Roberto Bolaño Ein James Dean war er nicht

Jetzt ist Bolaños Meisterwerk "2666" auf Deutsch erschienen. Übersetzt wurde auch der Mythos um einen Autor, den es jenseits der wilden Legenden zu entdecken gibt

Roberto Bolaño im Jahr 1999. Vier Jahre später starb er an den Folgen einer Leberzirrhose

Roberto Bolaño im Jahr 1999. Vier Jahre später starb er an den Folgen einer Leberzirrhose

Roberto Bolaños Werk ist voller detektivischer Lust an der Suche nach verschollenen, abseitigen, skurrilen Schriftstellern und ihren Biografien – seien sie real oder von ihm selbst erfunden. Wer war Carlos Wieder? Wer war Cesárea Tinajero? Wer war Benno von Archimboldi?, fragen seine Romane, und erzählen uns nebenbei auch noch von der Pinochet-Diktatur in Chile oder den Frauenmorden im mexikanischen Ciudad Juárez. Auch an seiner eigenen Biografie hat der 2003 an einer Hepatitis 50-jährig verstorbene Bolaño Zeit seines Lebens mitgeschrieben: Er liebte das Spiel mit Realität und Fiktion. Bekanntestes Beispiel ist der grandiose Roman Die wilden Detektive, in dem er sein Alter Ego Arturo Belano mit seinen revoltierenden Dichterfreunden durch das Mexiko-Stadt der siebziger Jahre streifen lässt.

Es ist eine Ironie des Schicksals, die Bolaño selbst erfunden haben könnte, wenn sich seine Leser jetzt, nach Erscheinen seines großen postum erschienenem Werks 2666 in den USA, in ihren Blogs streiten, ob er seine Gefangenschaft in Chile kurz nach dem Putsch gegen Salvador Allende bloß erfunden habe. Als ob es damit noch nicht genug wäre, dichtete ihm die US-amerikanische Literaturkritik im Zuge der in den USA im vergangenen Herbst ausgebrochenen "Bolañomania" (The Economist) eine Heroinsucht an. Das kam wohl durch die Erzählung Strand (in: Exil im Niemandsland) , in der ein Ich-Erzähler, Ex-Junkie, im gleichen Ton von sich erzählt wie Bolaños Erzähler – oft "B", "Arturo Belano" oder "Roberto Bolaño" – in anderen Kurzgeschichten von Episoden berichten, die sich so oder ähnlich in Bolaños eigenem Leben zugetragen haben.

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Gerade ob dieses offensichtlichen Spiels mit der Erzählerautorität ist es atemberaubend, wie die Kritiker in Bolaños Fall Dichtung und Wahrheit durcheinanderwerfen, und damit ganz nebenbei einen Mythos fortspinnen, der sich – das immerhin wäre zu hoffen – verkaufsfördernd auswirkt. Manche der harmloseren Gerüchte um ihn hätten Bolaño sicher amüsiert – das New York Magazine meint, Bolaño sei in der Lage gewesen, 48 Stunden am Stück zu schreiben, ein anderer Kenner weiß von einer Visitenkarte, mit der sich Bolaño als "Dichter und Vagabund" auszuweisen pflegte. Das Times Literary Supplement bringt diesen verrückten Zirkus auf den Punkt: "Bolañomania may owe something to his appeal as the James Dean of literature, living fast, dying young, and leaving a beautiful corpus".

2666, das Herzstück dieses großartigen Werks, erschien erst 2004 postum: 1119 Seiten, auf denen sich Bolaños Weltruhm gründet. Bolaño erfindet darin ganz nach der Manier seines argentinischen Lehrmeisters Jorge Luis Borges Leben und Werk des verschollenen deutschen Schriftstellers Benno von Archimboldi – des wichtigsten Autors der Nachkriegsliteratur, versteht sich – um ihm vier Literaturwissenschaftler auf den Hals zu hetzen, die sich allerdings bald in erotischen Verwicklungen wiederfinden. Diesen widmen sie fortan mindestens genauso viel Energie wie der Spurensuche nach Archimboldi, die sie an die US-amerikanisch-mexikanische Grenze führt. Bis hierhin können sich Bolaños Leser vergnüglich unterhalten fühlen.

Dann aber wird der Ton dunkler, und der Erzähler verliert seine liebestrunkenen Professoren aus den Augen, um von den Frauenmorden zu erzählen, die seit 1993 um die Grenzstadt Ciudad Juárez hundertfach nicht nur unaufgeklärt blieben, sondern deren Aufklärung von den Behörden immer wieder sabotiert wurde. Bolaño wagt ein ungeheuerliches Experiment, wenn er mit forensischer Genauigkeit über hundert Leichenfunde schildert und das Grauen geradezu kartografiert: Über 350 Seiten hinweg legt er dem Leser eine Leiche nach der anderen vor. Alles ist erfunden, hat sich aber in der Wirklichkeit ganz ähnlich zugetragen – dieses Prinzip gilt schon für Bolaños Romane über die Pinochet-Diktatur, Stern in der Ferne und Chilenisches Nachtstück.

"Niemand beachtet diese Morde", sagt eine Figur in 2666, "aber in ihnen ist das Geheimnis der Welt verborgen". Bolaños Fähigkeit, eine haarsträubende Wirklichkeit zu erfinden, das Geheimnis der Welt im Geheimnis des Bösen zu suchen, hat mit der Schilderung der modernen Hölle in Ciudad Juárez ihren Höhepunkt erreicht. Der Roman steht in einer Reihe mit den großen unvollendeten Romanen des 20. Jahrhunderts: Wie im Fall von Proust und Musil wird auch dieser Text weltbekannt, aber nur von den wenigsten gelesen werden und zur Mythisierung der Autorenpersönlichkeit beitragen.

In Bolaños Fall liegt ein großes Missverständnis vor, wenn der sonst so sorgfältige Hanser Verlag Bolaños Biografie auf einer eigens zum Erscheinen des großen postumen Werks eingerichteten Webseite unter den Titel Das wilde Leben des Roberto Bolaño stellt. Nein, es ist nicht einfach nur das wilde Leben, es sind nicht die Drogen und nicht der Exzess, die diesen Autor geprägt haben. Vor allem sind es die schlecht zu vermarktenden, vielen Stunden der Lektüre und des Rückzugs – es ist Bolaños autodidaktische, hart erkämpfte Belesenheit, die ihn zu einem großen Autor gemacht hat.

Schade, dass die Erzählung Últimos atardeceres en la tierra (Letzte Abenddämmerungen auf Erden) nicht auf Deutsch vorliegt, ist sie doch Bolaños einziger Text, der, warmherzig und unerschrocken, von einem desaströsen Vater-Sohn-Verhältnis erzählt. Auch Jaime Quezada, ein Freund der Familie Bolaño, berichtet davon (in: Bolaño antes de Bolaño, Bolaño vor Bolaño). Man muss sich diesen Kontrast einmal vor Augen führen: Léon Bolaño, ein Lebemann, Amateurboxer im Halbschwergewicht, dem der schmale, fast mager wirkende, ewig rauchende und spottende Sohn mit seinen langen Haaren und seiner Poesie als Jugendlicher in Mexiko, aber auch Zeit seines Lebens gegenüberstand. Da ist der fast noch junge Mann im spanischen Exil, der sehr allein in den Außenbezirken von Girona lebt – Sensini, eine der besten Kurzgeschichten Bolaños, ist dieser Zeit gewidmet.

Und da ist der schon erfolgreiche Autor, der mit der Diagnose um eine schwere Leberkrankheit leben muss und gegen die verrinnende Zeit an seinem Roman 2666 schreibt, dessen Korrekturen er nicht mehr abschließen kann, bevor er im Sommer 2003, auf eine Lebertransplantation wartend, in Barcelona stirbt. Der allzu einfache Schluss vom Werk auf die Biografie, der sich in die Formulierung vom "wilden Leben" eingeschrieben hat, führt bei Bolaños deutschem Verlag auch zu dem Fehlschluss, Bolaño habe seinen Schauplatz für 2666 im Norden Mexikos aus eigener Anschauung schon durch die Arbeit an Die wilden Detektive gekannt. Das ist nicht richtig: Er ist in der Grenzregion um Ciudad Juárez nie gewesen, sondern hat, zurückgezogen in seinem Haus im spanischen Blanes, so minutiös recherchiert, wie es nur jemand tun kann, der sich die allermeiste Zeit von der Welt zurückzieht.
 

 
Leser-Kommentare
  1. Dieses Buch besteht aus drei Teilen von unterschiedlicher Art und Qualität. Der erste Teil (wie oben berichtet) beschäftigt sich hauptsächlich mit den Liebesbeziehungen von vier Literaturprofessoren verschiedener Nationalität, die sich auf einen fiktiven zeitgenössischen deutschen Schriftsteller mit dem seltsamen Pseudonym Benno von Archimboldi spezialisiert hatten. Dieser Teil hat psychologische Schärfe und Tiefe und spielt in einem Milieu das Bolaño offenbar vertraut war.

    Der zweite Teil handelt von einer erschreckenden Serie von Frauenmorden in Mexiko, die streckenweise dokumentarisch dargestellt werden. Wie autentisch diese Darstellung ist
    kann ich nicht beurteilen -- jedenfalls hat sie mir starke, rätselhafte Eindrücke hinterlassen.

    Vom dritten Teil kann ich sa nicht sagen. Er behandelt Persönlichkeit und Leben des Archimboldi und spielt vornehmlich im Vorkriegsdeutschland und im Russlandfeldzug -- eine Welt, die Bolñano nicht bekannt sein konnte, da er einer jüngeren Zeit und anderen Kultur angehört hat. Vergleiche ich diesen Teil mit der reichen autobiographischen Literatur jener Zeit (z.B. Klemperer, Krüger, Grass) ihren realistischen und sur-realistischen Romanen (z.B. der Danziger Trilogie) und dem geschichtlichen Wissen, dann wirkt er unglaubwürdig -- auch wenn man dem Schriftsteller erhebliche Freiheit zubilligt.

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