Eine verhüllte Frau im Iran © Behrouz Mehri/AFP

Eine junge hübsche Frau zwischen zwei Männern, einem älteren angesehenen Arzt mit eigener Klinik und einem jungen Gefängniswärter. Ein Spiel zwischen den Geschlechtern, zwischen Arm und Reich. Ein humorvolles Stück über die Liebe – eingebettet in die Frage nach dem Sinn oder Unsinn des Lebens: Stoff, aus dem Woody Allen eine wohltuende Komödie stricken könnte. Hätte sich diese Geschichte in New York zugetragen.

Doch es ist Teheran. Liebe und Begierde sind ebensolche Luxusgedanken wie die Frage nach dem Sinn des Lebens. In seinem Roman Teheran Revolutionsstraße zeichnet Amir Hassan Cheheltan ein düsteres Bild vom Alltag im Iran. Es ist in bedrückendes, in jeder Hinsicht einengendes Leben. Mühsam und ohne Aussicht auf Besserung wälzt es sich durch die schmutzigen grauen Straßen der Stadt.

Der reiche Klinikbesitzer Fattah ist in Wirklichkeit kein Arzt, er hat lediglich als Assistent im Operationssaal gearbeitet, bevor er auf undurchsichtigen Wegen zu Geld gekommen ist. Die junge Frau Schahrsad ist seine Patientin. Er lernt sie kennen, als ihre Mutter und deren Nachbarin sie zu ihm bringen, um ihr das Jungfernhäutchen wiederherzustellen. Dieses benötigt sie für ihre Hochzeit, die in einigen Monaten stattfinden soll. Mustafa, der junge Mann der um ihre Hand angehalten hat, ist ein Aufseher im Zuchthaus Evin im Norden von Teheran. Was Schahrsad nicht weiß: Er ist ein Folterknecht bis hin zu Mord.

Fattah, der Arzt, hat sich in den Kopf gesetzt, die junge Frau zu bekommen. Er verfolgt sie, lauert ihr auf, setzt sie unter Druck, sucht ihre Familie auf und bedrängt diese, in die Heirat einzustimmen. Schließlich vergewaltigt er Schahrsad, sich in dem irrsinnigen Glauben wägend, sie würde ohnehin alsbald ihm gehören. Mustafa, der junge Mann fühlt sich von dem angesehenen Arzt zusehends in die Enge getrieben. Zugleich hat der Onkel des Mädchens seinen Chef im Gefängnis besucht und unangenehme Fragen zu seiner wahren Tätigkeit gestellt. Als Mustafa glaubt, der Konkurrent würde siegen, stellt er einen wahnwitzigen Plan auf, um mit Schahrsad zu fliehen. Die Geschichte endet ebenso tragisch, wie sie begonnen hat. Noch das kleinste Fünkchen Hoffnung auf eine Besserung wird zermalmt, bevor es überhaupt die Chance bekommen hat, das Licht der Welt zu sehen.

Scheinbar unbeteiligt lässt Schahrsad sich von den Ereignissen mitschleifen. Kein Aufschreien, kein Aufbegehren ist von ihr zu hören. Ihre ganze Kraft fließt in das starre Aushalten, das kein Morgen kennt, keine Schuld, kein Selbstwertgefühl. Begleitet wird es vielmehr von Autoritätsglaube und Gehorsam. Und mit dieser Charakterisierung der jungen Frau gelingt Cheheltan eine beeindruckende Reflexion der Befindlichkeit der iranischen Gesellschaft. Gefangen zwischen Tradition und Moderne, Glauben und Aberglauben und brutal unterdrückt von einem Machtapparat der sich tief in die Gesellschaft eingegraben hat, scheint es keinen Ausweg zu geben.

Obwohl der Roman mit einigen Rückblicken in die vorrevolutionäre Zeit in den späten achtziger Jahren spielt, ist er somit auch eine Analyse der Gegenwart. Denn, auch wenn sich in den Protesten und Demonstrationen nach der Wahl im Juni diesen Jahres mehr als ein Funken des Aufbegehrens gezeigt hat, befindet sich die Gesellschaft nach wie vor in dieser gelähmten und sich auch selbst lähmenden Position. Nicht mehr lange jedoch, davon ist Cheheltan überzeugt. Es sei nur eine Frage der Zeit, so sagt er in einem Gespräch, bis sich die Gesellschaft ihr Recht auf Freiheit und ihre eigene Moderne einfordert.

Vielleicht gilt dies in gewisser Weise auch für den Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan selbst: Mehr als dreißig Jahre nachdem sein erster Erzählband Ehefrau auf Zeit 1976 im Iran erschien, habe er nun in Teheran Revolutionsstraße einmal über das schreiben wollen, was ihn wirklich beschäftige. Ohne an die Zensurbehörde denken zu müssen, die im Iran alle Publikationen absegnen muss, bevor diese veröffentlicht werden können. Cheheltan ist davon überzeugt, dass für seinen neuen Roman keine Möglichkeit der Publikation bestünde. Er hat es auch gar nicht erst versucht.