Lyrik im Netz Wo Poeten laut werdenSeite 2/2
Wie zum Beweis hängt seit ein paar Monaten die Zukunft von Urs Engeler Editor in der Schwebe: "Es ist eine günstige Zeit, uns zu unterstützen und unsere Bücher zu kaufen und zu lesen", bittet ein trauriger Appell auf der Verlagsseite. "Ob wir fortfahren können, hängt auch von Ihrem Interesse und Ihrer Neugier ab."
Dazu passt auch, dass die beiden besten Websites für Lyrik im Netz stark auf den Ton setzen, nicht auf das Wort: Das Literarische Colloquium Berlin und das Brandenburgische Literaturbüro stellen auf literaturport.de Prosa und Lyrik mit zahlreichen Hörproben vor und das preisgekrönte Portal lyrikline.org der Literaturwerkstatt Berlin feiert in einer großen Festwoche Ende Oktober sein zehnjähriges Bestehen. Die monströs große Website sammelt die Übersetzungen und Audio-Versionen von Gedichten, oft direkt vom Verfasser eingelesen: "Sie finden auf Lyrikline über 5100 Gedichte von 570 Dichtern aus 49 Sprachen und über 6200 Übersetzungen in 47 Sprachen!", schwärmt lyrikline mit gerechtfertigtem Stolz. Drei Anspieltipps: Daniel Falb, Sabina Naef und Nora Gomringer.
Omnipräsent sind noch zwei andere Websites: Das manchmal durchwachsene "Forum der 13", in dem wechselnde, oft junge Lyriker Gedichte und Statements austauschen, und de Poetenladen, der eine Flut von arrivierten Lyrikern und Amateurdichtern, Kritikern und Prosa-Schreibern aller Altersstufen in eine egalitäre, unübersichtliche Riesen-Liste zwängt: Mit ein bisschen Geduld und Vorkenntnis lassen sich aber einige Perlen finden. Besser informieren die vielen Links im Lyrik-Weblog von Matthias Kehle.
"Langweilig: Hendrik Jackson und Gerhard Falkner kloppen sich", bloggt Kehle am 11. August und berichtet über "eine langweilige Neiddebatte über die Vergabemodalitäten des Huchel-Preises." Hendrick Jackson antwortet gleich: "Um Neid ging es in keiner Zeile, bitte lest aufmerksam." Außerdem schickt er Literaturtipps hinterher: "Schau doch schon mal in Lyrik von Jetzt, Teil 2! Oder besser noch in Ron Winklers neue Sammlung."
"Die Lyrikszene ist abartig", schreibt ein Manfred H. Freude auf einer obskuren Seite namens lyrik-gedichte.blog.de: "Wir suchen nur junge Mädchen als Talente für unsere Zeitschrift", habe ihm "ein Verleger hinter vorgehaltener Hand versichert". "Das ist der Lyrikbetrieb, so läuft das Geschäft. Da suchen die ’Lecktoren’ in Verlagen diese jungen, nackten Vögelchen und hacken mit ihren Spitzen in die jungen Leiber." Die Titelzeile von lyrik-gedichte.blog.de ist ein World of Warcraft-Bild. Der Text ist absurd. Die These auch. Aber unten, in der Kommentarspalte, regnet es Kommentare: Herbert Hindringer hat etwas zu sagen. Christian Schloyer auch. Beides sind keine Amateur-Blogger, sondern etablierte Lyriker. Das ist das Große an dieser kleinen, inzestuösen Szene: Wenn sie etwas Neues zu sagen hat, steht sie einfach auf und sagt es. Laut und klar. Egal wo. Und egal, vor wem.
- Datum 18.09.2009 - 13:11 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Als in diesem Blatte die Steilwand der Zeit noch erklimmbar war, konnte man - vom Gipfel aus - auch hier ein paar Poeten mit Format erkennen: lyriost nenne ich mal als ein leuchtendes Beispiel.
Mir gefällt einfach, dass durch die lyrische Verdichtung auch mit 1500 Zeichen das gesagt werden kann, was ansonsten nur ein relativ langer Leitartikel erreicht.
In Internet-Foren können junge und übrigens auch ältere Lyriker mit einer durchaus akzeptablen Resonanz rechnen. Wenn sie denn originell, provokant und zeitgemäß schreiben. Ob sie davon leben können, steht oft auf einem anderen Blatt. Aber viele Lyriker, Lästerer und Verbalkomiker haben ja seit eh und jeh ganz ausgefallene Hobbies: Taxi fahren, Zeitungen austragen, Nachtwachen übernehmen und Pförtner vertreten.
Auf der Online-Ebene werden Lyriker von wenigen bejubelt, von vielen nicht beachtet und von manchen schief angesehen. "Treffend gesagt, aber bitte, mir geht es hier wirklich um eine ernsthafte politische Auseinandersetzung!" So nett. Aber bitte kein Sonett...
Und trotzdem habe ich mir vorgenommen: Ich bleibe unserer Zeit auf den Versen. Wie anders sollte ich mich auch sonst der Globalisierung in den Weg stellen?
ich sammle zweifel
für die klaren fälle
denn in der eifel
gibt es eine stelle
wo ich sie hinterlegen kann
und kommt die zeit
mal dann und wann
steh ich bereit
und zweifel an...
Der Artikel zeigt aus meiner Sicht mangelnde Belesenheit des Redakteurs. Er verfällt auf das Altbekannte: Was preisgekrönt ist, ist gut. Zum poetenladen folgendes: Soweit ich sehe, wird er von vielen (vor allem auch renommierten) Lyrikern als eine der besten Seiten angesehen und hat im Übrigen ein wichtiges Standbein im Printbereich. „Blöd versteckt“ sei hier die Lyrik. Warum diese pennälerhafte Abfälligkeit? Der Redakteur erwartet offenbar nur Preisgekröntes (wovon sicher auch genug im poetenladen zu finden ist). Im poetenladen finde ich keinen einzigen „Amateur-Autor“. Vor einigen Jahren lernte ich als Lyrikleserin Uljana Wolf und Ulrike Sandig googelnd über den Poetenladen kennen, ehe sie wirklich bekannt waren. Das eben ist ein Verdienst des poetenladens, dass er nichtinstitutionalisiert ist und auch Texte junger Lyriker bringt.
Wenn schon der Falkner-Jackson-Streit erwähnt wird, sollte man so fair sein und darauf verweisen, dass die Debatte vom poetenladen mit angestoßen wurde. Sowohl die Huchelpreisrede Falkners als auch die Replik Falkner ist im poetenladen zu finden. Dass dies für Unübersichtlichkeit sorgt, ist sicher nur von Vorteil. Für mich ist der Artikel ein weiterer Tiefpunkt der Lyrikbetrachtung, wie sie sich die Zeit bereit mit ihrer gedruckten Beilage geleistet hat, in der sie willkürlich eine Handvoll junger Poeten ablichtete und sie mit mageren Texten vorstellt. Alles in allem: Oberflächlichkeit statt Lyrikinformation. Arme Zeit.
Sie sollten als Autor des Artikels nicht unerwähnt lassen, dass Sie sich schon einmal für den poetenladen beworben haben (Ihre Bewerbungs-E-Mail und Ihr eingesandter Bewerbungs-Text "Unruhe" liegt uns vor). Unsere Redaktion hat aus qualitativen Gründen Ihre Aufnahme in den poetenladen abgelehnt. Dass Sie nun abfällig über den poetenladen schreiben, freut uns. Es zeigt, welche Qualität der poetenladen besitzt und wie unbestechlich wir sind.
Mit lyrischen Grüßen
Redaktion, poetenladen
Das war vor vier Jahren. Der Text war echt ziemlicher Mist. :-)
Na ja - man tut halt, was man kann.
Gute Grüße jedenfalls!
STEFAN
Sehr geehrte Poetenladen-Redaktion,
natürlich kann ich nachvollziehen, dass Sie auf diesen Kommentar nicht verzichten konnten... und wahrscheinlich auch nicht verzichten wollten.
Jedoch: Liegen nicht zwischen dem Beruf eines Lyrikers und der Aufgabe eines Journalisten Unterschiede? Mal abgesehen davon, dass beide Fragen stellen - verklausuliert oder direkt - ist es doch die Aufgabe eines Lyrikers, wenn Sie so wollen, den Finger in die "Wunden unserer Gesellschaft" zu legen. Kritisch oder schmunzelnd. Und ein entsprechend vorgebildeter Journalist verifiziert und kritisiert gegebenenfalls diese lyrischen Fingerzeige. Ich weiß, dass meine Einlassungen sehr gekürzt und höchst unvollkommen daherkommen.
Ich möchte auch keine sog. Gegendarstellung Ihren Zeilen gegenüber schreiben. Mir liegt nur daran, Ihre ja durchaus süffisanten Zeilen ein wenig aus der Ecke vermeintlich gekränkter Eitelkeiten zu holen.
Ihnen weiterhin viel Erfolg - gereimt und ungereimt!
Wie fast alle Beiträge zum Thema, so spricht auch dieser nur über die Lyriker und die Medien, in denen sie ihre Lyrik veröffentlichen. Über die Lyrik selbst wird aber - wieder einmal - überhaupt nicht gesprochen. Mit Ausnahme einer Anthologie wird kein Band, kein Gedicht und keine einzige Verszeile erwähnt, in der sich Neues auftut/auftun soll. Man muss sich also fragen: Sind die Lyriker und die Medien insgesamt zu stark und ist die Lyrik insgesamt zu schwach, dass sie, die Lyrik, an den Erstgenannten nicht vorbeikommt?
Ich finde es schwach, dass sich Herr Andreas Heidtmann vom Poetenladen in seinem Kommentar hinter der Poetenladen-Redaktion versteckt und sich nicht traut, seinen (eigenen) Namen zu nennen.
Zu seiner Plattform sei noch Folgendes angemerkt: Wie viele Lyriker einer Generation werden denn in einigen Jahrzehnten kanonisiert und sind dann historisch? Allenfalls zehn, in der Regel sind es aber um die fünf. Die fünf bis zehn Lyriker kann sich der Lyrik-Laie unter den vielen hundert Lyrikern im Poetenladen selbst zusammensuchen. Es ist die Suche nach der Nadel im Steckhaufen. Unter den vielen Mittelmäßigen gehen die ganz wenig Guten einfach mal unter. Das zeugt von wenig Geschmack und kritischem Urteilsvermögen seitens der Redakteure bzw. von Herrn Heidtmann selbst. Es wird einfach "alles" gut gefunden (Vorwurf: Beliebigkeit), was irgendwie mal einen (Kleinst-)Preis oder Stipendium an Land gezogen hat, um krampfhaft die eigene Zugehörigkeit zum Literaturbetrieb zur Schau zu stellen. Hauptsache der Poetenladen dokumentiert und archiviert weiter fleißig! Deutscher geht es wohl nicht.
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