Roberto Bolaño Ein James Dean war er nichtSeite 2/2

In Bolaños Fall liegt ein großes Missverständnis vor, wenn der sonst so sorgfältige Hanser Verlag Bolaños Biografie auf einer eigens zum Erscheinen des großen postumen Werks eingerichteten Webseite unter den Titel Das wilde Leben des Roberto Bolaño stellt. Nein, es ist nicht einfach nur das wilde Leben, es sind nicht die Drogen und nicht der Exzess, die diesen Autor geprägt haben. Vor allem sind es die schlecht zu vermarktenden, vielen Stunden der Lektüre und des Rückzugs – es ist Bolaños autodidaktische, hart erkämpfte Belesenheit, die ihn zu einem großen Autor gemacht hat.

Schade, dass die Erzählung Últimos atardeceres en la tierra (Letzte Abenddämmerungen auf Erden) nicht auf Deutsch vorliegt, ist sie doch Bolaños einziger Text, der, warmherzig und unerschrocken, von einem desaströsen Vater-Sohn-Verhältnis erzählt. Auch Jaime Quezada, ein Freund der Familie Bolaño, berichtet davon (in: Bolaño antes de Bolaño, Bolaño vor Bolaño). Man muss sich diesen Kontrast einmal vor Augen führen: Léon Bolaño, ein Lebemann, Amateurboxer im Halbschwergewicht, dem der schmale, fast mager wirkende, ewig rauchende und spottende Sohn mit seinen langen Haaren und seiner Poesie als Jugendlicher in Mexiko, aber auch Zeit seines Lebens gegenüberstand. Da ist der fast noch junge Mann im spanischen Exil, der sehr allein in den Außenbezirken von Girona lebt – Sensini, eine der besten Kurzgeschichten Bolaños, ist dieser Zeit gewidmet.

Und da ist der schon erfolgreiche Autor, der mit der Diagnose um eine schwere Leberkrankheit leben muss und gegen die verrinnende Zeit an seinem Roman 2666 schreibt, dessen Korrekturen er nicht mehr abschließen kann, bevor er im Sommer 2003, auf eine Lebertransplantation wartend, in Barcelona stirbt. Der allzu einfache Schluss vom Werk auf die Biografie, der sich in die Formulierung vom "wilden Leben" eingeschrieben hat, führt bei Bolaños deutschem Verlag auch zu dem Fehlschluss, Bolaño habe seinen Schauplatz für 2666 im Norden Mexikos aus eigener Anschauung schon durch die Arbeit an Die wilden Detektive gekannt. Das ist nicht richtig: Er ist in der Grenzregion um Ciudad Juárez nie gewesen, sondern hat, zurückgezogen in seinem Haus im spanischen Blanes, so minutiös recherchiert, wie es nur jemand tun kann, der sich die allermeiste Zeit von der Welt zurückzieht.
 

 
Leser-Kommentare
  1. Dieses Buch besteht aus drei Teilen von unterschiedlicher Art und Qualität. Der erste Teil (wie oben berichtet) beschäftigt sich hauptsächlich mit den Liebesbeziehungen von vier Literaturprofessoren verschiedener Nationalität, die sich auf einen fiktiven zeitgenössischen deutschen Schriftsteller mit dem seltsamen Pseudonym Benno von Archimboldi spezialisiert hatten. Dieser Teil hat psychologische Schärfe und Tiefe und spielt in einem Milieu das Bolaño offenbar vertraut war.

    Der zweite Teil handelt von einer erschreckenden Serie von Frauenmorden in Mexiko, die streckenweise dokumentarisch dargestellt werden. Wie autentisch diese Darstellung ist
    kann ich nicht beurteilen -- jedenfalls hat sie mir starke, rätselhafte Eindrücke hinterlassen.

    Vom dritten Teil kann ich sa nicht sagen. Er behandelt Persönlichkeit und Leben des Archimboldi und spielt vornehmlich im Vorkriegsdeutschland und im Russlandfeldzug -- eine Welt, die Bolñano nicht bekannt sein konnte, da er einer jüngeren Zeit und anderen Kultur angehört hat. Vergleiche ich diesen Teil mit der reichen autobiographischen Literatur jener Zeit (z.B. Klemperer, Krüger, Grass) ihren realistischen und sur-realistischen Romanen (z.B. der Danziger Trilogie) und dem geschichtlichen Wissen, dann wirkt er unglaubwürdig -- auch wenn man dem Schriftsteller erhebliche Freiheit zubilligt.

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