Essays von Monika Rinck, die Entdeckungen von Ron Winkler oder die Zwischenrufe und rotzigen Gegenfragen von Ann Cotten bringen mehr Neues in die deutschsprachige Literatur als die oft traurig isolierten Wortmeldungen der Prosa-Fraktion. Deshalb muss man auch keine Gedichte mögen, um Lyriker spannend zu finden: Sie sind die Leute, die am meisten zu sagen haben.

"Moderne Lyrik will schwer sein", erklärte der Moderator Stephan Porombka auf dem Poesiefestival Berlin über die "sperrige Schönheit der Lyrik": ",Das Gedicht will es dem Leser schwer machen, doch diese protestantische Idee der Arbeit am Gedicht als Arbeit an uns selbst versperrt uns die Sicht. Denn in der Lyrik passiert gerade etwas Neues: Noch die schwierigsten Texte werden auf Lesungen von Leuten genossen, denen man im Buchladen wahrscheinlich keinen Lyrikband andrehen könnte.", Lyrik, sagt Porombka, wird gesehen und gehört. "Gelesen wird sie nicht!"

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Leser-Kommentare

    • 17.09.2009 um 13:10 Uhr
    • hagego

    Als in diesem Blatte die Steilwand der Zeit noch erklimmbar war, konnte man - vom Gipfel aus - auch hier ein paar Poeten mit Format erkennen: lyriost nenne ich mal als ein leuchtendes Beispiel.

    Mir gefällt einfach, dass durch die lyrische Verdichtung auch mit 1500 Zeichen das gesagt werden kann, was ansonsten nur ein relativ langer Leitartikel erreicht.

    In Internet-Foren können junge und übrigens auch ältere Lyriker mit einer durchaus akzeptablen Resonanz rechnen. Wenn sie denn originell, provokant und zeitgemäß schreiben. Ob sie davon leben können, steht oft auf einem anderen Blatt. Aber viele Lyriker, Lästerer und Verbalkomiker haben ja seit eh und jeh ganz ausgefallene Hobbies: Taxi fahren, Zeitungen austragen, Nachtwachen übernehmen und Pförtner vertreten.

    Auf der Online-Ebene werden Lyriker von wenigen bejubelt, von vielen nicht beachtet und von manchen schief angesehen. "Treffend gesagt, aber bitte, mir geht es hier wirklich um eine ernsthafte politische Auseinandersetzung!" So nett. Aber bitte kein Sonett...

    Und trotzdem habe ich mir vorgenommen: Ich bleibe unserer Zeit auf den Versen. Wie anders sollte ich mich auch sonst der Globalisierung in den Weg stellen?

    • 17.09.2009 um 14:06 Uhr
    • hagego

    ich sammle zweifel
    für die klaren fälle
    denn in der eifel
    gibt es eine stelle

    wo ich sie hinterlegen kann
    und kommt die zeit
    mal dann und wann
    steh ich bereit

    und zweifel an...

  1. Der Artikel zeigt aus meiner Sicht mangelnde Belesenheit des Redakteurs. Er verfällt auf das Altbekannte: Was preisgekrönt ist, ist gut. Zum poetenladen folgendes: Soweit ich sehe, wird er von vielen (vor allem auch renommierten) Lyrikern als eine der besten Seiten angesehen und hat im Übrigen ein wichtiges Standbein im Printbereich. „Blöd versteckt“ sei hier die Lyrik. Warum diese pennälerhafte Abfälligkeit? Der Redakteur erwartet offenbar nur Preisgekröntes (wovon sicher auch genug im poetenladen zu finden ist). Im poetenladen finde ich keinen einzigen „Amateur-Autor“. Vor einigen Jahren lernte ich als Lyrikleserin Uljana Wolf und Ulrike Sandig googelnd über den Poetenladen kennen, ehe sie wirklich bekannt waren. Das eben ist ein Verdienst des poetenladens, dass er nichtinstitutionalisiert ist und auch Texte junger Lyriker bringt.

    Wenn schon der Falkner-Jackson-Streit erwähnt wird, sollte man so fair sein und darauf verweisen, dass die Debatte vom poetenladen mit angestoßen wurde. Sowohl die Huchelpreisrede Falkners als auch die Replik Falkner ist im poetenladen zu finden. Dass dies für Unübersichtlichkeit sorgt, ist sicher nur von Vorteil. Für mich ist der Artikel ein weiterer Tiefpunkt der Lyrikbetrachtung, wie sie sich die Zeit bereit mit ihrer gedruckten Beilage geleistet hat, in der sie willkürlich eine Handvoll junger Poeten ablichtete und sie mit mageren Texten vorstellt. Alles in allem: Oberflächlichkeit statt Lyrikinformation. Arme Zeit.

  2. Sie sollten als Autor des Artikels nicht unerwähnt lassen, dass Sie sich schon einmal für den poetenladen beworben haben (Ihre Bewerbungs-E-Mail und Ihr eingesandter Bewerbungs-Text "Unruhe" liegt uns vor). Unsere Redaktion hat aus qualitativen Gründen Ihre Aufnahme in den poetenladen abgelehnt. Dass Sie nun abfällig über den poetenladen schreiben, freut uns. Es zeigt, welche Qualität der poetenladen besitzt und wie unbestechlich wir sind.

    Mit lyrischen Grüßen

    Redaktion, poetenladen

    • 17.09.2009 um 20:04 Uhr
    • smesch

    Das war vor vier Jahren. Der Text war echt ziemlicher Mist. :-)

    Na ja - man tut halt, was man kann.

    Gute Grüße jedenfalls!

    STEFAN

    • 18.09.2009 um 9:19 Uhr
    • hagego

    Sehr geehrte Poetenladen-Redaktion,

    natürlich kann ich nachvollziehen, dass Sie auf diesen Kommentar nicht verzichten konnten... und wahrscheinlich auch nicht verzichten wollten.

    Jedoch: Liegen nicht zwischen dem Beruf eines Lyrikers und der Aufgabe eines Journalisten Unterschiede? Mal abgesehen davon, dass beide Fragen stellen - verklausuliert oder direkt - ist es doch die Aufgabe eines Lyrikers, wenn Sie so wollen, den Finger in die "Wunden unserer Gesellschaft" zu legen. Kritisch oder schmunzelnd. Und ein entsprechend vorgebildeter Journalist verifiziert und kritisiert gegebenenfalls diese lyrischen Fingerzeige. Ich weiß, dass meine Einlassungen sehr gekürzt und höchst unvollkommen daherkommen.

    Ich möchte auch keine sog. Gegendarstellung Ihren Zeilen gegenüber schreiben. Mir liegt nur daran, Ihre ja durchaus süffisanten Zeilen ein wenig aus der Ecke vermeintlich gekränkter Eitelkeiten zu holen.

    Ihnen weiterhin viel Erfolg - gereimt und ungereimt!

  3. Wie fast alle Beiträge zum Thema, so spricht auch dieser nur über die Lyriker und die Medien, in denen sie ihre Lyrik veröffentlichen. Über die Lyrik selbst wird aber - wieder einmal - überhaupt nicht gesprochen. Mit Ausnahme einer Anthologie wird kein Band, kein Gedicht und keine einzige Verszeile erwähnt, in der sich Neues auftut/auftun soll. Man muss sich also fragen: Sind die Lyriker und die Medien insgesamt zu stark und ist die Lyrik insgesamt zu schwach, dass sie, die Lyrik, an den Erstgenannten nicht vorbeikommt?
    Ich finde es schwach, dass sich Herr Andreas Heidtmann vom Poetenladen in seinem Kommentar hinter der Poetenladen-Redaktion versteckt und sich nicht traut, seinen (eigenen) Namen zu nennen.

  4. Zu seiner Plattform sei noch Folgendes angemerkt: Wie viele Lyriker einer Generation werden denn in einigen Jahrzehnten kanonisiert und sind dann historisch? Allenfalls zehn, in der Regel sind es aber um die fünf. Die fünf bis zehn Lyriker kann sich der Lyrik-Laie unter den vielen hundert Lyrikern im Poetenladen selbst zusammensuchen. Es ist die Suche nach der Nadel im Steckhaufen. Unter den vielen Mittelmäßigen gehen die ganz wenig Guten einfach mal unter. Das zeugt von wenig Geschmack und kritischem Urteilsvermögen seitens der Redakteure bzw. von Herrn Heidtmann selbst. Es wird einfach "alles" gut gefunden (Vorwurf: Beliebigkeit), was irgendwie mal einen (Kleinst-)Preis oder Stipendium an Land gezogen hat, um krampfhaft die eigene Zugehörigkeit zum Literaturbetrieb zur Schau zu stellen. Hauptsache der Poetenladen dokumentiert und archiviert weiter fleißig! Deutscher geht es wohl nicht.

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  • Von Stefan Mesch
  • Datum 18.9.2009 - 12:11 Uhr
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